In der Idylle, die Feldafing nicht nur heute, sondern schon in den 1960er-Jahren ausstrahlte, sollen Kinder schlimmste sexuelle Gewalt erlebt haben.
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In der Idylle, die Feldafing nicht nur heute, sondern schon in den 1960er-Jahren ausstrahlte, sollen Kinder schlimmste sexuelle Gewalt erlebt haben.

Haus Maffei in Feldafing

Missbrauch in Kinderheim am Starnberger See: Aufarbeitung beginnt, aber auch juristisch?

  • Tobias Gmach
    vonTobias Gmach
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Folter, Missbrauch, Sextourismus: Das Kinderheim „Haus Maffei“ in Feldafing soll in den 1960er-Jahren Teil eines kriminellen Netzwerks gewesen sein. Während die Kripo Vorermittlungen eingeleitet hat, geht eine Historikerin der dunklen Vergangenheit nun auf den Grund. Im Gemeindearchiv hat sie erste Erkenntnisse gewonnen.

Feldafing – Wenn es in einem Gemeinderat zum Tagesordnungspunkt „Bekanntgaben/Sonstiges“ kommt, heißt es meistens von der Verwaltung: „Wir haben nichts.“ Sitzung beendet. Nicht so in Feldafing am Dienstagabend, als Bürgermeister Bernhard Sontheim zu einer Stellungnahme ansetzte, die ihm am Herzen lag und bei der alle im Rathaus-Saal an seinen Lippen klebten. Er sprach vom Haus Maffei, dem ehemaligen Sonderschulheim, in dem Kinder in den 1960er-Jahren schwere sexuelle Gewalt erlebt haben sollen. „Der Pfarrer, der unter Verdacht steht, hat mich getauft. Schon den Gedanken, dass er mich mit der Hand am Kopf berührt hat, finde ich grauslich“, sagte Sontheim und kündigte dann an: „Wir unterstützen die Aufarbeitung des Missbrauchskandals mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln.“

Die Gemeinde stellt ihr Archiv einer Historikerin zur Verfügung, sie ruft Zeitzeugen dazu auf, in vertraulichem Rahmen über die dunkle Vergangenheit zu sprechen. Die Staatsanwaltschaft München II hat die Kripo mit Vorermittlungen beauftragt. Es bewegt sich was in einer Sache, über die so lange geschwiegen wurde. Dank der Recherchen einer privaten Gruppe, die Kontakt zu ehemaligen Heimbewohnern hatte. In ihrem Blog ist die Rede von „Folter, ritualisierten Formen sexueller Gewalt“ und Feldafing als Knotenpunkt eines „klerikalen Sextourismus“. Das „Haus Maffei“, das heute in Privatbesitz ist, gehörte den Aussagen nach (unter anderem neben dem Stadtjugendamt München und dem Kloster Ettal) zu einem Netzwerk von Kinderschändern. „Der Keller des Heims und die Sakristei der alten Dorfkirche sind Zentrum einer abartigen Parallelwelt“, schreibt die Recherchegruppe.

„Welche Betroffenen, Mitarbeiter oder Feldafinger können von damals erzählen?“

Die Villa, 1901 erbaut vom Bankier, Unternehmer und Reichsrat der Krone Bayern, Hugo von Maffei, war erst eine NS-Oberschule, dann kamen Kinder von Verfolgten des NS-Regimes, sogenannte Displaced Persons, dort unter. Zwischen 1952 und 1972 betrieb der Paritätische Wohlfahrtsverband das Sonderschulheim. Der damalige Träger übernimmt nun Verantwortung, hat online eine Aufarbeitungsseite (www.paritaet-bayern.de/aufarbeitung) eingerichtet und Prof. Annette Eberle beauftragt. Sie ist Historikerin und lehrt Pädagogik in der Sozialen Arbeit am Campus Benediktbeuern der Katholischen Stiftungshochschule München. Ihre Aufgabe: eine Vorstudie zur Aufklärung von sexualisierter Gewalt und Misshandlungen in den Heimen des Paritätischen Landesverbands, die Grundlage für eine umfassende historisch-wissenschaftliche Studie. „Ich suche nach Quellen: Welche Akten sind noch da? Welche Betroffenen, ehemaligen Mitarbeiter oder Feldafinger Bürger können von damals erzählen?“, erklärt sie dem Starnberger Merkur. Es gehe ihr darum, die Dimension des Missbrauch-Netzwerks zu erfassen.

Eberle war bereits im Feldafinger Gemeindearchiv und gewann dort, unterstützt von Archivarin Martina Graefe, erste Erkenntnisse. Der damalige, von Bürgermeister Sontheim erwähnte Dorfpfarrer steht laut Eberle „im Zentrum der Vorwürfe“. Er habe sich „relativ gesichert“ neben Heimleitung und Erzieherinnen an den Kindern vergangen, obwohl er „keine offizielle Funktion im Heim“ hatte. Das Haus sei damals über 20 Jahre lang eine bekannte Einrichtung gewesen. „Mitarbeiter wohnten im Ort. Sonntags ging man gemeinsam in die Kirche, man traf sich beim Einkaufen oder auf der Straße. Auch Kinder aus Feldafing gingen dort zur Schule“, schreibt Eberle in einem Aufruf, der demnächst im Ortsblatt erscheinen wird.

Ob es zu einer juristischen Aufarbeitung kommt, ist auch wegen Verjährungsfristen ungewiss. Die Die Staatsanwaltschaft München II leitete nach einem Artikel der Süddeutschen Zeitung Anfang Februar die Vorermittlungen ein. Von Polizei und Staatsanwaltschaft München II bekam der Starnberger Merkur am Mittwoch keine Antworten.

Zur Aufklärung beitragen: Kontakt zur Historikerin

Historikerin Prof. Annette Eberle lädt alle, die zur Aufklärung beitragen können, dazu ein, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Alle Angaben werden vertraulich behandelt. Sie ist erreichbar per E-Mail an annette.eberle@ksh-m.de oder unter (0 88 57) 885 33. Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat außerdem eine Ombudsstelle für Betroffene eingerichtet: (08 81) 927 01 46; E-Mail: ombud@aufarbeitung-paritaet.de.

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