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Grün oder Pflastergrün?

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Von: Andrea Gräpel

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Schon aktuell wird der Behelfsparkplatz auch außerhalb von Veranstaltungen zum Parken genutzt.
Schon aktuell wird der Behelfsparkplatz auch außerhalb von Veranstaltungen zum Parken genutzt. © Ursula Nagl

Am Sonntag entscheiden die Dießener über den Ausbau des Behelfsparkplatzes an der Rotter Straße. Bis Mittwoch waren bereits 1930 Briefwahlunterlagen dazu ausgegeben worden.

Dießen – Im Foyer des Dießener Rathauses steht eine Kabine, in der noch bis heute 12 Uhr vorab abgestimmt werden kann. Bis dahin werden Briefwahlunterlagen für den Bürgerentscheid am kommenden Sonntag ausgegeben. Es geht um die Frage, ob der Behelfsparkplatz an der Rotter Straße ausgebaut werden soll. Vorausgesetzt, alle Briefwahlstimmen sind gültig, wäre damit bereits das notwendige Quorum von mehr als 20 Prozent der Stimmberechtigten erreicht. Dies, obwohl Ferien sind. Darüber ist auch Geschäftsleiter Karl Heinz Springer einigermaßen erstaunt. Er ist stellvertretender Abstimmungsleiter und hätte sich die Abstimmung außerhalb der Ferienzeit gewünscht, „aber das ging leider nicht. Wir werden sehen, was am Sonntag draußen an den Urnen passiert.“ Zur Abstimmung aufgerufen sind rund 8600 Stimmberechtigte. Zuletzt gab es in der Marktgemeinde 2016 einen Bürgerentscheid zum Kiosk in den Seeanlagen. Ein Entscheid zum Ausbau der Wolfsgasse wurde abgelehnt.

Von 8 bis 18 Uhr haben die Dießener am Sonntag in zehn Stimmbezirken Gelegenheit, sich auf eine Seite zu schlagen. Gegenüber den ursprünglichen Planungen von rund 150 Stellplätzen hatte sich der neue Gemeinderat zu Beginn des Jahres für eine aufgelockerte Anordnung auf fast die Hälfte der Stellplätze und intensiver Begrünung entschieden. Kostenschätzung: rund 760 000 Euro.

Die Bürgerinitiative hält dies für nicht notwendig. Die Frage ihres Bürgerbegehrens lautet: „Sind Sie dafür, dass der Markt Dießen am Ammersee seine Planungen zur Errichtung eines befestigten, ganzjährig nutzbaren Parkplatzes an der Rotter Straße auf der Fl.Nr. 1692, Gemarkung St. Georgen, einstellt und die unversiegelte Grünfläche mit temporärer Parkmöglichkeit für Veranstaltungen somit erhält?“. Der Marktgemeinderat hat dem im Mai mehrheitlich ein Ratsbegehren gegenübergestellt. Darin lautet die Frage: „Sind Sie dafür, dass der Markt Dießen am Ammersee ... den Ausbau des bisherigen Entlastungsparkplatzes ... an der Rotter Straße, realisiert und somit einen befestigten, ganzjährig nutzbaren Parkplatz schafft?“ Im Zweifel entscheidet eine Stichfrage.

Die Argumente fürs Ratsbegehren von Bürgermeisterin Sandra Perzul:

Als Bürgermeisterin und Befürworterin des Projektes ist es mir sehr wichtig, die Fakten und Hintergründe zum Projekt Parkplatzausbau in den Fokus zu rücken. Häufig höre ich das Argument, dass die Fläche komplett betoniert werden soll. Das ist nicht richtig. Was wir an dieser Stelle realisieren wollen, ist ein klimafitter Parkplatz mit naturnaher Ortsgestaltung. Dazu gibt es modernste urbane Konzepte, die wir nutzen wollen.

