Fischer wie Dr. Bernhard Ernst versuchen, sich den Veränderungen anzupassen.
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Fischer wie Dr. Bernhard Ernst versuchen, sich den Veränderungen anzupassen.

Renkensaison neigt sich dem Ende zu – Seetemperaturen werden für Fischer Herausforderung

Der Brotfisch im Wandel der Zeit

  • VonAndrea Gräpel
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Der erste Dampfer legt gerade in Breitbrunn an. Das Nebelhorn ertönt in regelmäßigen Abständen, auf dem See ist nach wenigen Meter nichts mehr zu sehen. Es ist Herbst am Ammersee, obwohl der Sommer noch nicht vorbei ist. Dr. Bernhard Ernst beobachtet den Nebel. Der Vorsitzende der Fischereigenossenschaft ist gespannt, wie sein Fang diesmal ausfällt. Denn die Saison war schlecht. Und doch – er ist optimistisch.

Ammersee - Sobald die Sonne aufgeht, gehen Fischer raus auf den See. Aktuell gegen 6.30 Uhr. Das ist auch an diesem Tag so. Ernst freut sich, dass es wenigstens trocken ist. Denn bei dem Regen der vergangenen Tage ging’s auch ihm richtig nass rein. Genauso war der Fang. „Schau’n wir mal, wie’s heute wird“, sagt er und blickt über den See, der im Nebel liegt. Noch ist das andere Ufer zu erahnen. „Das kann sich immer schnell ändern“, weiß er. Ohne Kompass fahre auch ein erfahrener Fischer wie er schnell im Kreis.

Weiter südlich auf dem See sind im Nebel noch die Umrisse der Schondorfer Fischerfamilie Schwarz zu sehen. Ernst freut sich. Beide Töchter hätten nach ihrem Studium eine Ausbildung im elterlichen Betrieb angefangen. „Dann weiß man, es geht weiter“, sagt er. Von den 34 Fischern auf dem Ammersee, seien immerhin viele schon älter.

Ernst selbst ist Fischer in der 13. Generation – aus Passion und mit einer großen Portion Idealismus. Das gehöre dazu. „An den oberbayerischen Seen haben Fischer noch nie von Fischerei allein gelebt“, sagt er. Der Uttinger zum Beispiel ist auch Biologe und Sachverständiger für Gewässerökologie. Eine ideale Fügung. Aber für alle Kollegen gelte, „es gab immer ein zweites Standbein“. Mit Ausnahmen. Seine Kollegin Regine Metzger in Dießen zum Beispiel, die auch einen eigenen Teich bewirtschafte. „Die hat gerade ihren Laden eröffnet. Die Leute stehen Schlange.“ Die regionale Vermarktung boomt. Das sei ausbaufähig. „Es wäre töricht, diese Nachfrage nicht zu bedienen.“

Auch Ernst vermarktet regional – im Sommer Renken und den edlen Ammersee-Saibling. Allerdings vorwiegend an die Gastronomie. Ab Oktober bringt er die großmaschigeren Netze für Zander aus. Der Brotfisch der Ammerseefischer aber bleibt die Renke. Noch bis Ende September dauert die Saison, dann beginnt die Schonzeit.

Schon beim Fischerjahrtag im Juni in Dießen sprach Ernst von einem schlechten Fangjahr. Die Wassertemperatur steige immer häufiger in den roten Bereich. Das zwingt die Renken in die Tiefe. Daran hat sich im Juli und August trotz des oftmals kühlen Wetters nichts geändert. Mit 19 Grad wird die Temperatur aktuell angegeben. Allen Sommerfrischlern viel zu kalt. Aber als Gewässerökologe und Spross einer Fischerfamilie am Ammersee sagt er: „Vor 30 Jahren war das normal.“ Trotzdem landet die Renke häufig nicht im Netz. „Dort unten ist es ihnen wiederum zu kalt und zu dunkel, da bewegen sie sich nicht.“

