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Dr. Margit Vetter und Rainer Jünger (Mitte) übergaben am Freitag an Bürgermeister Christian Schiller 60  Briefe von Herrschingern, die es im Sommer schier nicht mehr aushalten.

Mücken-Bekämpfung

„Wieder ein normales Leben führen“

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Sie sind eine Plage: Überschwemmungsmücken. Rund um den Ammersee könnte es einem Teil ihrer Larven bald an den Kragen gehen. Nach Wörthsee entscheidet Herrsching über die Kartierung, nach der das Anti-Mücken-Eiweißkristall Bti gezielt ausgebracht werden könnte.

Herrsching – Die Zahnärztin Dr. Margit Vetter ist in diesem Sommer viel unterwegs gewesen in Herrsching. „Ich bin mit meiner kleinen Tochter durch den Ort und habe bei den Menschen geklingelt.“ Sie wollte wissen, wie die Einwohner mit den Mücken leben. Dabei geht es nicht um die Hausmücken, die in der Regentonne schlüpfen und dann in der Dämmerung nerven, sondern um die Überschwemmungsmücken. Diese sind rund um die Uhr aktiv und entfernen sich kilometerweit von ihren Brutstätten. In bei starken Niederschlägen überschwemmten Flächen legen sie ihre Eier ab, die dort bis zu zehn Jahre überstehen. Was tun gegen die Plage, die auch am Starnberger See Anwohner und Besucher beinahe in den Wahnsinn treibt?

Abhängig von der Witterung hat es in den vergangenen Jahren immer wieder Mückenplagen gegeben. Wie sehr die Menschen allein in Herrsching unter den Biestern leiden, haben sie auf Anregung von Vetter in kurzen E-Mails zusammengefasst. 60  dieser Stellungnahmen übergab die Zahnärztin im Herrschinger Rathaus am Freitag an Bürgermeister Christian Schiller. Die Briefe seien zum Teil so erschütternd gewesen, dass sie sie abends nicht habe lesen können, berichtete die Ärztin bei der Übergabe. „Die Menschen wollen wieder ein normales Leben führen. Und es ist ihnen ein Rätsel, warum nichts geschieht, obwohl es doch Möglichkeiten gibt.“

Der Geologe Rainer Jünger aus Schondorf hat gemeinsam mit der Inninger Gemeinderätin Barbara Wanske, Echings Bürgermeister Siegfried Luge, Margit Vetter und anderen das Netzwerk „Mückenplage, nein danke“ initiiert. Es setzt sich für den Einsatz des Bodenbakteriums Bacillus thuringiensis israelensis (Bti) ein. Das von ihm gebildete Eiweißkristall wirkt auf alle Mückenarten, besonders aber auf Stechmücken. Es lagert sich an den Rezeptoren der Darmzellen ab und bringt diese zum Platzen. Für andere Insekten, Tiere und Menschen ist es unschädlich – das hat der seit 40 Jahren währende Einsatz am Oberrhein gezeigt. Demnach hat der Einsatz von Bti auch keinen Einfluss auf die Artenvielfalt und damit das Insektensterben.

Vetter und Jünger betreiben Überzeugungsarbeit. „Wir wollen die Mücken nicht ausrotten oder dezimieren“, stellte Jünger bei der Übergabe der Stellungnahmen fest. Bti werde nur bei Plagen und sehr gezielt eingesetzt und sorge lediglich dafür, „die Anzahl der Mücken auf das normale Maß zurückzuführen“.

Auch am Chiemsee wird Bti seit zwölf Jahren eingesetzt. Die vergangenen drei Jahre war die Verteilung der kleinen Kügelchen in den kartierten Gebieten nicht mehr nötig, da die Population auf ein normales Maß zurückgegangen war. Jünger geht davon aus, dass sich das auch im Landkreis so entwickeln könnte – vorausgesetzt, die Gemeinden ziehen an einem Strang. Die Kosten liegen bei 1,30 Euro pro Bürger, im westlichen Bereich wären das an die 50 000 Euro im Jahr, schätzte Schiller. „Ich stehe dem positiv gegenüber“, sagte er. In der Gemeinderatssitzung am 13. November kommen Experten, auch aus dem Lager der Gegner, zu Wort. Diese argumentieren, dass Bti auch die Larven der Zuckmücken dezimiere, die als wichtige Nahrungsquelle für Vögel, Fledermäuse und Fische gelten.

Sollte sich die Gemeinde Herrsching für die Kartierung entscheiden, ist noch längst nicht sicher, das nächstes Jahr mit dem Einsatz von Bti begonnen werden kann. Die Kartierung ist aufwendig, die Regierung von Oberbayern muss zustimmen, die Abläufe müssen organisiert werden. Jünger versicherte, dass Bti nicht an fließenden oder stehenden Gewässern, nicht im See und auch nicht in bebauten Gebieten eingesetzt werde. Schon in diesem Sommer haben Mitarbeiter der Universität Oldenburg rund um den Ammersee mittels acht Fangfallen die Mückenbestände untersucht, um herauszufinden, wo genau die Quellen für übermäßig große Populationen sitzen. Verteilt werde das Bti-Granulat per Hubschrauber oder Drohne, und dies sehr gezielt.

Vetter hat schließlich noch ein Argument in petto für Bti: „Jetzt üben die Leute Selbstjustiz und spritzen richtiges Gift in ihre Hecken. Das gilt es auf jeden Fall zu verhindern, denn so sterben wirklich alle Insekten.“

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