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Missbrauch in Feldafinger Kinderheim: Aufarbeitung hätte schon 2010 beginnen können

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Von: Tobias Gmach

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Ein weiterer Tatort neben dem Haus Maffei selbst: die Sakristei in der alten Pfarrkirche St. Peter und Paul in Feldafing. Dort soll sich Pfarrer Otto Oehler in den 1960er-Jahren an Heimkindern vergangen haben.
Ein weiterer Tatort neben dem Haus Maffei selbst: die Sakristei in der alten Pfarrkirche St. Peter und Paul in Feldafing. Dort soll sich Pfarrer Otto Oehler in den 1960er-Jahren an Heimkindern vergangen haben. © Andrea Jaksch

Mit der Vorstudie zu den Missbrauchsfällen im ehemaligen Maffei-Kinderheim in Feldafing kann die umfassende, wissenschaftliche Aufarbeitung beginnen. Allerdings wäre das schon seit 2010 möglich gewesen, wie der Paritätische Wohlfahrtsverband nun einräumt. Die beauftragte Historikerin plädiert für einen Erinnerungsort.

Feldafing – Es gab eine private Recherchegruppe, die die grausame Gewalt an Kindern im ehemaligen Feldafinger Heim Haus Maffei öffentlich machte. Es gab mutige Opfer, die sich an Orten, an denen sie missbraucht worden waren, filmen ließen. Es gab längere Medienberichte, die die erschreckende Dimension der Verbrechen in den 1960er-Jahren deutlich machten. Und nun gibt es das erste wissenschaftliche Fundament für die umfassende gesellschaftliche Aufarbeitung. Endlich, muss man sagen. Denn im Vorwort der Vorstudie von Historikerin Prof. Annette Eberle schreiben Margit Berndl und Peter Schimpf, Vorstandsmitglieder des Paritätischen in Bayern, dem damaligen Heimträger: „Von der Recherchegruppe haben wir erfahren, dass sich Betroffene bereits Anfang 2010 an ein ehemaliges Vorstandsmitglied des Paritätischen in Bayern gewandt hatten.“ Derjenige verfolgte die Berichte der Opfer aber offensichtlich nicht weiter. „Wir bedauern sehr, dass der Aufarbeitungsprozess nicht bereits damals begonnen wurde.“

Er begann am Montag mit der Veröffentlichung einer 77 Seiten langen Arbeit. Annette Eberle von der Katholischen Stiftungshochschule München hat sich in den vergangenen Monaten im Auftrag des Paritätischen der Geschichte der Einrichtung genähert, die erst „Anstaltshilfsschule mit Heim für schwachbegabte Kinder“ und später „Private Sonderschule für lernbehinderte Kinder ,Haus Maffei‘“ hieß. Die Expertin für die Geschichte der sozialen Arbeit hat mit Betroffenen, ehemaligen Mitarbeitern und Feldafinger Bürgern gesprochen und alte Personalordner und Archive durchforstet. Ihre Recherchen bestätigen eine die Rechte der Heimkinder verletzende pädagogische Praxis, sexualisierte Gewalt und Misshandlungen. Ein organisiertes Täternetzwerk bestätigen sie nicht. Diese These beruhe bislang auf keinen faktischen Belegen, sondern würde „aus der Deutung der subjektiven Missbrauchserfahrungen, den Recherchen zu den Täterinnen und Tätern, möglichen Verbindungen zu den Tatorten wie auch den Widerständen gegen Aufklärung abgeleitet“. So schreibt es Eberle in der Studie, die dem Starnberger Merkur vorliegt. Ob man tatsächlich von einem Missbrauchsnetzwerk sprechen kann, könne nur „in Form eines Forschungs- und Archivverbunds mit der Stadt München, dem Landesjugendamt und den Schulbehörden aufgeklärt werden“.

