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„Schmuckkasterl“ mit 360 Jahren Geschichte

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Das „Haus des Jahres“ steht Am Kirchsteig 28 in Dießen-St. Georgen. Die Freude war groß, als Matthis Rodach (l.) und Nue Ammann (r.) vom Heimatverein Dießen die Eigentümer Birgit Meyer und Roland Seidl auszeichneten.
Das „Haus des Jahres“ steht Am Kirchsteig 28 in Dießen-St. Georgen. Die Freude war groß, als Matthis Rodach (l.) und Nue Ammann (r.) vom Heimatverein Dießen die Eigentümer Birgit Meyer und Roland Seidl auszeichneten. © Dieter Roettig

Der Heimatverein Dießen hat das Anwesen Am Kirchsteig 28 in St. Georgen als „Haus des Jahres“ ausgezeichnet. Die Eigentümer Birgit Meyer und Roland Seidl wurden damit für den Erhalt des 360 Jahre alten Gebäudes gewürdigt.

Dießen – Seit 1983 verleiht der Heimatverein Dießen die Auszeichnung „Haus des Jahres“, verbunden mit einer attraktiven Bronzeplakette. Sie geht an Eigentümer älterer und ortsbildprägender Gebäude, die sie im Sinne der Denkmalpflege saniert und renoviert haben. Insbesondere wird dabei auf den Erhalt überkommener Elemente wie Fenster, Türen, Dachdeckung oder Putzstrukturen geachtet. In diesem Jahr können sich Birgit Meyer und Roland Seidl über die Wertschätzung ihrer jahrelangen Arbeit für das Haus Am Kirchsteig 28 freuen. Die Goldschmiedin und der Messebauer sind seit 2005 Eigentümer des Anwesens in Dießen-St. Georgen, dessen Ursprung bis ins Jahr 1662 als „Haus Nr. 13“ zurückgeht.

„Ein Haus mit mehreren Hundert Jahren Geschichte zu übernehmen, ist wahrlich kein Rundum-Sorglos-Paket“, sagte Seidl bei der Auszeichnung im Rahmen der Mitgliederversammlung des Heimatvereins im Wirtshaus am Kirchsteig am Freitag. Seit seinem Einzug am 1. Oktober 2005 stemmt das Paar fast alle Renovierungsarbeiten in Eigenleistung. Wo immer es ging, wurde Altes erhalten. So wurden beispielsweise die Dielenbretter im Obergeschoss vorsichtig ausgebaut, abgeschliffen und nach dem Ausflocken des Zwischenbodens wieder verlegt. Für die neuen Holzfenster recherchierte Seidl nach historischen Griffen und wurde bei einem Abbruchhaus in Dresden fündig.

Mit dem kalkweißen Außenanstrich und den roten Fensterläden wirkt das Gebäude jetzt fast wie neu. Da keine Wand eines so alten Hauses exakt und gerade ist, zogen Meyer und Seidl alle Ecken und Kanten mit einer Handkelle ab. Unter mehreren Schichten Wandfarbe entdeckten sie die im 18. Jahrhundert üblichen Walzenmuster der Decke, die sie daraufhin in originalgetreuen Farben nachmalen ließen. Eine neue Heizung und Bäder rundeten die Renovierungsarbeiten ab.

Der Schneider Christoph Aicher hatte rund 20 Jahre lang in dem um 1662 gebauten Haus mit dem Namen „Großschneider“ gelebt und gearbeitet, das als sogenannte „Sölde“ zum Kloster Dießen gehörte. Später wechselten die Pächter der Hofstelle, bis 1769 der in Diensten des Klosters stehende Berufsjäger Anton Scheuerl einzog. Und so bürgerte sich der zweite Hausname – „Oberjäger“ – ein. Mit der Säkularisation 1802 fiel der grundherrschaftliche Klosterbesitz an den bayerischen Staat. Die Pächter der Sölden konnten sie nunmehr gegen eine Ablöse erwerben.

Wer die ersten Besitzer waren, lässt sich nicht mehr feststellen. Belegt ist, dass um 1900 das Kaufmannsehepaar Johann und Maria Lampl im rechten Teil des Erdgeschosses eine Krämerei eröffneten. 60 Jahre lang diente der Kolonialwarenladen, den später die Lampl-Töchter Maria und Amelie betrieben, den Bewohnern von St. Georgen zur Versorgung mit Lebensmitteln und Drogeriewaren. Im linken Teil praktizierte bis in die 1960er-Jahre ein Zahnarzt. 2005 entdeckte der in Dießen lebende Messebauer Roland Seidl bei einem Spaziergang das Haus, als die Erben von Maria Lampl lautstark entrümpelten. Man kam ins Gespräch, freundete sich an und schließlich verkauften die Erben das heruntergekommene Juwel an Sohn und Vater Seidl. So wie das Haus heute dasteht, nennt es Birgit Meyer „Schmuckkasterl“.

Dieter Roettig

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