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Jede Menge Technik ist bei der Baumprüfung im Einsatz. Der Sachverständige Frank Bischoff hat am Laptop die Werte im Auge, Sascha Jillich kniet am Stamm, Ben Wakeham steht auf der Leiter.

Experten rätseln

Wie alt ist diese Linde?

Landstetten – Alt ist sie, die Linde in Landstetten. Wie alt, daran scheiden sich die Geister. Auf alle Fälle wird sie jetzt von Experten einer eingehenden Prüfung unterzogen.

Dr. Karl Rösch schaut angestrengt nach oben. Eigentlich muss er zum Bus, aber irgendwie ist das ja auch „seine“ Linde. Seit 1973 wohnt er direkt neben dem großen, schönen, alten Baum mitten in Landstetten. Dass Leute darauf herumklettern, ist für ihn nichts Neues. „In dem Baum haben früher die Kinder sogar ein Biwak aufgeschlagen“, erinnert er sich. Sich den Ort ohne Baum vorstellen, das kann und mag er nicht. Und doch geht es an diesem zugigen Donnerstagmorgen um nicht mehr als das Überleben der alten Linde. 

Fünfseenland ist als „Windzone 2“ klassifiziert

Albert Thurl, Baumgutachter der Stadt Starnberg, hatte keine Wahl. Die Linde ist ganz offensichtlich ausgehöhlt. Der Zahn der Zeit, er nagt auch am stärksten Baum. „Die Stadt ist haftbar, wenn die Linde umfällt und etwas beschädigt. Da können wir kein Risiko eingehen“, sagt Thurl. Deswegen schaltete er die Experten von TreeConsult aus Gauting ein, die eine Stabilitätsprüfung durchführen. Der Sachverständige Frank Bischoff und seine Kollegen nehmen sich Zeit für den respekteinflößenden Baum. Sie wollen auf Nummer sicher gehen. Umstürzen darf die Linde nicht, aber grundlos fällen will sie auch keiner. Deswegen gehen sie ruhig und konzentriert vor. 

Sascha Jillich und Ben Wakeham tragen Kletterausrüstung. Immer wieder klettern sie nach oben, zurren Seile fest und montieren daran Messgeräte. Anschließend werden die Seile straff gespannt – bis zu eine Tonne wirkt dann auf den Stamm ein. „Das muss so viel sein“, sagt Frank Bischoff. Schließlich soll herausgefunden werden, ob der Baum noch einem Sturm trotzen kann. Und die Windlast ist – schließlich sind wir hier in Deutschland – genau vorgeschrieben. Das Fünfseenland ist als „Windzone 2“ klassifiziert. Das bedeutet, dass es hier stärker stürmt als in anderen Teilen Bayerns, in denen die „Windzone 1“ zu Buche steht. Daher muss der Stamm also bis zu einer Tonne Windlast aushalten. Die Instrumente messen genau, wie weit sich die „Stämmlinge“ biegen, übermitteln die Werte drahtlos an das Laptop, das Bischoff genau im Auge behält. 

Anwohner berichtet: Ist der Baum gar 400 Jahre alt?

Sind die Werte erfasst, dann geht es wieder hoch auf den Baum, neue Seile spannen, die Messgeräte neu positionieren. Das dauert seine Zeit. Offiziell ist die St. Jakob-Straße den ganzen Vormittag über gesperrt, aber die Mitarbeiter winken die Postfrau und alle, die durchmüssen, vorbei, wenn gerade keine Seile gespannt sind. Insgesamt zwölf Messungen veranstalten Bischoff und seine Leute. „Sicher hat man einen Blick dafür, wo die kritischen Stellen sind. Aber wir wollen das ganz genau wissen“, meint der Sachverständige. Insbesondere die Höhlung in rund drei Metern Höhe macht Bischoff sorgen. Hier wurde entweder vor vielen Jahren nicht wirklich sachgerecht der Baum verschnitten – oder der Sturm brach einen „Stämmling“ ab. Was es auch war – gerade dieser Punkt des Baumes könnte die Schwachstelle sein. 

Doch das zeigt sich erst dann genau, wenn die am Donnerstagvormittag gesammelten Daten ausgewertet sind. Das macht Bischoff dann aber im beheizten Büro. Ben Whakeham ist dran. Jetzt muss er in den Baum klettern. Der Engländer, der mittlerweile im Kreis Weilheim lebt, ist ausgebildeter Baumkletterer. Jeder Handgriff, jeder Tritt sitzt. Seit einigen Jahren ist er nun als Baumprüfer und Kletterer unterwegs, früher habe er in England in den Baumkronen die Motorsäge geschwungen, erzählt er. Doch die Pause ist vorbei, er muss in den Baum – die Uhr tickt. Derweil fachsimpelt Frank Bischoff mit dem Anwohner Karl Rösch, der eigentlich zum Bus muss. Es geht – natürlich – darum, wie alt der Baum ist. Für Rösch ist klar: 300 Jahre mindestens, eher 400. Er beruft sich auf einen Landstettener, der 100 Jahre alt geworden ist und vor seinem Tod erzählte, der Baum sei schon zum Zeitpunkt seiner Geburt mehrere hundert Jahre alt gewesen. 

„Diese Zahl höre ich zum ersten Mal“

Bischoff ist skeptisch: „Je mehr Leute man fragt, umso älter werden die Bäume“, sagt der Experte. Genau könne man das Alter der Linde in Landstetten nicht mehr bestimmen: „Der Stamm ist hohl, daher können wir die Jahresringe nicht mehr zählen.“ In Vorbereitung auf den Einsatz habe er ein Foto aus den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts gesehen. Damals sei die Linde rund 150 Jahre alt gewesen, wird überliefert. „Das halte ich für wahrscheinlich“, meint der Sachverständige. Somit sei der Baum wahrscheinlich zwischen 200 und 250 Jahre alt. Anwohner Rösch mag das nicht so recht glauben: „Diese Zahl höre ich zum ersten Mal“, sagt der Historiker. Aber dann muss er doch weg. Der Bus nach Starnberg, er wartet nicht.

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