Diskussion um Impfkampagne: Feldafings Freie-Wähler-Bürgermeister Bernhard Sontheim bittet Wirtschaftsminister und FW-Landeschef Hubert Aiwanger (r.) um Hilfe im Kampf gegen Corona.
+
Diskussion um Impfkampagne: Feldafings Freie-Wähler-Bürgermeister Bernhard Sontheim bittet Wirtschaftsminister und FW-Landeschef Hubert Aiwanger (r.) um Hilfe im Kampf gegen Corona.

Entsetzen nach Aussage von FW-Chef zur Impfkampagne

Aiwanger am Starnberger See: Kommunalpolitiker mit drastischer Forderung - „muss freiwillig zurücktreten“

Alle Autoren
    schließen
  • Peter Schiebel
    Peter Schiebel
  • Tobias Gmach
    Tobias Gmach
  • Sandra Sedlmaier

Die Freien Wähler im Landkreis Starnberg sind entsetzt über Landes- und Bundeschef Hubert Aiwanger und seine Haltung zur Corona-Impfung. Manch einer legt dem Vizeministerpräsidenten den Rücktritt nahe.

Feldafing/Landkreis – Eigentlich soll das Thema Corona, Impfen und die Stimmung in der Koalition an diesem Dienstagmittag im Hotel Kaiserin Elisabeth in Feldafing gar keine Rolle spielen. Schließlich kommt Wirtschaftsminister und Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger, um Fördergelder für die digitale Besucherlenkung in Bayern und der Region zu verheißen. Doch der gastgebende Freie-Wähler-Bürgermeister Bernhard Sontheim bringt gleich zu Beginn das Konzept des Wirtschaftsministeriums durcheinander.

Hubert Aiwanger am Starnberger See: Freie-Wähler-Chef erntet Kritik von Kommunalpolitikern

In seiner Begrüßung gibt er zwar seiner Freude über die Förderung Ausdruck, macht aber auch deutlich, dass Corona für die Region ein viel größeres Problem ist als die vielen Gäste, die den Landkreis an schönen Tagen überrennen. Dagegen wirke nur eine durchgeimpfte Bevölkerung. „Wir bitten Sie daher unabhängig von Ihrer persönlichen Meinung zur Impffrage, uns in dieser Sache zu unterstützen“, sagt Sontheim. „Sonst werden wir zwischen den Befürwortern und den Gegnern zerrieben.“

Hubert Aiwanger, Wirtschaftsminister und Landesvorsitzender der Freien Wähler in Bayern.

Das Thema Aiwanger und Impfen polarisiert, seit sich der stellvertretende Ministerpräsident vergangene Woche in einem Hörfunk-Interview als Rebell gegen „das politische Establishment“ stilisiert hat. Das hätten der Minister und seine Crew in Feldafing nur zu gerne außen vor gelassen. Aber das funktioniert nicht. Die erste kritische Frage dazu kann ein Ministeriumssprecher mit Verweis auf das Sachthema Besucherlenkung abwehren, die zweite auch noch. Bei der dritten lässt er der Diskussion schließlich freien Lauf – zu viele Journalisten sind gekommen, vermutlich nicht nur wegen der digitalen Besucherlenkung.

Starnberger See: Freie-Wähler-Chef Aiwanger äußert sich zu Verhältnis zu Markus Söder (CSU)

Aiwanger gibt sich deeskalierend, unterstreicht die gute Zusammenarbeit in der Koalition, seinen Einsatz für die bayerische Wirtschaft trotz der Kritik aus den Wirtschaftsverbänden und dass er die Impfkampagne unterstütze. Das Verhältnis zu Markus Söder sei „sehr gut, konstruktiv und arbeitsorientiert“. Auf die Frage, ob er der Forderung der CSU-Fraktion nach Rücktritt nachkomme, sagt er: „Kein Kommentar.“

Sontheim überzeugt das kaum. Heute Abend will die Freie-Wähler-Kreistagsfraktion zum Thema Aiwanger tagen. „Wir können das Interview nicht unkommentiert lassen“, sagt er. „Jeder hat das Recht, selbst über eine Impfung zu entscheiden. Aber wir als Politiker haben eine Vorbildfunktion.“

Hubert Aiwanger am Dienstag in Feldafing: Der Wirtschaftsminister pochte auf die 3G-Regel im Umgang mit Corona - getestet, geimpft oder genesen.

Nach Aiwanger-Interview zum Thema impfen: Bürgermeister aus Landkreis Starnberg fordert Rücktritt

So sieht es auch Pöckings Bürgermeister Rainer Schnitzler, der im Gespräch mit dem Starnberger Merkur Aiwangers Rücktritt fordert. „Als Vizeministerpräsident hat er eine Vorbildfunktion für Bürger und Betriebe, deren Existenzen auf dem Spiel stehen. Und die erfüllt er nicht“, sagt Schnitzler. Privat könne er sich ja gegen die Impfung entscheiden – „aber damit Stimmung machen, das geht gar nicht“. Aiwanger versuche, „im Querdenker-Milieu Wählerstimmen abzugreifen“. Schnitzer betont: „Das sind nicht die Freien Wähler. Sie kommen aus der Sachpolitik und nicht aus der populistischen Ecke.“

Pöckings Vizebürgermeister Albert Luppart, Vizekreischef der Freien Wähler, erkennt in der Haltung Aiwangers „den Widerspruch schlechthin: Die Lockerungen, die er so sehr fordert, gehen einher mit einer stark geimpften Bevölkerung“. Die Enttäuschung über den Wirtschaftsminister sei spürbar im Landkreis. Am Montagabend hat Luppart von drei Parteiaustritten erfahren.

Starnberger Altbürgermeister höchst verärgert über Hubert Aiwanger: „Es grummelt an der Basis“

Deutliche Worte findet auch Starnbergs Altbürgermeister und FW-Kreistagsmitglied Ferdinand Pfaffinger. Natürlich sei Impfen eine persönliche Entscheidung. „Aber was Aiwanger daraus macht und wie er versucht, Begründungen zu finden, das ist nur noch peinlich.“ Als Beispiel nennt Pfaffinger die Aussage, dass Aiwanger „die Spucke wegbleibt“, wenn er von Impfnebenwirkungen aus seinem privaten Umfeld höre. „Er hat bis heute nicht gesagt, was er damit meint.“ Pfaffinger stellt fest: „Es grummelt an der Basis.“ Um die Wogen wieder zu glätten, gebe es nur eine Möglichkeit: „Er muss freiwillig zurücktreten.“

Starnberg-Newsletter: Alles aus Ihrer Region! Unser brandneuer Starnberg-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus der Region Starnberg – inklusive aller Neuigkeiten zur Corona-Krise in Ihrer Gemeinde. Melden Sie sich hier an.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare