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Als Beheshta in Bayern ankam, sprach sie nur Farsi. Heute ist sie eine der besten in ihrer Klasse am Gymnasium.

13-Jährige aus Afghanistan will Ärztin werden

Flüchtlingsmädchen wird Gymnasiastin: Beheshta lernt für ihren Traum

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Als Beheshta im Jahr 2015 aus Afghanistan nach Bayern kam, sprach sie nur die persische Sprache Farsi. Heute ist sie Gymnasiastin – und eine der Klassenbesten. Die 13-Jährige will Ärztin werden. Ihr Traum: in einem friedlichen Afghanistan ein Krankenhaus eröffnen.

Aufkirchen – Eigentlich wirkt sie wie eine normale Fünftklässlerin. Die erste Ex in Mathe am Gymnasium fiel ihr schwer, sie schaffte knapp eine Drei. Der Unterschied zur Grundschule war einfach groß. Aber schon in der Matheschulaufgabe kurz darauf zeigte Beheshta K., die seit September das Gymnasium Kempfenhausen (Kreis Starnberg) besucht, ihre außergewöhnliche Leistungsbereitschaft. Sie schrieb eine glatte Eins. „Wenn du Ärztin werden willst, dann musst du immer Einser schreiben, hat meine Mutter gesagt.“ Die Tochter nahm sich das zu Herzen.

Beheshtas Traum: Ein Krankenhaus bauen in einer abgelegenen Region in Afghanistan, wo medizinische Hilfe fehlt. Sie kommt aus Mazar I Sharif, der viertgrößten Stadt in Afghanistan. Beheshdas Eltern arbeiteten dort bis 2015 als Sozialarbeiter für die Hilfsorganisation Afghan-Aid. Für diese besuchten sie Menschen in abgelegenen Bergdörfern, in denen es keine Ärzte gibt. Oft auch keine Schulen, keine Bildung, vor allem nicht für Mädchen.

In den Städten gibt es zwar Schulen, aber keine Sicherheit. „Wir hatten jeden Tag Angst, dass jemand unser Schulhaus angreift“, sagt Beheshta. Bis in Afghanistan Frieden herrscht, wird es in ihren Augen noch lange dauern. „Ich wünschte, die Menschen würden dort so friedlich miteinander leben wie in Deutschland.“

Flucht war „wie eine Zeitreise aus dem Mittelalter in die Zukunft“

Es war wie ein Schritt in eine andere Welt, als Beheshta im Dezember 2015 mit ihrer Familie in Bayern ankam. „Wie eine Zeitreise aus dem Mittelalter in die Zukunft, alles war neu und ungewohnt“, sagt die 13-Jährige. In Afghanistan sprach die Familie Farsi, auch die Schrift ist ganz anders. „Ich konnte nichts sagen und nichts verstehen. Aber weil ich es so dringend brauchte, habe ich schnell Fortschritte gemacht.“

Die Flucht war traumatisch. Im Iran trennte die Polizei die Kinder von der Mutter. „Wir haben so sehr geweint, dass man uns gehen ließ“, sagt Beheshta. Zunächst floh der Vater, die Mutter folgte ihm mit ihren fünf Kindern, das jüngste war damals gerade ein Jahr alt. Sie flüchteten über Pakistan, Iran, Türkei, setzten in einem Schlauchboot über nach Griechenland, dann ging es über Serbien und Kroatien nach Deutschland. Nach 47 Tagen im Transferlager in Eichstätt kam die Familie in Aufkirchen in der Gemeinde Berg am Starnberger See unter.

Beheshta hatte das große Glück, dass sie dort neben der Schule individuell gefördert wurde, und zwar durch die Stiftung Startchance. Das ist eine Nachhilfeinitiative, die sich durch Spenden finanziert. Es gibt sie im Süden Münchens an vier Standorten: in Starnberg, Berg, Schäftlarn und Geretsried (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen). Rund 85 Kinder, Deutsche und Ausländer, nehmen am Förderunterricht teil. „Wir haben viele begabte Kinder, aber Beheshtas Talent ist außergewöhnlich“, sagt Lehrerin Juliane Glück, die die Förderstunden in der Grundschule Aufkirchen organisiert.

Beheshtas Familie ist froh über die Hilfe. Bildung für ihre Kinder ist den Eltern sehr wichtig. Beheshta, die älteste Tochter, besuchte in Afghanistan eine Privatschule. „Die staatlichen Schulen in Afghanistan sind nicht so gut“, sagt Mutter Benefsha (32). Vier ihrer fünf Kinder besuchen nun in Deutschland die Schule, der jüngste Sohn Abdulla (3) ist im Kindergarten. Die Mutter würde gerne arbeiten, sie lernt Deutsch und hat Grad B2 erreicht. In Afghanistan trug sie Kopftuch, hier nicht mehr. Ihr Mann arbeitet bei der Post. Die Familie hofft, sie kann dauerhaft bleiben.

„In Deutschland habe ich die Sprache gelernt, Schwimmen, Fahrradfahren, Schlittschuhlaufen und das Leben“, sagt die 13-jährige Beheshta. „Ich wusste zuvor nicht, dass Frauen die gleichen Rechte haben wie Männer.“ Buben und Mädchen gemeinsam im Unterricht, das gebe es in Afghanistan nicht. „Dabei ist es gut, weil man dann sieht, dass alle Menschen gleich sind.“

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