Dr. Brigitte Kössinger am Wohngebiet Patchway-Anger
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Eines der wichtigsten Projekte für Gauting sind die Pläne für das neue Wohngebiet Am Patchway-Anger mit Teilen des früheren AOA-Areals. Für Bürgermeisterin Dr. Brigitte Kössinger ein Projekt mit Vorrang. 

DAS BRINGT DAS JAHR 2021

„Diese Einnahmen brauchen wir dringend“

Bezahlbarer Wohnraum in der geplanten sozial-ökologischen Mustersiedlung Am Patchway-Anger, aber auch die Entwicklung von Gewerbegebieten sind die Gautinger Großprojekte 2021. Das betont Bürgermeisterin Dr. Brigitte Kössinger (CSU) im Jahresvorschau-Interview mit dem Starnberger Merkur. Wir fragten nach, was sonst noch auf der Agenda steht.

Gauting – Hätten Sie eigentlich gedacht, dass die Bürgermeister-Stichwahl für Sie als Amtsinhaberin gegen Ihren Grünen-Gegenkandidaten Hans-Wilhelm Knape so knapp ausgehen würde?

Nein. Denn nach dem ersten Wahldurchgang lag ich ja klar vorn. Doch nachdem der SPD-Ortsvorsitzende Eberhard Brucker kurz vor der Stichwahl an alle Gautinger Haushalte Flugblätter verteilen ließ, mit Anschuldigen gegen mich, die unter der Gürtellinie lagen, waren die Leute verunsichert – nach dem Motto „Wird schon irgendwas dran sein.“ Zu diesem Zeitpunkt konnte ich coronabedingt aber keinen Wahlkampf mehr machen und die Behauptungen richtigstellen.

Im neu gewählten Gemeinderat mit 30 statt 24 Mitgliedern setzt sich die Opposition des SPD-Fraktionssprechers Eberhard Brucker fort?

Ja, so ist es. Mit seinem Nein, etwa zu anstehenden Projekten wie der sozial-ökologischen Mustersiedlung, will der SPD-Sprecher alles verhindern, aber nichts gestalten. Das war schon im Kommunalwahlkampf Eberhard Bruckers Ziel.

Was sind die Gautinger Hauptprojekte 2021?

Beim bezahlbaren Wohnraum müssen wir einen großen Schritt nach vorn gehen. Weiterentwicklung unserer Gewerbegebiete ist das zweite dringliche Projekt 2021.

Am Sonderflughafen Oberpfaffenhofen hat Gauting bereits ein Unternehmen sitzen, das Gewerbesteuer zahlt?

Auf unserer Flur sitzt das Startup Lilium. Aber das Startup bringt in der jetzigen Entwicklungsphase keine Gewerbesteuer, sondern schreibt Verluste. Zwei Unternehmen, die hoffentlich in Zukunft Gewerbesteuer zahlen, haben sich bereits auf Unterbrunner Flur im gerade über die Dornierstraße von Gilching Süd neu erschlossenen Gautinger Gewerbegebiet Sonderflughafen angesiedelt. Diese Einnahmen brauchen wir auch dringend.

Wann ist denn der Gautinger Handwerkerhof bezugsfertig?

2021 werden wir die Grundstücke an Gautinger Betriebe verkaufen und die Erschließung fertigstellen. Ende kommenden Jahres können wir anfangen zu bauen. Wenn uns Corona keinen Strich durch die Rechnung macht, fließt dann zumindest durch den Grundstücksverkauf Geld in unsere Kasse.

Zum geplanten Gewerbegebiet „Gautinger Feld“ neben dem Asklepios-Klinik-Gelände kommt wegen des befürchteten Zusatzverkehrs Kritik aus Unterbrunn?

