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Raffs Geschenk zum Abschied: ein Forschungsauftrag

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Eine ganze Reihe Publikationen über Dießen und die Region hat Thomas Raff verfasst, dafür und für seinen Verdienst um die Heimatgeschichte überreichte ihm Bürgermeisterin Sandra Perzul nun den Goldenen Ehrenring der Marktgemeinde.
Eine ganze Reihe Publikationen über Dießen und die Region hat Thomas Raff verfasst, dafür und für seinen Verdienst um die Heimatgeschichte überreichte ihm Bürgermeisterin Sandra Perzul nun den Goldenen Ehrenring der Marktgemeinde. © Ursula NAGL

In einem kleinen, sehr persönlichen und wertschätzendem Rahmen hat die Verleihung des Goldenen Ehrenringes in Dießen stattgefunden. Der Kunsthistoriker Thomas Raff erhielt die hohe Auszeichnung der Marktgemeinde für seine Verdienste um Kultur und Erforschung der Ortsgeschichte.

Dießen - „Wenn man eine Person sucht, die am meisten über kulturelle, kunsthistorische und heimatgeschichtliche Kenntnisse, auch in Bezug auf unsere Marktgemeinde verfügt, fällt sogleich der Name Professor Dr. Thomas Raff“, hob Bürgermeisterin Sandra Perzul bei der Verleihung im Sitzungssaal des Rathauses hervor. Kaum ein anderer habe sich in den vergangenen Jahrzehnten mit so viel Herzblut und Liebe für die Marktgemeinde eingesetzt und Bleibendes geschaffen. Es sei ihr eine Ehre den elften Ehrenring der Gemeinde an den langjährigen Vorsitzenden des Heimatvereins überreichen zu dürfen, so Perzul vor den geladenen Gästen, zu denen neben den Fraktionsvorsitzenden des Gemeinderats auch Mitglieder des Kulturbeirats und Perzuls Vorgänger, Herbert Kirsch, gehörten.

Raff wurde 1947 in München geboren. In seiner Kindheit verbrachte er mit seiner Familie die Ferien in Dießen und besuchte in Schondorf das Landheim. Nach einem nahezu abgeschlossenen Jurastudium folgte er seiner Leidenschaft und wechselte in die Geisteswissenschaft. Er studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Europäische Ethnologie. Seit 1985 war er als Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Kunstgeschichte in Augsburg tätig. Nach seiner Habilitation 1991 übernahm er die Lehrstuhlvertretung und ab 1996 eine außerplanmäßige Professur. „Und unserem Heimatverein in Dießen sind sie länger verbunden, als ich auf der Welt bin“, nämlich mehr als 40 Jahre, resümierte Sandra Perzul. Zuerst war er Referent für Ortsgeschichte, dann zweiter Vorsitzender und von 1991 bis 2021 Vorsitzender des Heimatvereins.

Auf Anregung Raffs vergibt der Heimatverein seit 1983 die Auszeichnung „Haus des Jahres“. Im Rathaus wurde mit seiner Unterstützung eine Archivstelle eingerichtet. Von ihm stammt auch die Idee, an den Straßenschildern historische Straßennamen auf kleinen Zusatzschildern zu erklären. Im Park des Dießener Augustinums erinnert ein Denkmal an den Karikaturisten und Simplicissimus-Zeichner Thomas Theodor Heine, der einst in der Marktgemeinde lebte und vor den Nazis flüchten musste. Heine-Forscher Raff hat ihn ins Gedächtnis der Dießener zurückgeholt. Im Laufe der Jahre habe der neue Träger des Ehrenrings einen ganzen Schatz an kulturellem und kunsthistorischem Wissen über Dießen und die Region gesammelt. Er setzte Projekte und Menschen in Bewegung.

Auch er habe 1982, nach seinem Umzug an den Ammersee Raffs Buch „Dießen in alten Darstellungen und Ansichten“ verschlungen und so zu einem besseren Verständnis für Ort gefunden, so Ex-Bürgermeister Kirsch. Er denke gerne an die gute Zusammenarbeit, „ihnen konnte ich immer vertrauen“. So sah es auch Raff: „Für ihren Vorgänger Bürgermeister Schad waren wir linke Spinner“, erinnerte er sich. „Aber er ließ uns machen. Mit Bürgermeister Kirsch sind wir dann gemeinsam groß geworden.“

Die Freude an der ehrenamtlichen Arbeit sei stets seine Motivation gewesen. „Mir fallen eben Sachen auf, die ich mir nicht erklären kann, und dann suche ich nach einer Lösung.“ Zum Beispiel das Dießener Wappen, auch „Fischermartl“ genannt. Schon in seiner Jugend habe er sich gefragt, warum die Dießener ihr Wappen, das eindeutig den Heiligen Georg zeige, Fischermartl nennen. Jahrzehnte später fand er mit dem Heimatforscher Herwig Stuckenberger die Lösung: Die ungewöhnliche Bezeichnung gehe auf ein Theaterstück zurück, das in Dießen im 19. Jahrhundert aufgeführt wurde und die Geschichte des tapferen Dießener Fischers Martin erzähle, der als Held mit dem Wappen auf die Bühne trat. Der Fischermartl eben.

Aktuell, so Raff, beschäftige ihn die Frage, wer sich der Ortsgeschichte widmen werde, wenn er und seine Weggefährten nicht mehr da sind. Dann könne man nicht mehr sagen, fragt bei Dr. Raff in München nach. Deshalb hoffe er sehr, dass sich die Gemeinde weiterhin bemühen werde, das Gemeindearchiv zu ertüchtigen und zu digitalisieren und für Schüler, Studenten und andere Interessierte eine Anlaufstelle für Ortsgeschichte zu schaffen.

Einen kleinen Forschungsauftrag brachte der 75-Jährige, der „20 Meter“ seiner heimatkundlichen Bibliothek bereits der Gemeinde vermacht hat, als Geschenk mit: eine goldgerahmte, historische Radierung, unter der mit geschwungener Schrift steht „Ansicht bei Dießen über den Ammersee“. „Vielleicht findet jemand heraus, wo diese Stelle ist, die auf diesem Blatt verewigt wurde.“

Als Träger des Ehrenrings steht Raff nun in einer Reihe mit Monsignore Heinrich Winterholler, mit dem Keramiker und Heimatforscher Ernst Lösche sowie mit Liselotte Orff.  

Ursula Nagl

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