Managerinnen in der Corona-Krise: Gislinde Dietz (r.) ist seit Februar Leiterin des Gautinger Marienstifts; Pflegedienstleiterin Ewa Pogoda unterstützt sie.
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Managerinnen in der Corona-Krise: Gislinde Dietz (r.) ist seit Februar Leiterin des Gautinger Marienstifts; Pflegedienstleiterin Ewa Pogoda unterstützt sie. Foto: SvJ

Marienstift-Leiterin Gislinde Dietz über Corona-Krise, Lockdown und Solidarität

„Die alten Menschen waren sehr traurig“

Corona war für die Pflegeheime eine Herausforderung. Ein Interview.

Gauting – Wie haben die Bewohnerinnen und Bewohner den Lockdown im Gautinger Caritas-Pflegeheim Marienstift überstanden? Merkur-Mitarbeiterin Christine Cless-Wesle sprach darüber mit Gislinde Dietz. Die Betriebswirtin mit einer Zusatzausbildung als systemischer Coach und zweifache Großmutter leitet das erst Anfang 2019 neu erbaute Marienstift seit Februar 2020.

Sie sind gewissermaßen das „neue Gesicht“ im Gautinger Marienstift.

Ja, ich bin die Nachfolgerin vom bisherigen Leiter Sebastian Etzel. Vom größeren Malteser-Stift in Percha wechselte ich zur kleineren Caritas-Einrichtung mit insgesamt 51 Plätzen in der stationären Tages- und ambulanten Pflege sowie im Betreuten Wohnen hier in Gauting. Denn ich will mehr Zeit für meine Familie haben.

Wie haben denn die dementen Bewohnerinnen und Bewohner den Lockdown erlebt?

Glücklicherweise haben unsere dementen Bewohnerinnen und Bewohner trotz Corona nicht sehr abgebaut. Aber die alten Menschen waren sehr traurig, dass sie ihre Enkelkinder, Töchter und Söhne nicht mehr in die Arme schließen konnten. Trotzdem haben unsere Bewohnerinnen und Bewohner das Besuchsverbot nicht so gemerkt. Denn über andere geschlossene Caritas-Einrichtungen etwa Schulbegleitung für behinderte oder autistische Kinder bekamen wir mehr Personal fürs Gautinger Marienstift. So konnten wir weiterhin viel Unterhaltung oder Spaziergänge anbieten. Aber so etwas ersetzt natürlich nicht die eigene Familie.

Im Marienstift leben auch betagte Gautinger, die noch den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben. Bekamen sie keine Angst vor den Veränderungen – wenn sie plötzlich in die Gesichter von Pflegerinnen und Pflegern mit Schutzmasken blickten?

Die Frage „Was ist da los?“ hat unsere Bewohnerinnen und Bewohner schon beunruhigt. Denn unsere Leute lesen ja auch Zeitung oder schauen Nachrichten. Unsere Cafeteria, wo normalerweise unsere Mieter vom Betreuten Wohnen gemeinsam essen, mussten wir schließen. Das Essen wurde in die Appartements geliefert. Weil unsere Mieter eine sehr schöne Gemeinschaft haben, waren sie vom „social distancing“ am meisten betroffen. Auch die Sitz-Gymnastik mussten wir wegen der Abstandsregeln streichen. Gottesdienste hier im Pflegeheim, ohne Singen, haben wir immerhin in die Wohnbereiche im ersten und zweiten Stock übertragen können.

Aber Sie hatten durch Ihr straffes Hygienekonzept keinen Coronafall?

Nein, keinen einzigen. Und wir wollen auch keinen haben. Deshalb tun wir alles, um diese große Herausforderung zu meistern. Für uns war das Krisenteam der Caritas-Altenhilfe München rund um die Uhr erreichbar – und stand uns stets zur Seite. Über das Caritas-Krisen-Team, aber auch vom Landratsamt bekamen wir außerdem mehr Mundschutz, Einmal-Handschuhe, Desinfektionsmittel, Hygienekonzepte und aktualisierte Informationen zur Pandemie.

Wie haben Sie das Problem Kontaktverbot mit dementen Patienten oder sterbenden Bewohnern gelöst?

Wir haben in unserer neuen Einrichtung Skype, über das unsere Bewohnerinnen und Bewohner kommunizieren können. Die Telekom und einige Firmen haben auch ein paar Smartphones spendiert. Wenn die Bewohner nicht mehr dazu in der Lage waren, ging unsere soziale Leiterin zu ihnen hin, und hat deren Familien-Angehörige angewählt – bis die Verbindung da war. Sterbende durften ihre direkten Angehörigen empfangen.

Ausgerechnet zum Corona-Lockdown funktionierte im Betreuten Wohnen ein Lift nicht?

Das tat uns sehr leid. Denn zwei Wochen lang konnte ein Ersatzteil für den Aufzug im Betreuten Wohnen nicht geliefert werden. Wir haben uns bei allen Mietern entschuldigt. Jede und jeder bekam einen Gutschein für eine Tasse Kaffee und einen Kuchen fürs Gautinger Café „Amelie“. Gleichzeitig haben wir damit die lokale Wirtschaft unterstützt. Denn auch Konditormeisterin Monika Wickert vom Café „Amelie“ darf unsere Cafeteria gerade nicht betreiben, wegen des im ganzen Haus geltenden Mund-Nasen-Schutzes.

Wie haben Sie die erste Lockerung erlebt?

Gleich zum Muttertag am 10. Mai organisierte die Gautingerin Gerlinde Leib von der Yehudi-Menuhin-Stiftung „Live Music now“ für unsere Bewohner ein Konzert draußen im Garten. Dann war etwas Pause. Danach hat ein Profi-Trio vom Bayerischen Rundfunk für uns im Garten musiziert: Eine Zuhörerin, die in ihrem Rollstuhl saß, hat vor Rührung geweint. Wir haben so viel Zuwendung erfahren: Gautinger Kinder aus den Kitas, Schulen und Angestellte im benachbarten Rathaus haben unseren Bewohnern zu Ostern von Hand geschriebene Briefe mit Zeichnungen geschickt. Die Gärtnerei Kiefl und andere spendeten Blumengestecke für unseren Wohnbereich. Familienangehörige haben unsere Bewohner zu Ostern mit Blumen erfreut – und uns Mitarbeiter mit Schokolade überrascht. Ehrenamtliche aus Gauting haben uns Stoffmasken genäht und Einkaufsdienste für unsere Mieter übernommen. Es gab ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl. Von unseren Caritas-Mitarbeiterinnen und -mitarbeitern, die jeden Einzelnen runter in den Garten zum Besucher bringen und wieder zurück begleiten mussten, hörte ich nie ein Murren. Das Positive dieser Zeit hat unserer Seele gutgetan – und sich als Glück auf unsere Bewohnerinnen und Bewohner übertragen.

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