Das circa neun Hektar große Gewerbegebiet für Gautinger Unternehmen, die schon hier sind, wie etwa Dietl Feinmechanik, brauchen wir aber. Andernfalls wandern die ab. Gautinger Mitarbeiter fahren schon jetzt per Rad zu ihrer Firma im Ort. Momentan verhandeln wir mit einem Privateigentümer wegen der Zufahrt zum „Gautinger Feld“. Zu Klima- und Bodenuntersuchungen brauchen wir noch ein Sachverständigen-Gutachten. Mal sehen, wie lange das dauert. Aber unsere Gautinger Firmen brauchen eine Perspektive. Denn neben Wohngebieten können Produktionsbetriebe wegen des Lärmschutzes nicht dauerhaft bleiben. Dass wir bei der Gewerbesteuer noch weiter einbrechen, können wir uns schlichtweg nicht leisten. Aktuell rangieren wir landkreisweit auf dem vorvorletzten Rang. Hinter uns liegen nur Tutzing und Andechs.

Heißt das, Sie halten am Gautinger Asto-Eco-Park mit Geothermie im Unterbrunner Holz fest?

Ja. Wir werden in diesem Umfeld weiter planen. Im Konsens mit der Nachbargemeinde Gilching sind wir dabei, eine Lösung zu finden.

In Gauting hapert‘s an der Kommunikation. Seit dem abgelehnten Bürgerbegehren zum ehemaligen Grundschul-Areal, auf dem jetzt Sontowski den neuen Wohn-Geschäfts-Komplex gegenüber vom Bahnhof baut, klafft doch ein Riss in der Gemeinde?

Wir suchen das Gespräch mit den Bürgern auf vielfältige Weise. Die Gruppe „Gauting aktiv“ um Dr. Eckhard Müller-Guntrum will doch gar keine Veränderung in Gauting. Die klare Mehrheit der Bürger hat aber entschieden, dass gebaut wird. Daran bin ich als Bürgermeisterin gebunden. Doch diese Gruppe akzeptiert das nicht.

Sollten Sie nicht einmal eine/n Profi-Kommunikator/in einschalten?

Das bringt nur etwas, wenn ein Kompromiss auszuhandeln ist. Zum Beispiel beim Neubaugebiet Am Patchway-Anger mit vorderem AOA-Gelände an der Ammerseestraße. Zu den Themen Baudichte und Verkehr hatten wir ja die Nachbarn, Vertreter des Bürgerforums, von „Gauting Aktiv“ und „Zukunft Gauting“ eingeladen. Nach der Bürgerbeteiligung hatten wir dann die von Professor Hebensperger-Hüther geplanten vier bis fünf Geschosse neben der bestehenden Einfamilien-Haus-Bebauung auf unserem Grundstücksbereich auf Erdgeschoss plus zwei mit Flachdach reduziert. Doch ich kann nicht sehen, dass die Leute deshalb von ihren Positionen abgerückt sind. Bei diesem Vorhaben für zahlbaren Wohnraum auf Gemeindegrund, auf Flächen vom katholischen Siedlungswerk oder vom Zweckverband Wohnen müssen wir halt Kompromisse zwischen Anwohnern und Gemeinwohl finden. Wie viele junge Leute müssen schließlich von Gauting wegziehen, weil sie hier nichts finden! Ich kenne das Beispiel eines jungen Erzieher-Paares, das nach Rosenheim gezogen ist, oder einer jungen Gautingerin und eines Gautingers, die bei unserer Feuerwehr aktiv waren. Die sind jetzt in Germering. Auch die Grünen-Fraktion hat verstanden, wie wichtig bezahlbarer Wohnraum mit fußläufig erreichbarem Supermarkt nebst Kindertagesstätte in unserer sozial-ökologischen Mustersiedlung sein wird. Die Grünen sind nicht umgefallen, wie von Herrn Brucker und dem Bürgerforum behauptet. Unsere sozial-ökologische Mustersiedlung mit grünem Anger und Mobilitätskonzept ist eine städtebauliche Chance.

Wann wird denn der bezahlbare Wohnraum gebaut?

Frühestens 2022. Denn der Bauausschuss muss erst wieder die Ziele festlegen – und es gibt erneut eine Bürgerbeteiligung.

Wie geht‘s am Bahnhof weiter?

