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Die fast vergessene Schriftstellerin

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Fast 30 Jahre lebte sie in Feldafing: Emma Bonn wurde von den Nazis 1942 ins KZ verschleppt, in dem sie wenige Tage später starb.
Fast 30 Jahre lebte sie in Feldafing: Emma Bonn wurde von den Nazis 1942 ins KZ verschleppt, in dem sie wenige Tage später starb. © Andrea Jaksch

Die Autorin Angela von Gans hat bei der Erforschung ihrer Familiengeschichte festgestellt, dass sie mit Emma Bonn, einer deutsch-jüdischen, lange vergessenen Schriftstellerin verwandt ist. Sie machte sich auf die Spurensuche, vor allem in Feldafing.

Feldafing – „Es war schon seltsam. Schon als junges Mädchen hatte ich morgens, immer wenn ich aufwachte, das Gefühl etwas erledigen zu müssen. Das war so komisch wie grausam, weil ich ja nicht wusste, was… und dann fand ich diesen Koffer…“ Einen wunderschönen alten Lederkoffer. Angela von Gans öffnet ihn, findet alte Familienunterlagen, recherchiert und veröffentlicht schließlich im Jahr 2007 zusammen mit der Historikerin Monika Groening ein Buch über die 600 Jahre alte Geschichte der Gelehrtenfamilie Gans. Dort kommt auch Emma Bonn vor, Schriftstellerin in Feldafing und Opfer der Nazis.

In der Familiengeschichte fand Angela von Gans so berühmte Vorfahren wie den Astronomen und Philosophen David Gans (1541 bis 1613), ein Schüler von Tycho Brahe und Kepler, oder den Berliner Rechtsgelehrten Eduard Gans (1797 bis 1839), ein enger Freund von Rahel Varnhagen. Auch Leo Gans (1843 bis 1935) und Fritz von Gans (1833 bis 1920) waren Mitglieder der Familie, sie entwickelten die von ihnen mitbegründete Cassella AG zu einem Weltunternehmen, das einer der sechs Firmen des IG-Farben-Konzerns wurde. Als Förderer des kulturellen Lebens in Frankfurt, als Mäzene und Stifter begründeten sie der Frankfurter Universität mit. Und an „einem Ästchen der vielen Familienbäume“, staunt die Münchner Autorin noch heute, tauchte der Name Emma Bonn auf.

Als dann Corona das öffentliche Leben zum ersten Mal lahmlegte und in dieser Zeit aus Amerika ein Paket mit 109 Gedichten von Emma Bonn bei ihr per Post ankam, schien die Zeit gekommen. Angela von Gans recherchierte, sichtete Quellen, suchte die Orte auf, an denen Emma Bonn gelebt hatte und bat die Lyrikerin Dagmar Nick um Unterstützung, die die Gedichte für die nun vorliegende Emma-Bonn-Monografie auswählte, an der Angela von Gans zwei Jahre lang gearbeitet hat. Inzwischen liegt das Buch in gedruckter Form vor, 150 berührende und bisweilen auch bedrückende Seiten, die das Leben der deutsch-jüdischen Schriftstellerin Emma Bonn erzählen. Angela von Gans ist eine Großnichte von Emma Bonn.

Als sie das Paket mit dem Privatdruck einer Novelle und mit Gedichten per Post erhielt, stand für sie von Anfang an fest, dass sie über die vergessene Schriftstellerin schreiben würde. Auf 150 Seiten zeichnet sie ihr Leben nach und verbindet Poesie und Lebenslauf zu einem Gesamtbild. Lobenswert ist auch der Abdruck zahlreicher Dokumente und Fotografien, viele davon aus Feldafing. Zusätzlich findet man den Stammbaum der Familie Gans und ein Foto der herrschaftlichen Villa Bonn in Kronberg, die heute als Rathaus dient. Das Buch über Emma Bonn findet reges Interesse. Die erste Auflage ist nahezu vergriffen, die zweite bereits in Arbeit.

Hat die Autorin schon ein neues Projekt im Visier? „Ja“, freut sich Angela von Gans. „Jetzt arbeite ich an der Geschichte meines Großvaters Paul von Gans, der die Ballonfahrt nach Deutschland gebracht hat, bevor er Flugzeuge konstruierte und den Flughafen Oberwiesenfeld mitbegründete“.

