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Symbolbild.

Internationaler Hebammentag

Eine Hebamme berichtet über ihren Beruf: Sehr anstrengend – und sehr schön

Zum Internationalen Hebammentag spricht die Leitende Hebamme am Klinikum Starnberg über Herausforderungen und Schwierigkeiten ihres Berufsstandes.

Starnberg – „Hebammenarbeit – wegweisend für die Versorgung von Mutter und Kind“: Unter diesem Motto steht der Internationale Hebammentag an diesem Samstag. In einem von der Pressestelle des Klinikums Starnberg veröffentlichten Interview spricht die Leitende Hebamme am Klinikum, Karin Gruber, über die Herausforderungen und Schwierigkeiten ihres Berufsstandes. Und nennt gute Gründe, den Beruf zu ergreifen.

-Frau Gruber, der Deutsche Hebammenverband moniert einen bundesweiten Hebammenmangel. Wie ist die Personalsituation am Klinikum Starnberg?

Wir arbeiten mit so genannten Dienst-Beleghebammen, also freiberuflichen Hebammen. In Deutschland werden rund 20 Prozent der jährlich etwa 740 000 Geburten von freiberuflichen Hebammen begleitet. In Bayern sind es sogar 60 Prozent. Ich bin die einzige angestellte Hebamme und habe ein Team, das aus 28 freiberuflichen Hebammen besteht.

-Wie erklären Sie sich, dass in der Geburtshilfe vornehmlich freiberufliche Hebammen arbeiten?

Dass dieses System entstanden ist, liegt vermutlich daran, dass es für viele Kliniken wirtschaftlicher war, freiberufliche Hebammen kostenneutral zu beschäftigen. Die Hebammen tragen mit einem Belegvertrag das volle unternehmerische Risiko. Sie sind für die Sozialabgaben selbst verantwortlich und organisieren sich eigenverantwortlich. Sie verpflichten sich gegenüber dem Klinikum, dessen Versorgungsauftrag nachzukommen.

-Welche Auswirkungen hat die seit Jahresbeginn geltende Regelung, dass Hebammen nur noch zwei Frauen gleichzeitig betreuen dürfen?

Der Schiedsspruch hat bei vielen absolutes Unverständnis hervorgerufen. Selbstverständlich dürfen und müssen sogar oft weiterhin mehr als zwei Frauen gleichzeitig betreut werden. Einige dieser Leistungen können dann jedoch nicht abgerechnet werden. Gerade im Münchner Umkreis gibt es oft nicht die Möglichkeit, Frauen in andere Kliniken weiterzuschicken, da keine ausreichenden Kapazitäten vorhanden sind. Je nachdem, wie weit die Geburt fortgeschritten ist, wäre es zudem unterlassene Hilfeleistung. Was unter dem Deckmantel der Qualitätsverbesserung eingeführt wurde, sind aus unserer Sicht rein ökonomische Interessen der gesetzlichen Krankenkassen. Angestellte Hebammen etwa haben keinerlei Vorgaben. Sie müssen mehrere Frauen gleichzeitig behandeln. Auch für privat versicherte Frauen gibt es kein zahlenmäßiges Limit.

-Haben diese Vorschriften Auswirkungen auf die Qualität der Betreuung?

Für uns gibt es durch den Schiedsspruch keinerlei Verbesserungen. Im Gegenteil. Es ist ein organisatorischer Mehraufwand, der für die Frauen häufig längere Wartezeiten bedeutet. Bisher haben wir nur nach Sinnhaftigkeit und realen Kapazitäten der Hebammen Prioritäten gesetzt. Jetzt muss man zusätzlich auch noch Abrechnungsmodalitäten berücksichtigen. Eine Eins-zu-Eins-Betreuung haben wir schon immer versucht, möglich zu machen. In der Anfangsphase der Geburt, in der so genannten Latenzphase, ist das aber oft noch nicht notwendig. Die durchschnittliche Geburtsdauer einer Erstgebärenden beträgt etwa zehn bis zwölf Stunden. Bei Spaziergängen im Park und großen Wehenabständen braucht meist keine Hebamme dabei zu sein. Aber eine Eins-zu-Eins-Betreuung, sobald es notwendig wird, ist für alle Beteiligten von Vorteil.

-Was müsste verändert oder verbessert werden? Stichwort Akademisierung.

Der Beruf ist ein sehr verantwortungsvoller Beruf. Kein anderer Gesundheitsfachberuf arbeitet derart eigenständig und ohne Arztzuweisung. Im deutschen Qualifikationsrahmen lässt er sich auf Stufe 6 einordnen, was dem Bachelor-Abschluss oder einem Handwerksmeister entspricht. In den meisten EU-Ländern ist die Akademisierung bereits umgesetzt – mit Ausnahme von Lettland, Estland, Luxemburg und Deutschland.

-Wie ist die Stimmung bei den Hebammen?

Wegen der ständig steigenden Geburtenzahlen im Münchner Umkreis haben wir in unserer Klinik umstrukturiert: Hebammen und Ärztinnen neu eingestellt, Räume neu ausgestattet. Es ging oft an die Grenzen der Belastbarkeit. Deshalb war es so enttäuschend, sich gerade in dieser Zeit mit den Entscheidungen des GKV-Spitzenverbandes auseinandersetzen zu müssen. Existenzangst, Wut, Unverständnis… so endete 2017 für uns. Jetzt läuft es irgendwie.

-Wie viele Wochenstunden umfasst die Arbeitszeit einer Hebamme?

Das ist sehr unterschiedlich. Jede freiberufliche Hebamme kann ungefähr planen, wie viel sie arbeiten möchte, wie viele Frauen sie etwa zur Wochenbettbetreuung annimmt. Wann dann genau diese Arbeit anfällt, ist nicht planbar. In der Klinik gibt es Tage, an denen im Extremfall 20 Kinder innerhalb von 24 Stunden zur Welt kommen, aber auch Tage mit nur zwei Geburten.

-Drei gute Gründe, warum der Beruf dennoch eine gute Wahl ist?

Die Arbeit der Hebamme ist sehr anstrengend und fordernd, aber auch sehr schön und erfüllend. Hebammen arbeiten selbstständig, erleben viel Glück und positive Bestätigung. Und sie liefern einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag zur Gesundheitsvor- und -fürsorge.

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