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Stahlbeton in barockem Gewand

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Von: Andrea Gräpel

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Kirchenpflegerin Barbara Mann (l.) und Architektin Verena Selmigkeit
Die Fotografien, die Kirchenpflegerin Barbara Mann (l.) und Architektin Verena Selmigkeit hochhalten, zeigen den alten Turm mit der später aufgesetzten Spitzhaube und die Bausünde, die den alten Turm zunächst ersetzte und die so gar nicht zum Marienmünster passte. © Dagmar Rutt

Die ersten Schäden waren bereits vor zehn Jahren sichtbar. „Sogar mein Vorgänger hat das schon angesprochen“, sagte Dießens Pfarrer Josef Kirchensteiner gestern. Gemeinsam mit Kirchenpflegerin Barbara Mann und Architektin Verena Selmigkeit erläuterte er die Sanierungsarbeiten, mit denen im August am Kirchturm neben dem Marienmünster begonnen wurde.

Dießen – „Man musste Angst haben, dass der Putz abplatzt“, sagte Verena Selmigkeit, die die Arbeiten im Auftrag des Staatlichen Hochbauamtes beaufsichtigt. Die Westseite des Turms weise starke Witterungsschäden auf, die dringend beseitigt werden müssten. Diese Schäden beträfen vor allem die Westseite und nur die Außenmauer, „die Substanz ist in einem guten Zustand“. Kein Wunder, der Turm ist erst 35 Jahre alt.

Kirchensteiner staunt auch nach fünf Jahren noch. Seitdem betreut er die Pfarrgemeinde Maria Himmelfahrt. „Faszinierend, dass der Stahlbeton nach außen hin so filigran wirkt“, findet er und schwärmt von den Verzierungen „in wunderbarer Barockmanier“. Anders als er hat Kirchenpflegerin Barbara Mann den Bau vor 35 Jahren hautnah miterlebt. Ihr Vater Erich war einer derjenigen, die diesen Neubau mit vereinter Kraft aller Dießener vorangetrieben hat. Und wenn man die alten Fotografien sieht, versteht man warum. Denn neben dem Marienmünster ragte lange Zeit ein schmuckloser Betonklotz in die Höhe, der mit der barocken Kirche nichts gemein hatte.

Dieser Klotz hatte einen Turm ersetzt, der 1827 durch einen Brand zum Großteil zerstört und daraufhin durch eine Spitzhaube provisorisch ergänzt wurde. Als er endgültig baufällig wurde, war man vermutlich froh, überhaupt einen Turm zu haben – anders lässt sich der in der Folge erbaute „Klotz“ nicht erklären.

Dabei hat der Turm wie so vieles auf diesem geschichtsträchtigen Gelände eine besondere Bedeutung. Auf einem alten Stich ist noch deutlich zu erkennen, dass er einst die Verbindung war zwischen der alten gotischen Kirche und dem barocken Marienmünster. Der Turm stand direkt dazwischen, ursprünglich zur alten Kirche gehörend. Diese wurde abgerissen und der Turm später vom Baumeister des Münsters, von Johann Michael Fischer, „barockisiert“, so Barbara Mann. So passte er besser zur noch bestehenden Kirche. Als dieser Turm baufällig wurde, folgte die Bausünde. Die Dießener konnten sich über den neuen Turm nicht freuen. Schließlich gründete sich ein Kuratorium „Dießener Kirchturmbau“ und kämpfte für einen Neubau.

Seit Mitte August ist der Kirchenturm am Marienmünster eingerüstet.
Seit Mitte August ist der Kirchenturm am Marienmünster eingerüstet. © Dagmar Rutt

Gemeinsam mit dem Architekten Richard Zehetmeier arbeitete das Kuratorium an einem Entwurf und orientierte sich an den Türmen im Bergmüllerschen Hauptfresko des Marienmünsters. Erstaunlicherweise gibt es unter all den alten Plänen im Münster tatsächlich keine vom ursprünglichen Turm. Dessen Geschichte wurde bislang weder archiviert noch explizit dokumentiert.

Also entstand der heutige Turm – aus robustem, unten einen Meter dickem Stahlbeton. Die Wände verjüngen sich nach oben hin auf 65 Zentimeter, so Verena Selmigkeit. „Und am Vorabend meiner Priesterweihe wurde die Zwiebel auf den Turm gesetzt“, sagt Kirchensteiner. Das Datum könne er sich so gut merken. 35 Jahre liegt dies zurück. Kirchensteiner war aber nicht persönlich dabei.

Heute sind die Dießener stolz auf diesen Turm, den sie manchmal auch Fischer-Turm nennen, obwohl der Baumeister des Marienmünsters nichts mit diesem modernen Bauwerk zu tun hat. Aber es passt nun alles zusammen, und wer es nicht weiß, sieht dem Turm das jugendliche Alter nicht an. Damit das so bleibt, erfolgt nun die Sanierung des inklusive Kreuz insgesamt etwa 80 Meter hohen Bauwerks. 700 000 Euro lässt der Freistaat dafür springen. Fünf Prozent dieser Kosten, die wiederum zu 60 Prozent von der Diözese getragen werden, muss die Pfarrkirchenstiftung bezahlen. 14 000 Euro sind es, rechnet Barbara Mann vor und versäumt als gewissenhafte Kirchenpflegerin nicht, darauf hinzuweisen, dass Spenden für diese Summe willkommen sind.

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