Das Herzstück der Produktion: Technischer Geschäftsführer Sven Leindl (l.) mit einer Brauprobe aus dem Labor und Braumeister Benedikt Hutter.
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Das Herzstück der Produktion: Technischer Geschäftsführer Sven Leindl (l.) mit einer Brauprobe aus dem Labor und Braumeister Benedikt Hutter.

66 000 Mass Bier in einem Tank

Starnberger Brauhaus startet an neuem Standort - und denkt schon über den nächsten nach

  • Tobias Gmach
    VonTobias Gmach
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Der erste Sud ist bald fertig, der Betrieb läuft im neuen Starnberger Brauhaus in Wieling. Ein Besuch in einer Brauerei, die gerade erst umgezogen ist und schon wieder ans Erweitern denkt.

Wieling – Bevor der Brauereichef Florian Schuh in die neue Produktion bittet, betont er: „Das ist keine einfache Gewerbehalle, das ist hochkomplexer Bau.“ Wenige Minuten später strömt einem dicke, warme Luft entgegen, erfüllt von kräftigem Malz- und Jungbiergeruch. Mächtige Edelstahltanks ragen bis knapp unters Dach, alles glänzt neu, die Rohre, die Treppen und Geländer. Immer wieder zischt es laut, Schläuche werden herumgetragen, Kessel herumgewuchtet. Aber das wirklich Hochkomplexe, das sieht man nicht, zumindest auf den ersten Blick: die vielen Kilometer Kabel, das Netzwerk, das den vollautomatischen Brauprozess gewährleistet.

Dem Starnberger Brauhaus ist in der neuen Heimat Wieling ein Quantensprung gelungen. Es kann nun fast zehnmal so viel Bier brauen wie am Standort in Höhenrain. Dort ist die Brauanlage stillgelegt, das Sudhaus hat man an eine Familienbrauerei aus Niederbayern verkauft. Die alten 30-Hektoliter-Tanks, die Starnberger zur Weißbier-Lagerung behalten hat, sind lächerlich klein gegen die neuen. Ihr Fassungsvermögen: 660 Hektoliter, also 66 000 Mass Bier.

Und doch ist Schuh, dem Geschäftsführer, schon wieder alles zu klein. Während im Verwaltungstrakt noch Kabel aus der Wand hängen und die Holztischplatte im Verköstigungsraum noch in der Ecke lehnt, denkt Schuh schon an den nächsten Standort. Man sei in Gesprächen mit der Stadt Starnberg für einen zweite Produktionshalle, habe von ihr auch ein Grundstück angeboten bekommen. Dass der Ortsteil Schorn, wo es ein Gewerbegebiet gibt und ein weiteres forciert wird, in Betracht kommt, leugnet Schuh nicht. Genaueres verrät er aber auch nicht.

Hätte gern, dass mehr rauskommt: Brauereichef Florian Schuh an der Wasserleitung. 

Sichtlich stolz ist der Mann in Jeans und weinrotem Gilet auf die neue Anlage. Er strahlt beim Rundgang. Und jetzt zapft er ein Zwickel, ein junges, unfiltriertes Bier, aus einem der großen Gär- und Lagertanks. Es schmeckt – natürlich – sehr frisch und hat schon einen gewissen, leicht-würzigen Charakter. Aber fertig ist es noch nicht. An der Stelle – oder zumindest in der Nähe – wo Schuh jetzt steht, war im Juli 2020 der Spatenstich. Ein knappes Jahr später, noch im Juni, soll das erste in Wieling gebraute Bier verkauft werden. Oder wie es der Brauereichef formuliert: „Ich gehe davon aus, dass wir in zwei Wochen in die Flasche kommen.“

Dass es klappt, dafür ist auch Sven Leindl, Technischer Geschäftsführer, verantwortlich. „In Höhenrain, das war Handwerk, das hier ist Massenproduktion“, sagt er. Und er meint das nicht despektierlich. Obwohl so vieles vollautomatisch läuft, sei die Arbeit komplexer geworden. „Wir ziehen die Hefe jetzt selbst im Labor“, sagt Leindl, mit dem Erlenmeyerkolben in der Hand.

Um ein „Problem“ anzusprechen, verlässt Geschäftsführer Schuh die Tank-Formation, biegt vom Mittelgang der Halle rechts ab und deutet auf eine Wasserleitung an der Wand, die ihm zu dünn ist. Die Details dazu erklärt er oben im noch jungfräulich eingerichteten Vertriebs- und Logistikbereich. Durch große Glasscheiben überblickt man von dort die komplette Halle. „Das Wasser, das wir von der Gemeinde Feldafing bekommen, begrenzt uns auf 70 000 Hektoliter pro Jahr“, sagt Schuh. Er wolle, vorsichtig optimistisch, behaupten, „dass wir das Doppelte verkaufen könnten“. Er werde deshalb das Gespräch mit Bürgermeister Bernhard Sontheim suchen. Auf drei weitere große Lagertanks habe man verzichtet, sie seien mangels Wasser ja zwecklos. Abgesehen von diesem Freiraum ist aber kein Platz mehr: „Wir gewinnen den Effizienzpreis. Wir schöpfen die Halle bis auf den letzten Quadratzentimeter aus“, betont Schuh.

Tanks bis unter die Decke: Der Blick aus dem Verwaltungstrakt in die Produktionshalle.

Dass das etwas mehr als 2000 Quadratmeter große Grundstück in Wieling eigentlich zu klein ist, habe man vorher gewusst, sagt Schuh. Aber ein Areal für das so ambitionierte Starnberger Brauhaus muss man im Landkreis erst mal finden. Die Suche war zäh. „Wer uns zu einer Immobilie oder einem Grundstück verhilft, wird lebenslänglich mit Bier versorgt“, versprach Schuh 2018. Nach einem bis zu 10 000 Quadratmeter großen Areal suchte er damals. Eine geeignete Fläche tat sich auf, die Möglichkeit habe sich leider zerschlagen, erzählt Schuh, ohne konkreter werden zu wollen. Das Grundstück wäre dreimal so groß gewesen wie das in Wieling. Man bekommt eine Ahnung davon, in welchen Dimensionen die Brauerei denkt. „Wenn wir wieder an die Kapazitätsgrenze kommen, wird es auf ein Werk zwei hinauslaufen“, sagt der Geschäftsführer. So spricht jemand, der den Wettstreit mit dem eigenen Wachstum definitiv angenommen hat. Und um es noch deutlicher zu machen: „Wir haben ein Produktionsproblem, kein Verkaufsproblem.“

Echte „Hardcore-Fangruppen“ habe das Starnberger Bier mittlerweile – unter jungen Erwachsenen aber auch Golfclub-Mitgliedern. Die erst 2015 gegründete Brauerei erreicht immer mehr die breite Masse – das beweisen auch die vielen Einkaufswagen auf der Deutschland-Karte auf der Homepage. Schuh denkt jetzt größer und weit über den Starnberger See hinaus. Aber in der Heimat eine wichtige Rolle zu spielen, ist ihm mindestens genauso wichtig. Mit einem Lächeln fragt er: „Am Starnberger See Tegernseer trinken, das geht doch nicht, oder?“

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