Ort des Ausbruchs: Im sogenannten Rundbau des BRK-Schlosses Garatshausen befinden sich gerontopsychiatrische Wohnbereiche. Dort leben hochgradig demente Menschen, die teilweise zudem an Vorerkrankungen an Lunge, Herz und Nieren leiden. Von 41 infizierten sind mittlerweile 21 Bewohner wieder genesen.
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Ort des Ausbruchs: Im sogenannten Rundbau des BRK-Schlosses Garatshausen befinden sich gerontopsychiatrische Wohnbereiche. Dort leben hochgradig demente Menschen, die teilweise zudem an Vorerkrankungen an Lunge, Herz und Nieren leiden. Von 41 infizierten sind mittlerweile 21 Bewohner wieder genesen.

Corona-Ausbruch mit schlimmen Folgen

18 Todesfälle in vier Wochen in Pflegeheim – so kam es dazu: Ärztin erklärt die Umstände

  • Tobias Gmach
    vonTobias Gmach
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Im BRK-Pflegeheim in Garatshausen sind 18 Bewohner in vier Wochen gestorben. Ärztin Dr. Alexandra Schöneberger-Lindl erlebte den Ausnahmezustand und Pflegekräfte an der Belastungsgrenze. Sie erklärt die besonderen Umstände, warum nur zwei Infizierte ins Krankenhaus kamen und die Virus-Ausbreitung kaum zu verhindern war.

Garatshausen – Die Unberechenbarkeit des Virus ist vielleicht das Tückischste an ihm. Drastischer als Dr. Alexandra Schöneberger-Lindl kann man das wohl nicht erleben. Sie ist Hausärztin in Tutzing, Palliativmedizinerin und als Pandemie-Ärztin zuständig für das BRK-Schloss Garatshausen. Einem Ort, der sinnbildlich für das steht, was Covid-19 in Pflegeheimen anrichten kann. 18 Menschen sind dort innerhalb von vier Wochen gestorben. Aber die Zahl alleine reicht nicht, um die besondere, ja paradoxe Situation zu verstehen. Einerseits sagt Schöneberger-Lindl: „Schwerkranke haben sich wie Phönix aus der Asche erholt. Und ich kann nicht sagen warum.“ Andererseits erzählt sie von Visiten, bei denen Bewohner einen soliden Eindruck machten – „und 15 Minuten später lagen sie tot im Bett“. Medizinische Vorhersagen und Corona: Das passt nicht zusammen.

„Schwerkranke haben sich wie Phönix aus der Asche erholt“

Nicht abzusehen war auch die hohe Todesrate in Garatshausen – fast die Hälfte der 41 Infizierten ist gestorben. Aber sie lässt sich anhand einer ganzen Reihe von Faktoren erklären. Ende Dezember kam ein Bewohner, der in der Schindlbeck-Klinik in Herrsching behandelt wurde, zurück in den gerontopsychiatrischen Bereich in Garatshausen. Ein Rundbau mit roten Wänden, großen Fenstern und Balkonen. Die Vermutung der BRK-Verantwortlichen: Der Klinik-Patient schleppte das Virus ein.  Geschäftsführer Dr. Robert Schindlbeck diesen Verdacht allerdings entschieden zurück.

Brachte ein Klinik-Patient Corona ins Heim? Verdacht zurückgewiesen

Im Rundbau, etwas abseits des Hauptgebäudes, wohnen laut Schöneberger-Lindl sehr alte, hochgradig demente Menschen mit mannigfaltigen gesundheitlichen Problemen. Sie sind nicht nur geistig verwirrt, sie leiden auch an Lungen-, Herz- und Nierenerkrankungen. Und sie bleiben nicht in ihren Zimmern und Betten, sondern legen sich schon mal in andere. „Die Ansteckungen waren fast unmöglich einzudämmen“, sagt die Pandemie-Ärztin. Sie spielt an auf „Weglauf-Patienten“, auf jene mit halluzinatorischen Störungen, die sich Kanülen wieder herausziehen, bei keiner Behandlung einsichtig sind und wissen, wie ihnen geschieht.

Die Pflegekräfte dagegen sehen klar – und wie ihnen Menschen, um die sie sich seit Jahren kümmern, wegstarben. „Eine enorme emotionale Belastung“, sagt BRK-Pflege-Bereichsleiter Marcus Wicke. Es seien schließlich Beziehungen entstanden. Schöneberger-Lindl erlebte teilweise mehrere Leichenschauen am Tag. Das sei mental schwer zu ertragen, sagt sie. Sie habe sich deshalb mit einem erfahrenen Kollegen abgewechselt. Überhaupt betont sie die „Teamentscheidungen“ im Haus. Sie habe sich stets abgesprochen, mit Angehörigen und Pflegekräften.

Der Altersschnitt der Gestorbenen geht laut Ärztin Richtung 90 Jahre

Der Altersschnitt der Gestorbenen geht laut der Ärztin Richtung 90 Jahre, eine Frau sei mit 102 gestorben. Oft sei es eine „massive Schwächung“ gewesen, die letztlich zum Tod führte. Appetitlosigkeit sei nicht nur ein Corona-Symptom, sondern auch typisch bei schwerer Demenz, sagt Schöneberger-Lindl. Im Rundbau von Garatshausen kam beides zusammen. Oder Covid-19 schwächte Organe, die schon geschwächt waren. Auch von verlorener Lebenslust berichtet die Ärztin, von Menschen, die sie nach Monaten ohne Besuch baten: „Bitte lassen Sie mich sterben, ich mag nicht mehr.“

Für ein möglichst erträgliches Lebensende zu sorgen, das ist quasi die Berufsbeschreibung der Palliativmedizinerin. „Ich hätte es mir einfach machen und die Leute reihenweise ins Krankenhaus überweisen können“, sagt sie. Doch das hat sie nicht. Und so einfach ist es auch nicht. Nur zwei Bewohner kamen in eine Klinik – und nicht wieder zurück. Viele Angehörige sprachen sich (teilweise weit vor dem Ausbruch in Patientenverfügungen) dagegen aus, ihre dementen Familienmitglieder in labilem Zustand auch noch aus ihrem Umfeld zu reißen.

Das BRK sorgte für Sauerstoffkonzentratoren

Schöneberger-Lindl kann das „absolut nachvollziehen“. Und die Standard-Behandlung habe man im Pflegeheim gewährleisten können. „Eine wirkliche Therapie, ein Medikament gibt es ja noch nicht.“ Das BRK sorgte für Sauerstoffkonzentratoren im betroffenen Rundbau. Beatmungsgeräte gibt es aber nur in einer Klinik. Dass sie bei Alzheimer-Patienten sinnvoll eingesetzt werden können, bezweifelt die Ärztin.

Das Bittere sei, sagt BRK-Pflegechef Wicke, dass die Pflegekräfte „alles Mögliche“ gegen das Virus getan hätten und es die Einrichtung trotzdem so hart erwischt habe. „Wir testen täglich, wir rennen seit November mit FFP2-Masken herum, haben Bereiche komplett isoliert“, sagt er. Für Schöneberger-Lindl gibt es „keine vergleichbare Situation in meinem Leben“.

Aber auch in düsteren Zeiten gibt es Positives: Das Hauptgebäude, die anderen Stationen, der Großteil der 160 Bewohner ist bisher vom Virus verschont geblieben. Im Rundbau sind 21 Menschen wieder genesen. Und schon bald könnten so gut wie alle immun sein: 95 Prozent der Bewohner bekamen laut Wicke eine Impfung, in diesen Tagen folgt für manche schon die zweite.

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