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Zwei Aufführungen an einem Tag mit Leonard Bernstein (r.) gab es – in Feldafing und in Landsberg.

Zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein

Unter Tränen am Piano

Dirigent Leonard Bernstein organisierte in Feldafing ein Konzert mit Holocaust-Überlebenden. Heute wäre er 100 Jahre alt geworden.

Feldafing – Es ist der 9. Mai 1948. Leonard Bernstein, ein junger in Europa noch gänzlich unbekannter amerikanischer Gastdirigent steht am Pult des Bayerischen Staatsorchesters und gibt sein erstes Konzert in Deutschland. Georg Solti hatte den 29-jährigen Musiker jüdischer Abstammung eingeladen. Der Dirigent hat die Einladung angenommen, weil er darin „die einzige Möglichkeit“ sah, die DP-Lager in Landsberg und Feldafing zu besuchen. In solchen Lagern wurden so genannte „Displaced Persons“ untergebracht – Menschen, die freiwillig oder unfreiwillig durch den Krieg nach Deutschland gekommen waren und sich außerhalb ihrer Heimat aufhielten. Am heutigen Samstag wäre Bernstein 100 Jahre alt geworden.

Ein „Hexenmeister von dämonischer Begabung“

Die US-Militärverwaltung hatte ihm damals auferlegt, dass er vor den Konzerten in den DP-Lagern auch das Orchester der Bayerischen Staatsoper dirigieren müsse. Das Münchner Konzert wurde in der Presse groß gefeiert, Bernstein als ein „Hexenmeister von dämonischer Begabung“ bezeichnet, dem Dirigenten selbst aber lagen die Konzerte in Landsberg und Feldafing besonders am Herzen. „Bernstein wollte das Kammerorchester dirigieren, das ausschließlich aus jüdischen Überlebenden des Holocaust bestand“ liest man in der Jüdischen Allgemeinen vom 17. Mai 2018.

In Landsberg standen damals Stücke von Carl Maria von Weber, Bizet, Tartini, Verdi, Puccini, Gershwin und zwei hebräische Lieder aus dem Ghetto von Vilnius auf dem Programm, die auf Wunsch des Dirigenten auf Hebräisch vorgetragen wurden. Die Konzerte wurden mit George Gershwins „Rhapsody in Blue“ beendet. Bernstein übernahm neben dem Dirigat auch die Klavierbegleitung. „Er spielte einfach wunderbar auf diesem schrecklich verstimmten Piano“, berichtete der Zeitzeuge Harry Bialor, der als Jugendlicher im Lager Feldafing war. „Es gab keine Aircondition und Bernstein sagte auf Jiddisch: ‘Nu, dann werden wir gemeinsam schwitzen‘.“

Sie spielten „das Konzert ihres Lebens“

Ersichtlich aus dem Programm ist auch, dass das Kulturdirektorium des „American Joint Distribution Committee in the U.S.Zone of Occupation“ als Veranstalter tätig war, dem Bernstein in einem Dankschreiben versprach, „alles in meiner Macht stehende zu tun, talentierte jüdische Künstler in den Camps zu unterstützen“.

Das „Orkester fun Sezeerit Hapleitah“, „der überlebende Rest“ wie es sich nannte, trat am 10. Mai 1948 zweimal auf. Die Musiker hatten in Litauen, Polen und Ungarn an namhaften Universitäten und Konservatorien studiert und spielten der Überlieferung nach an jenem Tag „das Konzert ihres Lebens“. Die Matinee fand in Feldafing im DP -Lager um 13 Uhr statt, das zweite Konzert abends um 20 Uhr in Landsberg. Im Publikum befanden sich auch über 100 Musiker vom Bayerischen Staatsorchester, die tags zuvor unter Bernsteins Leitung in München gespielt hatten. Feldafing war zwar “kein Konzert mit schicken Hintergrund“, wie sich ein Zuschauer erinnert, „aber alle leuchteten“.

Er ließ die KZ-Jacke 50 Mal reinigen

Für den jungen Leonard Bernstein war es eine emotional bewegende Erfahrung. Jeweils 5000 Lagerinsassen aus Feldafing und Dachau waren bei den beiden Vorstellungen im Publikum. Bernstein wurde von einer Kindergruppe mit Blumen empfangen, bevor er das Dachauer Symphonieorchester dirigierte, 16 Holocaustüberlebende von einst 65 Orchestermitgliedern.

„Während er Klavier spielte, liefen ihm die Tränen über sein Gesicht“, wurde geschrieben und Bernstein selbst erinnerte sich: „Mein Herz hat geweint. Es war schön, durch Musik sich den Menschen zu nähern, die vorher nur Hass empfunden hatten.“ Das Orchester überreichte dem jungen Dirigenten nach den Konzerten aus Dankbarkeit eine KZ-Jacke als Geschenk. Bernstein schrieb, er habe sie „an die 50 Mal chemisch reinigen“ lassen – „doch der Geruch ging nicht heraus, es war der Geruch des Todes.“

Von Astrid Amelungse-Kurth

Quelle: programmheft konzert landsberg 2018

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