Jüngste Beprobungen machten gleichwohl deutlich, dass sämtliche Renken-Jahrgänge im See vertreten sind. Bis zu elf Jahre alt wird die Renke, und Nachwuchs ist auch da. „Ein gutes Zeichen“, so der Fischer. Das Problem sei, dass die Renke auf der Suche nach kühleren Bereichen ständig die Wasserschichten wechsle. Die Ammerseefischer probieren sich deshalb in diesem Jahr an Bodennetzen, die für den Renkenfang relativ ufernah in 15 bis 25 Meter Tiefe ausgebracht werden, für Saiblinge ab 40 Meter. Üblicherweise verwenden die Fischer sogenannte Schwebnetze. Ernst hat zwei Schweb- und vier Bodennetze ausgebracht – auch eines in 60 Meter Tiefe für Saiblinge.

„Ohne die Bodennetze hätten wir heuer gar nichts“, sagt er. Aber landet ein Exemplar im Netz, dann ist es relativ groß. „Wir sind der einzige See in Oberbayern, wo die Maschenweite in den letzten Jahren erhöht werden konnte“, freut sich Ernst. „Das zeigt, dass wir nicht alles falsch gemacht haben.“ Wie zum Beweis holt er in dem Moment, in dem er dies sagt, ein Prachtexemplar aus dem Netz.

Allmählich füllt sich die Fangkiste. Nachdem er am Vortag mit gerade mal 20 Fischen an Land kam, hofft er diesmal auf mehr. Sein größter Fang in diesem Jahr waren 60 Fische an einem Tag. „Aber ich könnte das Doppelte verkaufen. Die Nachfrage ist groß“, sagt er. Währenddessen zieht eine noch dichtere Nebelwand über den See. Das Ufer ist kaum mehr zu sehen. Ernst mag diese Stimmung, mehr noch den Moment, wenn der Nebel wieder aufreißt. „Das hat was Mystisches.“ Er lauscht dem Nebelhorn des Ammerseedampfers. „Der hat eine andere Route“, weiß der 50-Jährige, darum macht er sich keine Sorgen – so lange er noch das Ufer erahnen kann. „Denn man hat schnell die Orientierung verloren“, sagt er und freut sich, als ein markantes Segelschiff vor ihm aus dem Nebel auftaucht, das an einer Boje liegt. Er kennt es, es liegt am Ufer vor der Alten Villa. Sein Orientierungssinn hat ihn also nicht verlassen. Nur bei der Suche nach dem letzten Bodennetz will er schon aufgeben, als er doch noch die Boje erkennen kann, an der es hängt.

Es lohnt sich, es ist das tiefe Bodennetz für die Saiblinge. Ernst spricht von einem „Drei-Sterne-Fang“. „Unsere Tiefseesaiblinge unterscheiden sich von den Wildfang-Saiblingen in Walchensee, Starnberger See oder Tegernsee. Sie sind kleinwüchsig, werden kaum 100 Gramm schwer, sind weißlich-grün bis silbriggefärbt und haben große Augen und ein rötliches fettreiches Fleisch.“ Vor allem seien sie aber sehr schmackhaft, sagt er.

Der erste Ammersee-Saibling, den er im Netz hat, scheint tatsächlich winzig, fast wie eine Ölsardine. „Es kann aber durchaus sein, dass er schon vier oder fünf Jahre alt ist“, sagt Ernst. Eine ganze Reihe weiterer Saiblinge folgt. Sogar ein paar richtig große sind dabei, über die auch der erfahrene Fischer staunen muss. Der Wechsel zu den Bodennetzen hat sich zumindest diesmal gelohnt. „Wir müssen dranbleiben“, sagt er. Als Wissenschaftler meint er damit, die Entwicklung der Fische und des Sees zu beobachten, aber auch die regionale Vermarktung und das Ansehen seiner Zunft. Wobei er zu erkennen meint, dass die Wertschätzung zunimmt.

Nach knapp drei Stunden zurück an Land, hievt Ernst die Fangkisten doch noch zufrieden auf seinen Pickup. „Jetzt einen warmen Kaffee“, sagt er und macht sich auf den Weg nach Hause.

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