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Die 1910 erbaute Villa Carl liegt an exponierter Stelle auf dem Höhenrücken inmitten eines parkähnlichen Grundstücks mit Blick auf See und Alpenkette. Seit den 1970er-Jahren steht es unter Denkmalschutz.

Villa Carl

Wie viel Denkmalschutz muss sein?

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Darf von einem riesigen Villen-Grundstück ein Teil für einen Neubau abgezwackt werden – um gleichzeitig das Ensemble zu erhalten? Darüber diskutieren die Gemeinde Feldafing, der Eigentümer und der Denkmalschutz seit Jahren. Jetzt gab es einen Grundsatzbeschluss. Eine Geschichte, bei der alle nur das Beste wollen.

Feldafing – Die Liste der Baudenkmäler in Feldafing umfasst 42 Gebäude und Anlagen: Der Bahnhof gehört dazu, das Strandbad, die katholische Filialkirche St. Peter und Paul und zahlreiche Villen. Eine davon ist die Villa Carl an der Höhenbergstraße. 1910 erbaut, thront sie in einem 20 037 Quadratmeter großen Park mit Blick auf See und Alpenkette bis heute im Originalzustand. Für Feldafings Bürgermeister Bernhard Sontheim ist die Villa Carl das letzte große Ensemble am ganzen Starnberger See, das noch in seiner ursprünglichen Form erhalten ist, für Generalkonservator Mathias Pfeil ein Denkmal „von nationaler Bedeutung“.

Und dennoch – oder gerade deswegen – wird seit nunmehr acht Jahren über die Villa diskutiert. Die Frage lautet: Wie viel Denkmalschutz muss sein? Das sind die Positionen:

Der Eigentümer: Wolfgang Schmitt ist der Urenkel des Chemikers und Verlegers Hans Carl (1880-1966), der die Villa von dem Architekten Richard Riemerschmid erbauen ließ. Seit 2009 lebt er mit seiner Familie dort und bewahrt Gebäude und Park. „Es hängt so sehr mein Herz daran“, sagt er im Gespräch mit dem Starnberger Merkur.

Aber: Schmitt ist Teil einer Erbengemeinschaft. Er würde die Villa gerne behalten, müsste dann aber die Miterben ausbezahlen. „Für mich sind diese hohen Immobilienpreise nicht schön“, sagt er. Seit Jahren läuft die – friedliche – Erbauseinandersetzung. Und seit Jahren versucht Schmitt deswegen, ein 3065 Quadratmeter großes Teilstück in Bauland umzuwandeln. Mit dem Geld aus dem Grundstücksverkauf könne er die Miterben auszahlen, sagt er. Sollte das nicht möglich sein, sei er gezwungen, das gesamte Areal zu verkaufen – mit unabsehbaren Folgen für die Villa, die Einrichtung und den Park. „Wir brauchen das Baurecht, um das Denkmal zu erhalten“, sagt er deswegen und versichert glaubhaft: „Ich habe kein Interesse, die Villa wirtschaftlich zu verwerten.“

Die Gemeinde: „Die Villa Carl ist ein ganz besonderes Juwel, auf das wir ganz besonders aufpassen“, sagt Bürgermeister Sontheim. Zwei Aspekte seien zu berücksichtigen: die Belange des Denkmalschutzes und die ortsplanerische Absicht der Gemeinde. Dahinter steckt die Frage: Kann man ein zusätzliches Gebäude errichten, ohne dass es das Ensemble stört? Sontheim glaubt: Ja. Denn die 3065 Quadratmeter große Fläche liege in einem Bereich, der von außen kaum einzusehen sei und den Blick von der Höhenbergstraße in keiner Weise beeinträchtige.

Im Gespräch ist ein Gebäude mit 250 Quadratmetern Grundfläche, drei Vollgeschossen und einem Walm- oder Mansarddach.

Für diese Planung muss der Bebauungsplan geändert werden – und Feldafings Gemeinderat fasste am Dienstagabend den Grundsatzbeschluss, diesen bereits eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen. Sontheim sieht darin die Möglichkeit, den drohenden Verkauf der Villa und damit ein „Horrorszenario“ abzuwenden, das durch einen finanzkräftigen Investor eintreten könnte. Der Bürgermeister schlug vor, eine Grunddienstbarkeit auf das Grundstück einzutragen, in der festgelegt wird, dass es bei diesem einen Neubau bleibt.

„Die Gemeinde muss alles tun, damit das Haus in der Familie bleibt“, sagte Sontheim. Daran zweifelte keiner der Gemeinderäte. Für Karin Bergfeld (Frauenliste) ist die Villa Carl „das kostbarste Ensemble, das wir hier in der Gemeinde haben“. Die Familie habe es vorbildlich erhalten. „Ein Neubau beeinträchtigt das Ensemble nicht und die Kiefern bleiben auch stehen“, sagte sie – und wies außerdem darauf hin, dass mit Muck Petzet ein bedeutender Architekt für den Neubau verantwortlich sei. Petzet war Generalkommissar des deutschen Pavillons auf der Architekturbiennale in Venedig 2012.

Auch Tom Schuierer (AUF) entschied sich dafür, der alteingesessenen Familie zu helfen. Sein Argument: „Ich möchte nicht für eine zweite Villa Max stehen.“ Die steht am Ostufer des Starnberger Sees und verfällt seit Jahren, weil sich die Erben nicht einigen können. Roger Himmelstoß (CSU) pochte dagegen auf den Gleichbehandlungsgrundsatz und lehnte es zusammen mit Johann Stängl und Boris Utech (beide Grüne) ab, den Bebauungsplan weiter zu verfolgen.

Der Denkmalschutz:Generalkonservator Mathias Pfeil, Leiter des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, spricht der Villa Carl eine „herausragende Bedeutung als Denkmal von besonderer kultureller nationaler Bedeutung“ zu – und lehnt die Pläne kategorisch ab. Mit einem Neubau ginge ein bedeutender Teil der künstlerisch besonders herausgehobenen Gartenplätze verloren, heißt es in einem Schreiben Pfeils an die Gemeinde Feldafing. Andere Plätze würden durch die Abtrennung ihre gartenkünstlerische Wirkung verlieren.

Mittlerweile drohen die Denkmalschützer mit einem Normenkontrollverfahren gegen das Bebauungsplanverfahren. Bürgermeister Sontheim will „es drauf ankommen lassen“, wie er im Gemeinderat sagte. Gemeinderäte wie die Juristin Dr. Stephanie Kaufmann-Jirsa (FDP) halten das Rechtsrisiko für vertretbar. Ausgang unklar.

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