Beim Filmgespräch: Regisseurin Franziska Stünkel und der Gautinger Pfarrer Eckart Bruchner, Jurymitglied der Interfilm-Akademie.
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Beim Filmgespräch: Regisseurin Franziska Stünkel und der Gautinger Pfarrer Eckart Bruchner, Jurymitglied der Interfilm-Akademie.

Preview mit Regisseurin im Breitwand-Kino

Atemberaubend und ausgezeichnet: Film „Nahschuss“ über DDR-Todesstrafe gewinnt Gautinger Preis

„Nahschuss“ heißt der Film, der sich dem letzten Hinrichtungsopfer der DDR annimmt. Regisseurin Franziska Stünkel gastierte nun in Gauting - und wurde dort auch ausgezeichnet.

Gauting – Der Film „Nahschuss“ ist von der Lebensgeschichte von Dr. Werner Teske inspiriert, dem letzten Hinrichtungsopfer in der DDR. Das und vieles mehr berichtete Regisseurin Franziska Stünkel beim Gautinger Filmgespräch am Donnerstag im Breitwand – denn die Jury der Interfilm-Akademie um den Gautinger Pfarrer Eckart Bruchner hat das im Wortsinn atemberaubende Drama mit Lars Eidinger in der Hauptrolle des fußballbegeisterten Ingenieurs Franz Walter, der von der Stasi angeworben wird, mit dem „One Future Preis“ ausgezeichnet.

Stünkel sprach im ausgebuchten Kino vor tief beeindruckt wirkenden Zuschauern. Als Fallstudie, wie ein totalitäres Regime mit seinen Gegnern umgeht, will die Regisseurin und Drehbuchautorin „Nahschuss“ verstanden wissen. Und so spiele ihr am 4. Juli in München uraufgeführter Film zwar in der DDR der Jahre 1980 und 1981, aber es sei kein rein historisches Werk, berichtete die aus Hamburg angereiste Regisseurin.

Zum Auftakt sehen die Zuschauer nur Lars Eidingers Gesicht hinter Gittern in Großaufnahme. Zum laut hörbaren Atem rollt über die verzweifelte Miene des abtransportierten Gefangenen eine Träne. In packenden Szenen vermittelt die Regisseurin, wie Walter ein vielversprechendes Angebot des Auslandsnachrichtendienstes der DDR erhält. Er soll als Mitarbeiter die Staatssicherheit dabei unterstützen, sich auf die kommende Fußballweltmeisterschaft vorzubereiten. Im Gegenzug stellt man ihm eine Professur in Aussicht. Walter nimmt das Angebot an und verpflichtet sich zu uneingeschränkter Systemtreue. In einer Szene sieht man, wie er mit seiner späteren Frau Corina (Luise Heyer) zu Musik aus dem Plattenspieler freudig-ausgelassen durch eine große Ostberliner Wohnung tanzt.

Am Ende herrscht ergriffene Stille im Kinosaal

Mit seinem Kollegen, dem Stasi-Offizier Dirk (Devid Striesow), wird Walter zu Einsätzen beim „Klassenfeind“ in die BRD geschickt. Als der Informationsbedarf der DDR immer größer wird, fühlt er sich zunehmend unwohl bei der Sache. Er würde diese Art der Arbeit gerne beenden, doch der Geheimdienst lässt niemanden so einfach gehen: Walter kommt in Einzelhaft, ihm wird ein geheimer Prozess gemacht. In beklemmenden Szenen, von Eidinger unübertrefflich gespielt, erlebt der Zuschauer die Stasi-Foltermethoden hautnah mit. Nach dem Genickschuss eines Stasi-Offiziers ist Walter tot. „Nahschuss“ endet mit dem unauslöschlichen Bild eines brennenden Holzsargs im Krematorium. Ergriffene Stille im Kinosaal.

Auslöser für den Film war ein vor zehn Jahren erschienener Zeitungsartikel über die Todesstrafe in der DDR, erzählte Franziska Stünkel. Das Vorbild für die Hauptfigur, Dr. Werner Teske, sei „ein ganz sensibler Mensch“ gewesen. Seine Frau, die ebenfalls inhaftierte Sabine Teske, im Film überzeugend dargestellt von Luise Heyer, sei noch zu DDR-Zeiten entlassen worden, „wurde aber bis zur Wende von der Stasi überwacht“, sagte Stünkel, die das Breitwand-Kino „einen wunderschönen Ort“ nannte. Während ihrer zehnjährigen Recherche war die Regisseurin auch im Stasi-Museum an der Berliner Normannenstraße und in der Haftanstalt Hohenschönhausen. Die Todesstrafe gebe es noch heute in 50 Staaten, betonte die Tochter eines Geschichtslehrers die Aktualität ihres Werkes.

Beim Publikumsgespräch warnte ein junger Mann, dass eine Diktatur jederzeit wiederkehren könne. „Unsere Demokratie ist filigraner, als sie uns erscheinen mag“, sagte der 18-Jährige unter Beifall. Am Donnerstag, 12. August, kommt „Nahschuss“ offiziell in die Kinos.

Christine Cless-Wesle

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