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Geschafft: Nach 16 Stunden stehen Stefan Glowacz und seine Teamkollegen Philipp Hans, Markus Dorfleitner, Christian Schlesener und der Fotograf Moritz Attenberger auf dem Gipfel.

Berger Extremkletterer Stefan Glowacz  in Grönland

Der Grundtvigskirken: „Eine einzige Qual“

Der Mann ist Profi-Abenteurer und einer der besten Kletterer der Welt. Mit Gefahren und Grenzsituationen kennt sich der Berger Extremsportler Stefan Glowacz aus. Was er in diesem August erlebte, brachte aber auch ihn an seine Grenzen – und darüber hinaus, wie er jetzt berichtet.

Berg/Grönland „Eine einzige Qual“, notiert der 54-Jährige in seinem Expeditionstagebuch. Hinter ihm liegt eine Tour der Extreme: die Erstbesteigung einer neuen Route durch die 1300 Meter hohe Nordwand des Grundtvigskirken (1977 Meter) an der eisigen Ostküste Grönlands. Er schafft es – verletzt von einer brutalen Steinlawine, steht er mit seinen Teamkollegen Philipp Hans, Markus Dorfleitner, Christian Schlesener und dem Fotografen Moritz Attenberger am 8. August auf dem Gipfel des Felsgiganten.

Das Abenteuer beginnt am 7. Juli am S-Bahnhof in Starnberg. Im zweiten Anlauf, denn im vergangenen Jahr war das Team am massiven Schneefall in Grönland im abgeschiedenen Scoresbysund gescheitert. Das Vorhaben steht unter der Prämisse, auf dem gesamten Reiseweg einen möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen. Also geht es per Zug nach Schottland und dann mit der 14 Meter langen Stahljacht Santa Maria in den Norden, schwere See und eine einwöchige Zwangspause wegen eines dicken Eispanzers vor Grönland inklusive.

Die Gruppe bezieht dennoch zufrieden am 30. Juli das Basislager am Fuß der Wand. Aber gleich am ersten Klettertag, in der ersten Seillänge, nimmt das Schicksal seinen Lauf, schildert Glowacz in seinem Tagebuch: „Ich zucke zusammen, als es plötzlich laut knackt. Ein zweites Knacken. Mir schießt das Adrenalin in die Adern, weil dieses Knacken nicht vom Gletscher, sondern von einem Wandteil direkt über mir ausgeht. Ich stehe völlig ungeschützt. Es knackt ein drittes Mal, wesentlich lauter als zuvor. Panik steigt in mir auf. Ich weiß in diesem Moment, dass jeden Augenblick etwas Schreckliches passieren wird. Es geht nur noch um die Frage: ein paar Steine oder eine ganze Steinlawine.“

Es ist eine Steinlawine. Glowacz und Seilpartner Philipp Hans werden von ihr erfasst. Etwa 100 Meter über den beiden bricht eine tischgroße Granitplatte aus und zerbirst etwa 50 Meter über den Kletterern an einem Felsvorsprung in steinerne Geschosse, die Glowacz am rechten Oberschenkel und am rechten Unterarm verletzen. Philipp Hans kommt mit einem „Streifschuss“ am Oberschenkel glimpflich davon.

Angesichts der brüchigen Felsqualität an der Nordwand beschließt das Team, eine neue Route zu suchen und wählt einen Zugang über den Südgrat. Dort hatte es 1978 eine Expedition der British Army Mountaineering Association schon probiert und war gescheitert.

Glowacz kann nur noch unter Einnahme von starken Schmerzmitteln klettern. „Erst jetzt fordert der Unfall seinen vollen Tribut“, notiert er in seinem Tagebuch. „Die psychischen Folgen dieses Ereignisses kommen erst in diesem schwierigen Gelände an die Oberfläche. Immer wieder steigt an besonders ausgesetzten Stellen Panik in mir auf. Eine einzige körperliche und seelische Qual. Die Jungs spüren jedoch genau, was mit mir los ist. Sie bauen mich immer wieder auf und motivieren mich. Ich habe ihnen viel zu verdanken.“

Um Mitternacht, nach 16 Stunden, ist es geschafft: Das Team steht auf dem Gipfelplateau – bei Tageslicht. Um diese Jahreszeit ist es in Grönland 24 Stunden hell. Nach etwa 30 Minuten beginnt das langwierige Abseilen. Etwa 24 Stunden nach Aufbruch erreicht das Team den Biwakplatz. Der Name der neuen Route: „Suffer and smile – boys don’t cry“. Leide und lächle – Jungs weinen nicht.

Die Rückreise ist stürmisch und langwierig. Ende August sind die Helden des Grundtvigskirken zurück in Starnberg.  

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