Messie-Wohnung.
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Am Ende einer oft monatelangen Abwärtsspirale sehen Messie-Wohnungen oft so aus wie auf diesem Foto.

Neues Fortbildungsangebot

Der verborgene Absturz: Messie-Akademie in Gauting verzeichnet mehr Hilferufe im Lockdown

Depressionen durch Kurzarbeit oder sogar Jobverlust sind eine der negativen Folge von Corona. Eine andere: Weil zu Hause kaum noch Besuch empfangen werden darf, nimmt auch die Vermüllung von Wohnungen sogenannter „Messies“ (abgeleitet von Mess: Chaos, Unordnung) rapide zu. Das beobachtet Michael Schröter (68), Gründer der ersten deutschen Messie-Akademie mit Sitz im E-Werk am Gautinger Hauptplatz.

Gauting - „Seit Wochen bekommen wir täglich mehr Anrufe von Menschen, denen ihre Wohn-Situation über den Kopf gewachsen ist“, sagt Schröter im Gespräch mit dem Starnberger Merkur – zumal das Problem aufgrund der Kontaktbeschränkungen oft verborgen bleibe. Der Anruf bei der Hotline der Messie-Akademie erfolge oft erst „im letzten Moment, wenn wegen Vermüllung des Appartements die Räumungsklage im Briefkasten steckt. „Es rufen aber nicht nur Messies bei mir an, deren Wohnsituation sich durch die Corona-Krise verschlimmert hat“, sagt Schröter. „Sondern auch viele Menschen, deren Wohnung bis vor Corona noch sehr ordentlich war, jetzt aber völlig vermüllt ist.“ Es gebe zum Beispiel Singles ohne Familie, die aufgrund der Kontaktbeschränkungen „keinen Grund“ sehen würden, ihre Wohnung aufzuräumen.

Seit der zweiten Coronawelle hätten seelische Probleme stark zugenommen, sagt Schröter. Vor allem Männern, die sich durch ihre Arbeit definierten, könne es im Lockdown „seelisch schlecht gehen, wenn sie ihre Beschäftigung verlieren“, und sei es auch nur vorübergehend. Sowohl Frauen als auch Männer fielen danach „in eine Art Lähmung.“ Ihre bisherigen Kontakte, die Gespräche mit den Kollegen entfielen, die Tagesstruktur breche weg.

Michael Schröter, Gründer und Chef der Messie-Akademie Gauting, bietet Hilfe an.

Er habe einen Betroffenen erlebt, „der nur noch dazu in der Lage war, einen Leitz-Ordner innerhalb einer halben Stunde von links nach rechts zu schieben – und wieder zurück“, berichtet Schröter. Diese Verzweiflung und dazu die Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus verschärften das Messie-Syndrom. Sehr viele Anfragen habe er aus Gastronomie und Hotellerie. Auch Selbstständige ohne Aufträge, „denen das Geld ausgegangen ist“, seien unter den Hilfesuchenden.

„Ohne Ende“ seien die traurigen Geschichten, die er höre. „Heute auf der Fahrt nach Gauting hat mich eine etwa 60-jährige Frau angerufen, die vor Schluchzen gar nicht sprechen konnte“, schildert er. Ihr Sohn habe ihr und ihrem Mann jahrelang etwas vorgespielt und sie nie in seine Single-Wohnung eingeladen. Jetzt habe der Sohn durch Corona seinen Job verloren – und in seiner Verzweiflung seine Mutter angerufen. Die Mutter sei in die total vermüllte Wohnung gekommen, wo sie sich nur noch auf einem engen Pfad habe bewegen können. Ihr Sohn sei mittlerweile in Therapie, nehme Medikamente, könne kaum schlafen und schreie nachts. Sie befürchte Schlimmstes. „Dieses Gespräch hat mich so mitgenommen, dass ich erst mal fünf Minuten im Auto sitzen bleiben musste, bis ich aussteigen konnte.“

Um dem steigenden Bedarf gerecht zu werden, will Schröter nun über Webinare deutschlandweit weitere „einfühlsame“ Helfer aus dem sozialen Bereich ausbilden, die als selbstständige Lizenznehmer ihr eigenes Messie-Hilfe-Team gründen. Zu finden ist das Fortbildungsangebot im Internet unter franchiseportal.de, Stichwort Messie-Hilfe-Team. Infos gibt es auch bei Michael Schröter unter z (089) 87 57 90 61 oder per E-Mail an info@messie-hilfe-team.de.

Text: Christine Cless-Wessle

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