Wissenschaftlerin spricht von „historischem Verbrechenskomplex“

Die Geschehnisse in Feldafing zwischen 1953 und 1972 ordnet Eberle in einen „historischen Verbrechenskomplex für beide deutschen Nachkriegsgesellschaften gegen Kinder und Jugendliche“ ein. Die Hauptstudie, die ein Beirat des Paritätischen (siehe Kasten) als nächsten Schritt in Auftrag geben will, nennt die Historikerin „einen längst fälligen regionalen Beitrag“ zur Aufklärung jenes Verbrechenskomplexes. „Nach bisherigen Erkenntnissen weiß man von insgesamt circa 1,3 Millionen Minderjährigen, die ab den 1950er-Jahren in die Gefahrenzone der Erziehungsheime, und von circa 250 000 Kindern und Jugendlichen, die in diejenige der Behindertenhilfe und psychiatrischen Einrichtungen gerieten“, heißt es in der Vorstudie.

Laut Zeitzeugenaussagen vergewaltigte der damalige Feldafinger Dorfpfarrer Otto Oehler Heimkinder im Keller und der Sakristei der Kirche. Eberle nennt zudem „demütigende und nachhaltige Angstzustände auslösende Strafen, mangelnde schulische und pädagogische Förderung, Prügel und andere Körperstrafen als Erziehungsmittel, sexueller Missbrauch seitens des Heimpersonals“. Einen wichtigen Beitrag zur Recherche leistete das Feldafinger Gemeindearchiv: Dort stieß Eberle auf mehr als 300 Namen von Heimkindern mit Geburts- und Aufenthaltsdaten.

Die Historikerin betont mehrfach, dass es bei der Arbeit um gesamtgesellschaftliche Verantwortung gehe. Deshalb spricht sie sich für einen „Ort der Erinnerung und Anerkennung“ aus, unterstützt von den „staatlichen verantwortlichen Träger“, dem Bayerische Sozial- und dem Kultusministerium. Als „Vorbild für Struktur, Konzept und Angebote“ nennt Eberle die Gedenkstätte in der sächsischen Kleinstadt Torgau. Dort befand sich bis 1989 der einzige „Geschlossene Jugendwerkhof“ der DDR. In der Disziplinierungsanstalt wurden mehr als 4000 Jugendliche für einen „Umerziehungsprozesses“ eingewiesen, die in anderen Einrichtungen negativ aufgefallen waren.

Ein Gremium, ein Beirat: Die Aufarbeitung des Paritätischen in Bayern

Der Paritätische in Bayern legt in einer aktuellen Presseerklärung detailliert dar, wie der Verband die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle vorantreibt.

Danach erfolgten die ersten Entschädigungszahlungen an Betroffene heuer im Februar und im April. Von der Diözese Augsburg haben vier frühere Bewohner des Hauses Maffei je 20 000 Euro Schmerzensgeld bekommen – wegen der Taten des ehemaligen Dorfpfarrers Otto Oehler. Im Mai gründete der Paritätische einen internen Ausschuss, der „transparente Kriterien für Anerkennungszahlungen und ein Antragsverfahren entwickeln und die Anträge entgegennehmen und bearbeiten“ soll. In diesem Herbst nahm dann das sogenannte Anerkennungsgremium seine Arbeit auf. Mitglieder sind Prof. Barbara Seidenstucker, die an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg soziale Arbeit lehrt, die Rechtsanwältin Sybille Kuthe, die bei der Erzdiözese Freiburg auch für die Prüfung von sexuellen Missbrauchsfällen zuständig ist, und die Sozialpädagogin und Mediatorin Ulrike Leimig von einer Fachstelle für Täter-Opfer-Ausgleich.

Daneben gibt es noch einen Beirat zur Aufarbeitung, dem die frühere Münchner Landrätin Johanna Rumschöttel vorsitzt. Sie ist umgeben von Fachleuten für Kriminologie, Familienhilfe und Kinderschutz, Jugend-Psychologie und soziale Arbeit. Darüber hinaus gehören Margit Berndl und Peter Schimpf, Vorstandsmitglieder des Paritätischen in Bayern, dem Beirat an.

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