Zwischenstation Villa Waldberta: Volha Hapeyeva lebte seit September im Künstlerhaus der Stadt München in Feldafing. Nun ist ihr Stipendium ausgelaufen.
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Zwischenstation Villa Waldberta: Volha Hapeyeva lebte seit September im Künstlerhaus der Stadt München in Feldafing. Nun ist ihr Stipendium ausgelaufen.

Poetin in der Villa Waldberta

Autorin aus Belarus fühlt sich verfolgt: Nun endet das Stipendium am Starnberger See

  • Tobias Gmach
    vonTobias Gmach
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Vier Monate lang kam Volha Hapeyeva dank eines Stipendiums in der Feldafinger Villa Waldberta unter. Nun zieht die Autorin aus Belarus, die sich in ihrem Heimatland nicht sicher fühlt, weiter nach Österreich. Die 38-Jährige sagt: „Ich komme mir vor wie eine Obdachlose.“

Feldafing – So schwierig die Situation, in der Volha Hapeyeva steckt, auch ist – die Zeit am Starnberger See sei für sie wie eine Kur gewesen. „Die Verbindung zur Natur ist mir sehr wichtig“, sagt sie und schwärmt dann von der Ruhe, den wenigen Menschen rund um die Villa Waldberta und dem Panoramablick: „Die Berge sehen jedes Mal anders aus.“ Im September landete die Autorin aus Belarus im Künstlerhaus der Stadt München am Starnberger See, viele hilfsbereite Menschen im Literaturbetrieb machten das möglich – und letztendlich ein kurzfristiges Stipendium. Das ist nun abgelaufen. Am Mittwoch saß die 38-Jährige im Zug nach Krems. Die nächste Station auf ihrer nicht enden wollenden beruflichen Reise.

Das Programm „Artist in Residence“ erlaubt es ihr, zwei Monate in Niederösterreich zu schreiben und Lesungen zu veranstalten – sprich: zu arbeiten. In ihrer Heimat Minsk, der Hauptstadt von Belarus, war ihr das nicht mehr möglich. Sie fühlte sich nicht sicher in dem Land, in dem Wahlen gefälscht und Oppositionelle verfolgt werden. „Ich sage offen, dass ich mit der Politik nicht einverstanden bin“, betont Hapeyeva. Schon einmal geriet die mehrfach ausgezeichnete Lyrikerin ins Visier des Geheimdienstes, der in Belarus immer noch KGB heißt. Schriftstellerinnen, die nicht regimetreu schreiben, stünden unter Generalverdacht, sagt Hapeyeva.

Hapeyeva: „Ich komme mir vor wie eine Obdachlose“

Wohltuend war dagegen der Herbst in Bayern für sie. Die Lesungen in Feldafing, Weßling und München, bei denen sie auch aus ihrem Leben erzählte, kamen gut an. „Es ist schön, zu sehen, wenn deine Arbeit anderen Kraft gibt“, sagt sie. Und sogar mit einer lokalen Kooperation klappte es in der kurzen Zeit. Für ihr Kinderbuch „Molli die Motte und Hippopotamus Matthias“ arbeitete sie mit der Künstlerin und Fotografin Claudia Stranghöner aus Feldafing zusammen. Letztere sorgte für die bunten, kindgerechten Illustrationen, Hapeyeva für die Texte. Derzeit suchen die Frauen gemeinsam einen Verlag für die Veröffentlichung.

Trotz all der guten Erfahrungen und der schriftstellerischen Produktivität in Deutschland ist ein Gefühl ständig präsent: Heimweh. „Ich will wieder nach Hause. Da war ich jetzt seit zwei Jahren nicht mehr. Das macht mich sehr traurig. Ich komme mir vor wie eine Obdachlose. Ich plane maximal für den nächsten Tag“, erzählt Hapeyeva am Telefon. Mit ihrer Mutter in Minsk telefoniert sie täglich, mit ihrem Verleger einmal die Woche. Über Politik redeten die Leute in der Heimat der Autorin aber nur ungern. „Sie sind frustriert und traumatisiert, sie brauchen Alltägliches“, betont die 38-Jährige. Im Fünfseenland musste sie viele Fragen beantworten. Viele Menschen aus der Region hätten sich für das medial präsente Belarus interessiert, wo es seit Monaten Proteste gegen Diktator Aljaksandr Lukaschenko gibt.

Programm „Writers in Exile“ schützt verfolgte Autoren

Die Lyrikerin, deren Gedichte in zehn Sprachen übersetzt wurden, sucht nach einer Perspektive für länger als zwei Monate. Im März kehrt sie aus Krems nach Deutschland zurück, für ein Stipendium an der Internationalen Jugendbibliothek in München, wieder für zwei Monate.

So schwer ihr die Zeit in der Fremde langsam fällt, so vielfältig sind die Ideen und Möglichkeiten, sie zu überbrücken. Ulrike Roos aus Weßling, Vorsitzende des Vereins „Bayern liest“, hatte für Hapeyeva das Villa-Waldberta-Stipendium in die Wege geleitet. Nun versucht sie mit anderen im Literaturbetrieb, für die Frau aus Belarus einen Platz im Programm „Writers in Exile“ beim Verband Pen zu bekommen. Der setzt sich in aller Welt für politisch verfolgte und inhaftierte Autoren ein und hat auch in München Wohnungen angemietet.

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