Blauer Kapuzenpullover statt der typischen schwarzen Security-Uniform: Objektleiter Tobias Geyer hat zu den Asylbewerbern guten Zugang gefunden.

Flüchtlinge: Langes Warten und die Ungewissheit

Feldafing - Seit drei Wochen leben 86 Flüchtlinge in Feldafing im Ungewissen, wie es mit ihnen weitergeht. Sie wohnen in einer Fabrikhalle, die den Behörden als Erstaufnahmeeinrichtung dient. Ein Besuch.

„Alles klar“. Das sind die ersten deutschen Worte, die Foday gelernt hat. Der 20-Jährige kommt aus Sierra Leone. Ein großer schlaksiger junger Mann in einer bunten Trainingsjacke. In seinem früheren Leben hat er als Kellner gearbeitet, jetzt sitzt er in Feldafing in der Erstaufnahmeeinrichtung im Gemeinschaftsraum und frühstückt. Cornflakes, Milch, der Kaffee läuft aus einer Maschine. „Everybody is good to us!“, sagt Foday und strahlt übers ganze Gesicht. Auch auf der Straße wird er nett begrüßt. Sein 25-jähriger Tischnachbar aus Pakistan nickt zur Bestätigung. Nein, es gibt keine Aggressionen, das Essen ist in Ordnung, der Speiseplan ist viersprachig - englisch, französisch, deutsch, arabisch. Foday hat Verständnis dafür, dass es ihm nicht immer schmecken kann, schließlich muss ja für jeden etwas dabei sein.

Täglich geht Foday zum Fußballspielen auf den Sportplatz, ihm fehlt nichts. Wenn er etwas vermisst, dann sind es Internet und WLAN, um leichter mit zu Hause kommunizieren zu können. Foday will wieder als Kellner arbeiten - und das klingt sehr entschlossen. Sein Tischnachbar ist Taxifahrer, und auch er wartet, dass er wieder in seinem Beruf arbeiten kann.

Warten, Langeweile und die Ungewissheit, wie es weitergeht. Das ist wohl das Schwierigste für alle, auch wenn sie sehr dankbar sind, wie die Muslimin aus Syrien, die kaum englisch spricht und vier Tage auf dem Meer verbracht hat. Aber es ist doch eine sehr friedliche Atmosphäre in der Einrichtung, die notdürftig vor drei Wochen für 150 Asylbewerber eingerichtet wurde. Nur die Hälfte der Betten wurde belegt, im ersten Stock der ehemaligen Fabrikhalle stehen noch ungenutzte, für den absoluten Notfall bereitgestellte Pritschen, dicht an dicht zwischen Bauzäunen. In einer Ecke sporteln einige Asylbewerber an den Fitnessgeräten. Luxus sieht anders aus. Glücklich ist, wer nicht seinen Koffer unter das Bett schieben muss.

Diese Notaufnahme ist kein anheimelnder Ort. Aber die vielen Helfer haben hier einen Rahmen geschaffen, der wenigstens so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl erlaubt. CSU-Gemeinderätin Nandl Schultheiß packt selbst an den Wochenenden in der Kleiderkammer mit an. Und ihr Fraktionskollege Roger Himmelstoß hat gerade nachgefragt, ob Interesse besteht, dass jemand Volleyball im TSV spielt. Auf dem Hof radeln die Kinder - es sind insgesamt 22 - zwischen Duschcontainern und Rolltoren hin und her, andere kicken mit dem Fußball. Ihr Torwart vor dem offenen Hofgitter ist ein Dunkelhäutiger, der bei der Securityfirma „Jonas Better Place“ arbeitet. Das ist ein Privatunternehmen, das sich auf Asyl- und Obdachlosenhilfe spezialisiert hat und das für den Freistaat in verschiedenen Aufnahmeeinrichtungen tätig ist. Die Mitarbeiter haben zusammen mit den örtlichen Institutionen einen „Emergency Room“ eingerichtet, in dem täglich ein Arzt Sprechstunde abhält. In der Halle gibt es einen Sozialraum, ein Kinderspielzimmer, einen notdürftigen Schulraum mit Bänken aus dem örtlichen Kindergarten und neuen Regalen, finanziert mit Spenden. Es fehlen nur noch eine Tafel und Lehrmittel.

Die sieben Betreuer von „Jonas Better Place“ arbeiten hier in 12-Stunden-Schichten. Sie sollen sich behutsam unters Volk mischen. Die Personaldecke gibt Raum für Fahrdienste und persönliche Kontakte, sagt Tobias Geyer. Vielleicht gibt es deswegen auch keine Zwischenfälle. Aber langsam sickern Einzelschicksale an die Oberfläche. Eine Familie ist mit acht Personen in der Heimat gestartet, nur einer kam an. Ein anderer hat eine Woche lang im Wald genächtigt.

Alles in der Feldafinger Einrichtung ist eine Notlösung für die vom Schicksal gebeutelten Menschen, und an Ideen mangelt es nicht, die Situation zu verbessern. Man würde gerne eine Fahrradwerkstatt, Projektwerkstätten, WLAN, Internet einrichten, dauerhafte Lösungen herbeiführen, betont Tobias Geyer. Doch ihm sind die Hände gebunden, so lange nicht feststeht, wie es mit der Einrichtung weitergehen wird. Auch die Helfer müssen warten.

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