2021 wird die Kreuzung Bahnhof-/Ammerseestraße beim Kriegerdenkmal umgebaut. Bergauf kommen der neue Radweg und bergab der Schutzstreifen bis zur Kreuzung Ammerseestraße. Wir werden Professorin Anne Beer vom Architekturbüro Beer, Bembé, Dellinger, die schon ihren vom Vorgänger-Rat favorisierten Entwurf präsentiert hat, mit dem Rahmenplan beauftragen: Das gesamte Areal Bahnhof, Bahnhofplatz mit angrenzenden Gebäuden bis vor zur Post kommt in den Umgriff.

Wird‘s den Bürgerbahnhof geben?

Ja, dafür sind wir offen. Aber wir brauchen eine Bürger-Gruppe, die ein Konzept hat, das sich selber trägt. Wir können uns keine neue Kulturstätte leisten, die wir so unterstützen wie das Bosco.

Wie steht‘s im Corona-Jahr um die Gautinger Finanzen?

Wir haben insgesamt zwei Millionen Euro Einbruch bei der Einkommen- und Gewerbesteuer. Aber die Gewerbesteuer gleicht der Staat aus. Damit bleibt uns ein Einbruch von 1, 2 Millionen Euro. Fürs kommende Jahr wurden uns 14 Prozent Einbruch bei der Einkommensteuer vorausgesagt, aber das wurde gerade auf 5,5 Prozent korrigiert. Doch in der Corona-Pandemie sind Prognosen immer unsicher.

Gastronomen, Hoteliers, Einzelhändler, Solo-Selbstständige oder Künstler aus Gautings wahrlich reicher Szene, die nicht mehr auftreten dürfen, leiden: Kann die Gemeinde da irgendwie helfen?

Wir als Gemeinde können nur Initiativen unterstützen. Zum Beispiel den Unterbrunner Drive-in-Weihnachtsmarkt mit unseren Buden oder Künstler, die im Bosco auftreten sollten. Damit die Künstler und Künstlerinnen fürs Streaming trotzdem eine Gage bekommen, stellen wir das Bosco kostenlos für Aufnahmen zur Verfügung.

Kommen denn ins Sozialamt verzweifelte Menschen, die nicht wissen, wie‘s mit ihnen weitergeht?

Sozialhilfe gibt‘s grundsätzlich übers Landratsamt. Solo-Selbstständigen hilft Dr. Fabian Kühnel-Widmann. Unser Standortförderer berät, welche staatlichen Hilfen es gibt. Ich appelliere aber auch an die Solidarität unserer Bürger, dass sie die Geschäfte, Restaurants oder Künstler mit Aufträgen unterstützen.

Drohen Vereinen 2021 weitere Einschnitte bei den freiwilligen Zuschüssen?

Es wird keinesfalls Erhöhungen geben. Bei den Eintritten in unser Sommerbad können wir zwar nicht weiter erhöhen, aber wenn ein Besucher für ein Konzert mit dem Gautinger Pianisten Ludwig Seuss und der Spider Murphy Gang im Bosco gerade mal 35 Euro zahlt und für einen Auftritt mit Django Asyl 30 Euro, dann kann er in der Regel auch fünf Euro mehr zahlen, wenn ihm das per Rad oder zu Fuß erreichbare Kulturangebot vor Ort wichtig ist. Die meisten Gautinger und Gautingerinnen, wie etwa das Arzt-Ehepaar, machen es sich zu einfach, wenn sie immer nach der Gemeinde rufen. Jede und jeder kann schließlich etwas dazu beitragen, dass wir ein lebendiges Gauting bleiben. Und das Bosco vergibt auch Sozialkarten für diejenigen, die es sich sonst nicht leisten können.

Die Tür zu Ihrem Amtszimmer haben Ihre Mitarbeiter als „Adventskalender“ mit der „24“ geschmückt, denn am 24. Dezember feierten Sie Ihren 65. Fühlen Sie sich frisch und fit?

(lacht amüsiert) Ich bin immer noch voll Tatendrang und keineswegs amtsmüde. Ich freue mich, dass sich was regt und in Gauting etwas weitergeht. Das Gespräch führte Christine Cless-Wesle

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