Liebhaber des analogen Fünfzigerjahre-Sounds: Christian Krüger zwischen Bandmaschinen und Retro-Mikrofonen in seinem Studio. Rockabilly-, Blues- und Jazzbands nehmen in seinem Wohnzimmer auf.
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Liebhaber des analogen Fünfzigerjahre-Sounds: Christian Krüger zwischen Bandmaschinen und Retro-Mikrofonen in seinem Studio. Rockabilly-, Blues- und Jazzbands nehmen in seinem Wohnzimmer auf.

Mit 120 Röhren in die Fünfziger

50er-Jahre-Tonstudio: Hier klingen die Musiker so wie Johnny Cash und Elvis - wenn sie es drauf haben

  • Tobias Gmach
    vonTobias Gmach
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Wenn Bands heute so klingen wie einst Elvis und Johnny Cash, könnte Christian Krüger die Finger am Mischpult gehabt haben. Mit alten Bandmaschinen und Verstärkern aus den USA hat er sich in Feldafing ein voll funktionsfähiges Fünfzigerjahre-Tonstudio eingerichtet. Ein Besuch.

Feldafing – Den Hall einer Kirche, ein Schlagzeug oder ein ganzes Symphonieorchester simulieren? Die digitale Musikproduktion macht das und so viel mehr mit wenigen Klicks möglich. Um einen Song aufzunehmen, braucht man heute: einen Laptop, eine Software und ein handgroßes Gerät namens Interface. Wenn Christian Krüger eine Band aufnimmt, glühen 120 Röhren im Erdgeschoss einer Feldafinger Villa. Dann laufen Bandmaschinen in massiven Schränken und gemein-schwere Gitarrenverstärker. Und unter dem „On-Air“-Schild, an einer Mischkonsole mit Pegelanzeige und dicken schwarzen Reglern sitzt ein 47-jähriger, schlanker Mann mit Brille. Einer, der alte Biedermeiermöbel und große historische Wandgemälde mag, aber noch lieber Original-Mikrofone der Radio Corporation of America (RCA). Aber wo soll er anfangen.

Krüger, der beim Pressebesuch schwarz trägt und schwarzen Kaffee anbietet, könnte über jeden seiner Schätze eine Geschichte erzählen. In seinen Wohnräumen hat er sich ein voll funktionsfähiges Fünfzigerjahre-Tonstudio namens „Moonshine Records“ eingerichtet. Er strebt auf seiner Zeitreise nach dem Sound von Johnny Cash und Co. Aber es reicht ihm nicht, hier mal einen alten Verstärker anzuschließen und da in ein Elvis-Mirko zu singen. Krüger will das Gesamtpaket.

Johnny-Cash-Paket: Mit dem gleichen Verstärker wurde „Walk the line“ aufgenommen. Die E-Gitarre Fender Esquire hat Christian Krüger selbst nachgebaut

In einem Drehstuhl lehnend, der selbstverständlich Patina hat, sagt er: „Die Seele der Musik fehlt mir heute, sie ist ein Wegwerfartikel.“ Die Rückkehr der Schallplatte und aufkeimende Retro-Tendenzen sind ihm in den letzten Jahren sehr wohl aufgefallen: „Viele lechzen nach dem Fünfzigersound, aber viele scheitern daran.“ Damit ihm das nicht passiert, recherchiert er stundenlang, klickt sich durch Online-Foren und kontaktiert Schrotthändler, bei denen Geräte aus aufgelösten Radiostationen rumstehen.

In den USA, woher seine komplette Studio-Einrichtung stammt, war Krüger noch nie. Aber er hat gute Verbindungen in die Vintage-Szene, kooperiert mit einer US-Firma, die seine Bestellungen bündelt, damit die Versandkosten für ihn verkraftbar bleiben. Fast alles, was er kauft, muss er dann mithilfe eines Technikers reparieren. Vor kurzem habe sich jemand für Teile seines Equipments interessiert. „Ich habe zwei Anfragen aus Hollywood bekommen“, erzählt Krüger. Er habe abgelehnt. Aber stolz machen ihn die Anfragen schon. „Man kennt mich dort.“

Mit Freude präsentiert er auch das Original-Autogramm des Country-Sängers Roy Orbison inklusive Sun-Records-Cover. Von den Wänden lächeln Stars mit geschniegelten Frisuren: Hank Williams, Elvis und natürlich Johnny Cash. Krüger nimmt die Fender Esquire zur Hand, eine Kult-E-Gitarre, die er nachgebaut hat, und spielt „Walk the line“ vor. Das so einfache, wie weltbekannte Riff klingt unheimlich präsent, knackig und glockenklar, was auch am Verstärker liegt. „So einen haben sie damals bei den Aufnahmen hergenommen“, sagt Krüger.

Rares Exemplar: der Plattenspieler „Victor Special“ der Marke RCA, Baujahr 1936. „Davon gibt es nur noch eine Handvoll“, sagt Krüger.

Seine Vintage-Amps und Mikrofone dürfen sich die Musiker bei Moonshine Records zum Einspielen leihen. Für Rockabilly-, Blues und Jazz-Bands aus München, Freiburg oder Schweden drückte Krüger in seinem Wohnzimmer schon die Record-Taste. „Die sagen alle, das ist so ehrlich hier.“ Und meinen den unverfälschten Sound. Hier werde die Aufnahme, wenn überhaupt, nur minimal nachbearbeitet. Es komme auf die Positionierung der Mikrofone im Raum an – und auf das Zusammenspiel der Band. „Sie muss Leistung bringen.“

Die Musiker nehmen in der Feldafinger Villa nicht einzelne Spuren hintereinander auf, sondern eine gemeinsam, bis es passt. Krüger muss als Aufnahmeleiter nicht auf ausschlagende Frequenzwellen achten, sondern ganz genau hinhören. Gerade Disonanzen oder vermeintliche Spielfehler könnten Aufnahmen besonders machen. Wie zum Beweis spielt Krüger – ausnahmsweise über eine moderne Bluetoothbox – eine eigene Aufnahme mit Taktfehler vor. Das Missgeschick fällt aber nicht sehr auf. Weil der warme, handgemachte, analoge Klang so dominant ist. Weil Krüger die Zeitreise gelingt.

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