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Erschütterndes Gespräch: Missbrauchsopfer konfrontieren Bischof vor laufender Kamera - „Vom Teufel verfolgt“

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Von: Tobias Gmach

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Trafen sich für eine ARD-Sendung im Augsburger Sankt-Ulrich-Haus: Bischof Bertram Meier (l.) und die beiden Missbrauchsopfer, deren echte Namen im Beitrag nicht erwähnt werden.
Trafen sich für eine ARD-Sendung im Augsburger Sankt-Ulrich-Haus: Bischof Bertram Meier (l.) und die beiden Missbrauchsopfer, deren echte Namen im Beitrag nicht erwähnt werden. © Report München

Der Augsburger Bischof Bertram Meier hat sich vor laufender TV-Kamera bei zwei Missbrauchsopfern für die Gewalttaten entschuldigt, die sich vor Jahrzehnten in Feldafing ereigneten.

Feldafing – Der Teufel ist immer dabei, auch bei diesem einzigartigen Gespräch im Augsburger Sankt-Ulrich-Haus. „Ich habe den Teufel im Gnack“, sagt Robert Waldheim. Martha Stark sagt: „Er hat mir heute Nacht gedroht, dass er kommt, wenn ich mit Ihnen rede.“ Waldheim und Stark, die eigentlich anders heißen, reden mit Bertram Meier, dem Augsburger Bischof.

Sie sitzen ihm auf braunen Stühlen in einem kahlen Raum gegenüber. Zwei Menschen, die in den 1960er-Jahren im Feldafinger Kinderheim Haus Maffei und in der Kirchensakristei von Pfarrer Otto Oehler und dem Heimpersonal sexuell missbraucht wurden, konfrontieren den hochrangigen Geistlichen im Fernsehen damit.

Report München: Augsburger Bischof spricht mit Missbrauchsopfer - gab es so noch nie

Das habe es so noch nie gegeben, sagen die Initiatoren des Gesprächs: das ARD-Politikmagazin report München und die Augsburger Allgemeine. Gesendet wurde der Beitrag am Dienstagabend, eine längere Fassung ist in der ARD-Mediathek abrufbar. Titel: „Bischof trifft Missbrauchsopfer.“

Kein Moderator, möglichst kleines Filmteam: Die Redaktion von report München berichtet von einem wochenlangen Vorlauf, „zum Ablauf gab es klare Absprachen“, heißt es auf Nachfrage des Starnberger Merkur. Der große Wunsch von Waldheim und Stark: „Dass sich einer der höheren Herrschaften mal bei uns entschuldigt.“

Meier wird der erste deutsche Bischof sein, der das vor laufender Kamera tut. Feldafing gehört zu seinem Bistum Augsburg. Meier bittet um Entschuldigung, aber er betont, dass er die Taten im Namen der ganzen Kirche nicht „entschulden“ könne.

Vom Pfarrer jahrzehntelang missbraucht: Kleinste Assoziationen wecken grauenvolle Erinnerungen

Seine Gesprächspartner erzählen ihm nicht nur, dass der Teufel sie bis heute verfolgt, weil ihnen seine angebliche Macht als Kind eingetrichtert wurde. Sie seien in der Kirche in Kisten und davor in gut gefüllte Wasserfässer gesperrt worden. Der Pfarrer habe Zigarren an ihren Körpern ausgedrückt, sie mit dem Gesicht in einen Kothaufen gedrückt und anal vergewaltigt. Und nicht nur der: Die Kinder, gerade die ohne Eltern, seien an mehrere Priester verteilt worden. Im Juni 2021 haben die Betroffenen über die grausamen Taten in Sakristei und Keller gesprochen. Dafür waren sie an die Tatorte zurückgekehrt.

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Waldheim berichtet detailliert, welche Spuren die Gewalt in seinem Körper hinterlassen hat. Ihr Leid habe jahrzehntelang niemanden interessiert, trotz mehrerer Versuche. Deshalb will Stark vom Bischof wissen: „Glauben Sie uns?“ Meier: „Sonst hätte ich Sie gar nicht eingeladen.“ Sie könnten darauf vertrauen, dass er ehrlich sei und kein Theater spiele. Um den Hals trägt der Bischof ein großes Kreuz. „Muss das sein?“, fragt Stark. Antwort: „Wenn es sie nicht zu stark stört, würde ich es dran lassen.“

Kleinste Assoziationen können grausamste Bilder in den Köpfen der Opfer wach rufen. Stark wird an die Qualen erinnert, wenn sie ins Bett geht, Waldheim, wenn er auf die Toilette muss. Beide sind heute über 60 Jahre alt. Stark, die immer wieder in Tränen ausbricht, erzählt Meier, die Kirche zahle ihr nur 50 Therapiestunden, Waldheim sogar nur 25 – obwohl mehrere Jahre nötig seien. Der Bischof verspricht: „Ich bleibe da dran und höre mal nach.“

Bischof entsetzt über Missbrauchstaten - Vertrauen muss wieder hergestellt werden

Meier tritt empathisch auf, hört vor allem zu. Aber er versucht auch, einige Dinge klarzustellen. Die Taten der kirchlichen Vertreter von damals bezeichnet er empört als „Amtsmissbrauch“. Der Teufel stehe nicht hinter den beiden, „das widerspricht der katholischen Lehre“. Der Teufel sei die „Perversion“ der guten Botschaft, die er als Priester verbreiten wolle.

Er betont, dass die Wunden der beiden weder durch Geld noch durch Prozesse heilen würden. Es gehe vielmehr darum, wieder Vertrauen zu Menschen und vielleicht auch zu Jesus aufzubauen. An dieser Stelle unterbricht ihn Martha Stark und sagt: „Ich glaube keinem Jesus mehr. Ich war zwei Jahre alt, da ging das Martyrium los.“

Bbeeindruckendes Zeichen für Offenheit und Aufklärung

Gegen Ende des Beitrags fragt Meier die Missbrauchsopfer: „Was raten Sie mir als Bischof?“ Waldheims Gegenfrage: „Kann man nicht alle Priester irgendwie kontrollieren? Sind die alle auf dem richtigen Weg? Kann man das nicht von hier aus steuern? Das hat bei uns gefehlt.“ Meier entgegnet, er gehe den „Weg der Null-Toleranz“, man tue schon „sehr, sehr viel, aber wir haben keine Garantie“.

Mit Ängsten und Unsicherheit traten Stark und Waldheim vor die Kamera, mit einem positiven Eindruck treten sie aus dem Scheinwerferlicht. Der Beitrag endet mit der Verabschiedung und einer Stimme aus dem Off: „Das Treffen dreier mutiger Menschen. Ein beeindruckendes Zeichen für Offenheit und Aufklärung.“

Lesen Sie hier, warum die Aufarbeitung des Missbrauchs im Feldafinger Kinderheim schon 2010 hätte beginnen können.

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