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Begeistert vom Mehrgenerationenhaus (v.li.): Architekt Thomas Metzner, Hündin Zoretta, Besucherin Eva-Maria Klinger, Quirin Springer, Bürgermeisterin Dr. Brigitte Kössinger, die Bewohner Pepe Ottmar, Martina Ottmar, Emma Rüther und Stephan Ottmar, Besucherin Ulla Ottmar, Nachbar Manfred Pinegger und Eberhard Ottmar.

Vom Kind bis zur 85-jährigen Rollstuhlfahrerin

13 Menschen aus drei Generationen unter einem Dach - so funktioniert das Gautinger Projekt

Eine neue Form des Wohnens ist an der Hildegardstraße in Gauting entstanden. Dort wohnen 13 Personen aus drei Generationen unter einem Dach. Ein Projekt mit Modellcharakter.

Gauting – „Lissi feiert am Sonntag Geburtstag“ informiert eine Schiefertafel im Flur des Mehrgenerationenhauses Hildegardstraße 29 in Gauting. Denn das Geburtstagskind wird im Gemeinschaftsraum mit Küchenzeile feiern. Das Mehrgenerationenhaus gehört dem Ehepaar Martina und Stephan Ottmar, die mit ihren Mitbewohnern im März eingezogen sind. In dem privaten Mehrgenerationenhaus wohnen acht Erwachsene im Alter zwischen 42 und 85 Jahren sowie fünf Kinder unter einem Dach.

„Ursprünglich gehörte das Grundstück meiner Großmutter“, berichtet Martina Ottmar. Ein kleines Einfamilienhaus aus den 1930er Jahren stand auf einer großen Wiese. Von ihrer Oma Liselotte Rocher erbte die Enkelin das großzügige Anwesen – ein Glücksfall in Gauting mit seinen explodierenden Grundstückspreisen. Weil weil sich Martina Ottmars Schwiegermutter Ulla Ottmar, die sich als Seniorenbeirätin seit Jahren für ein Mehr-Generationen-Wohnen am Ort einsetzt, war die Idee rasch geboren. Mit ihrem Ehemann Stephan Ottmar (42) setzte die dreifache Mutter Martina Ottmar das Projekt in die Tat um. Eines hat die Entscheidung mit Sicherheit erleichtert: Sowohl Stephan als auch Martina Ottmar haben Wohngemeinschaftserfahrung.

Nach Plänen von Architekt Thomas Metzner entstand hinter dem 30er-Jahre-Häuschen ein neues Holzhaus für fünf Parteien – im so genannten Holzständerbau mit Betonkern. Für den Gautinger Bauausschuss war das Mehrgenerationenhaus eine harte Nuss. Erst nach drei Anläufen gab der Ausschuss dem Vorhaben sein Einvernehmen. Das war mit ein Grund, warum die Ottmars auch der Öffentlichkeit ihr Projekt vorstellen wollten.

Das Herzstück des Hauses: In der 45 Quadratmeter großen Gemeinschaftsküche, für die alle Miete zahlen, kommen die Bewohner regelmäßig zusammen.

Am Freitagnachmittag besuchten daher unter anderem Bürgermeisterin Dr. Brigitte Kössinger, CSU-Fraktionssprecherin Eva-Maria Klinger und der Gautinger Bauamtschef Rainer Härta die Ottmars und ihre Mitbewohner. Denn im Rahmen des laufenden Planverfahrens fürs AOA-Gelände mit angrenzender Wiese Pötschenerstraße tauchte bereits mehrfach der Wunsch der Bürger nach Mehr-Generationen-Wohnen auf.

So öffneten die Bauherren ihre rot lackierte Haustür für den offiziellen Besuch. Vom großen Treppenhaus mit Eichenparkett ging es in den geräumigen, hellen Gemeinschaftsraum mit einer weiß lackierter Küchenzeile und Blick zum Garten. „Hier, in dem 45 Quadratmeter großen Gemeinschaftsraum haben wir gerade den 80. Geburtstag meines Schwiegervaters gefeiert“, erzählt Stephan Ottmar. „An den gemütlichen Holztisch passen locker 30 Personen.“

Gleich neben der Küche liegt ein abgetrenntes Gäste-Appartement, das die Mieter mitnutzen. Eine Tür weiter liegt das niedrige Wannenbad. Als gemeindliche Inklusionsbeauftragte achtete Martina Ottmar darauf, dass das zweistöckige Haus barrierefrei ist. Der erste Stock ist per Lift erreichbar, das Dachgeschoss nicht.

Insgesamt fünf Parteien leben unter einem Dach: Martina Ottmar und ihr Ehemann leben mit Sohn Pepe (11) in einer 105 Quadratmeter großen Wohnung im Erdgeschoss mit eigener Küche und eigenem Duschbad. Die übrigen vier Appartements mit mindestens 45 Quadratmetern, ebenfalls mit Bad und Küche, seien vermietet, erklärt Stephan Ottmar das Modell. Die Mieter zahlen anteilig für die Nutzung der Gemeinschaftsräume mit. Mit dem alten Haus der Oma, das Manfred Pinegger bewohnt, leben insgesamt sechs Parteien auf dem Anwesen. „Das funktioniert prima“, sagt Martina Ottmar. „Unsere Kinder turnen durchs ganze Haus.“ Die 85-jährige Rollstuhlfahrerin, die von ihrer Tochter betreut werde, sitze zum Essen regelmäßig am Gemeinschaftstisch und freue sich, dass „immer jemand vorbeikommt“.

Christine Cless-Wesle

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Hubertus Habel (94) aus Gauting, vor zwei Jahren erblindet, hat zwei Bände veröffentlicht. Sie handeln von seinem Leben - und vom Krieg.

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