Der Mühlbach, hier der Mündungsbereich zum Ammersee, wird seit 1895 zur Stromerzeugung genutzt. Foto: Nagl

Die Kraft des Wassers

Dießen - Schon bald soll die Wasserkraft des Wasserfalls am Untermüllerplatz in Dießen wieder zur Stromgewinnung genutzt werden. Bis in die 70er Jahre drehte sich hier das Wasserrad der ehemaligen Hofnermühle.

Früher teilten sich Mühlen und Sägewerke die Wasserrechte am Bach. Darunter auch die Mühle des Klostermüllers Georg Gröbl (1865-1949), der 1895 in unmittelbarer Nachbarschaft des Marienmünsters das heutige Elektrizitätswerk Stadler gründete. Die Gründung eines E-Werkes zu einer Zeit, in der selbst die größeren Städte noch keine Stromversorgung hatten, kann durchaus als Pionierleistung bezeichnet werden.

Der Lauf des Mühlbachs bestimmt bis heute die Stromverteilung. Nacheinander entstanden entlang des Gewässers die Kraftwerksstufen Klostermühle, Schönherrwerk und Marktwerk. In der Klostermühle wurde der erste Strom mit einem drei Meter breiten, oberschlächtigen Wasserrad erzeugt, das einen Durchmesser von sechs Metern besaß. Die ersten Stromabnehmer waren Gasthäuser in Dießen, die die elektrische Beleuchtung mittels Kohlenfadenlampen einführten. Die Buchdruckerei Jos. C. Huber betrieb mit der neumodischen Energie einen 1-PS-Antriebsmotor für die Schnellpresse.

In einer Broschüre, die 1975 zum 80jährigen Bestehen des E-Werks Stadler erschien, wird auch auf die Schwierigkeiten bei der Einrichtung des Stromverteilungsnetzes hingewiesen: Manche Anwohner verweigerten aufgrund ihres Misstrauens in die neue Energieversorgung die Anbringung erster Eisenkonstruktionen für Dachständer und Masten auf ihren Anwesen.

Nach mehrfachen kostenintensiven Modernisierungsmaßnahmen in der Klostermühle entschlossen sich die Nachfahren des 1949 verstorbenen Klostermüllers, das oberhalb der Klostermühle vorhandene große Gefälle des Mühlbaches auszunutzen. Dies geschah durch die unterirdische Verlegung einer 1268 Meter langen Wasser-Druckrohrleitung. Am Rande des etwa 5,4 Quadratkilometer großen Einzugsgebietes des Mühlbaches im Moosanger bei St. Georgen steht das Einlaufbauwerk, in dem die Rohrleitung beginnt. Der Wasserspiegel des alten Bachs wird durch einen fest eingebauten Überlauf konstant gehalten.

Die Wende zum 20. Jahrhundert brachte ein starkes Ansteigen des Stromverbrauches durch gewerbliche Betriebe. Gröbl baute deshalb die im Jahr 1902 erworbene Hammerschmiede Schönherr zur zweiten Kraftwerksstufe aus. Die im Jahre 1928 vorgenommene Erweiterung der Graphischen Kunstanstalt Jos.C. Huber erforderte 1929 die Aufstellung eines zweiten größeren MAN-Dieselmotors und den Umbau der elektrischen Schaltanlage. Im Jahr 1910 erbaute die Gemeinde Dießen mit dem Marktwerk die dritte Kraftwerksstufe. Da dieses Werk in der Ortsmitte liegt, berichtet Gröbl hier die Schalt- und Verteilungsanlagen für den Ortskern und die Straßenbeleuchtung. Erst 1937 reichte die Wasserkraft zur Stromversorgung nicht mehr aus. Das Elektrizitätswerk Gröbl-Stadler & Co. musste auf Fremdbezug aus dem Isarwerksnetz übergehen.

Heute deckt die Wasserkraft noch fünf Prozent des gesamten Strombedarfs der Marktgemeinde. Durch den geplanten Einbau einer so genannten Steffturbine - einem vom Wassergefälle angetriebenen Umlaufband - am Untermüllerplatz könnte die Gemeinde pro Jahr den Stromverbrauch für zusätzlich rund 25 Haushalte erzeugen.

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