Tatsächlich werden nur 34 Prozent der Fläche versiegelt. Dies erreichen wir, indem nur die Fahrwege asphaltiert werden, die Stellflächen für 86 Fahrzeuge werden mit Rasengittersteinen errichtet. E-Ladesäulen unterstützen unser Engagement in Sachen Elektromobilität. Der Umbau gibt uns die Möglichkeit, die dringend nötige Entwässerung des Grundstückes einzubauen. Versickerungsmulden werden über das ganze Grundstück eingebaut, das Wasser wird so gespeichert und nur langsam weitergeleitet. Insbesondere bei den immer häufiger auftretenden Starkregenereignissen ist dies wichtig. Die Versickerungsmulden werden zusätzlich bepflanzt als Lebensraum für Tiere und Insekten ganz im Sinne der Biodiversität. Weitere Grünflächen mit Bäumen, Sträuchern und Blühpflanzen werden ebenso Bestandteil der Anlage und fördern das Ortsklima durchwegs positiv. Das hat uns auch eine Expertin der TU München bescheinigt. Sie bewertet die Maßnahme als positiv im Sinne einer wasserbewussten Stadtplanung insbesondere im Hinblick auf den Klimawandel. Wichtig ist auch, dass uns die Städtebauförderung beim Parkplatzausbau mit Fördermitteln unterstützen wird. Gespräche sind bereits geführt. Eine Parkraumbewirtschaftung wird zur Refinanzierung beitragen.

Nicht nur die große Mehrheit des Dießener Gemeinderates hat sich für den Ausbau des Parkplatzes ausgesprochen. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Parkplatz auch für den ganzen Ort von echtem Nutzen sein wird. Bei Veranstaltungen in der Kirche, bei Märkten wie dem Weihnachtsmarkt und dem Töpfermarkt, als Ausgangspunkt für Wanderungen in Richtung Schatzberg und dergleichen mehr wird der Parkplatz benötigt. Dazu muss der jetzige Behelfsparkplatz aber ausgebaut werden, daher „Ja“ zum Parkplatz.

Die Argumente fürs Bürgerbegehren von BI-Sprecher Peter Bierl:

Hitzewellen und Trockenheit, Überschwemmungen und Waldbrände, bald könnte das Trinkwasser rationiert werden. Der Klimawandel ist unübersehbar. Wir müssen deshalb komplett umsteuern.

Dazu gehört, dass der Verkehr umweltfreundlicher organisiert wird. Wir brauchen in Dießen Anrufsammeltaxen und kleine Citybusse zu günstigen Tarifen, sehr viel mehr Carsharing, Rad- und Fußwege, dazu ein Parkraumkonzept, das Alte und Behinderte bevorzugt, die auf das Auto angewiesen sind, wenn sie einkaufen oder zum Arzt müssen. Touristen sollen mit der Bahn kommen. Völlig unsinnig ist hingegen der Ausbau des Parkplatzes an der Rotter Straße.

Niemand parkt an der Rotter Straße und marschiert dann mehr als einen Kilometer weit, um im See zu baden, am Untermüllerplatz ein Bier zu trinken oder durch die Mühlstraße zu bummeln. Unser Argument wird bestätigt durch eine Studie (ISEK), die die Gemeinde in Auftrag gegeben hat: Der Parkplatz an der Rotter Straße kann das Ortszentrum nicht entlasten, heißt es darin.

Damit wird der Ausbau zur reinen Geldverschwendung. Im Haushalt sind 760 000 Euro vorgesehen – am Ende wird es viel teurer werden. Dafür würde die Zahl der Parkplätze von 153 auf 75 reduziert. Absurder geht es kaum.

Wir meinen, die Gemeinde sollte das Geld für wichtigere Dinge ausgeben. Im Winter werden viele Heizung, Warmwasser und Strom nicht mehr bezahlen können und am Essen sparen müssen. Die Kommune soll sich darauf vorbereiten, diese Menschen zu unterstützen.

Der Ausbau ist Umweltzerstörung. Selbst nach Angaben der Gemeinde wird mindestens ein Drittel der Fläche versiegelt. Obendrein verschlingt der Bau Rohstoffe und Energie. Zu allem Überfluss will die Gemeinde den ausgebauten Parkplatz, der im Regelfall fast leer stehen wird, nachts beleuchten. Das ist zusätzliche Energieverschwendung.

Wir hätten nichts dagegen, den Parkplatz an der Rotter Straße mit Bäumen und Büschen zu bepflanzen, für wesentlich weniger Geld die Einfahrt oder die Entwässerung zu verbessern. Bloß wurde unser Gesprächsangebot ignoriert.

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