Das Leben der Emma Bonn

Die deutsch-jüdische Schriftstellerin Emma Bonn wurde am 5. Februar 1879 in New York City geboren, wo ihr Vater für ein Frankfurter Bankhaus bis 1885 – zuletzt als Geschäftsführer – tätig war. Nach der Rückkehr der Familie nach Deutschland wuchsen Emma und ihr zwei Jahre älterer Bruder Max in Frankfurt auf. Nachdem die Mutter kurz nach Emmas Geburt gestorben war und Emma als zu zartes und anfälliges Kind nicht die Schule besuchen durfte, brachte ihre Gouvernante ihr Rechnen, Lesen und Schreiben bei.

Der Vater heiratete nochmals, seine zweite Frau brachte vier Kinder mit in die Ehe. Die angesehene Bankiersfamilie – Emma Bonns Vater Wilhelm Bonn und seine drei Brüder waren Ehrenbürger der Stadt Kronberg – verbrachte ihre Sommerwochen immer auf einem nahegelegenen Landsitz, dem heutigen Rathaus von Kronberg.

Als Emma Bonns Vater im Jahr 1910 starb, erbte Emma ein beträchtliches Vermögen. Sie hatte gerade ihre erste Novelle in der Frankfurter Zeitung veröffentlicht, ihr Cousin Moritz studierte in München. So entdeckte sie den Starnberger See und im Jahr 1912 das Anwesen am Schluchtweg 22 in Feldafing, das Gabriel Sedlmair, einem Mitinhaber des Spatenbräu, gehörte. 1913 erwarb Emma Bonn das Anwesen für 124 000 Goldmark (eine Goldmark zu diesem Zeitpunkt entspricht 8,08 Euro) und ließ sich am 14. Dezember 1923 einbürgern. Das Haus wurde umgebaut, 1925 kaufte Emma Bonn ein Nachbargrundstück dazu, ließ einen parkähnlichen Garten mit Gärtnerhaus anlegen und am See ein Bootshaus bauen. Verwandtschaft wohnte auf Schloss Pähl, bei Miesbach und bei Grainau. Emma Bonn hatte durch mehrere Erbschaften keine Geldsorgen und beginnt zu schreiben.

Seit den Zwanzigerjahren litt sie an Lähmungserscheinungen und war ab 1929 bettlägrig. 1939 zwangen sie die Nazis, das Haus zu verkaufen und versprachen ihr, dass sie bis zu ihrem Tod darin wohnen kann. Am 30. Mai 1942 wurde sie dennoch abgeholt und nach Theresienstadt gebracht. Dort starb sie wenige Tage nach ihrer Ankunft.

Als Schriftstellerin wird sie kaum wahrgenommen, und so klagte sie bisweilen, dass „das literarische München sich nicht viel um sie kümmert“. Sie führte es auf ihre Krankheit zurück, darauf, dass sie „ans Bett gefesselt“ war, tauschte sich aber mit Kollegen aus, mit Bruno Frank etwa oder Thomas Mann, der sie sogar am 12. März 1919 besucht und hinterher schreibt: „Recht interessant der Montag-Abend im Hause der kleinen Bonn mit ihrer englischen Gesellschafterin. Auch Einladung von Frank in sein Fremdenzimmer, ebenso von der Bonn, deren Park lockt. Also mancherlei Möglichkeiten.“

1919 erschien Emma Bonns Novellenband „Die Verirrten“. Das Vorwort schrieb Bruno Frank. Noch im selben Jahr kam der Roman „Die Mündung“ heraus, sogar in zwei Auflagen. Es folgen Erzählungen, Novellen und weitere Romane, doch Emma Bonn blieb zu ihren Lebzeiten weitgehend unbekannt und wurde später völlig vergessen. Ihre Bücher galten als verschollen, bis der historische Arbeitskreis Feldafing ihren zuerst 1934 in Zürich erschienenen autobiografischen Roman „Das Kind im Spiegel“ in London entdeckte und im Jahr 2007 als Hörbuch (gelesen von Ursula Traun) herausbrachte.  

Astrid Amelungse-Kurth

Das Buch

„Emma Bonn 1879-1942. Spurensuche nach einer deutsch-jüdischen Schriftstellerin“ ist in der Edition Stroux in München erschienen, ISBN 9783948065201. Die broschierte Ausgabe mit zahlreichen Fotos und Dokumenten kostet 20 Euro.

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