Einzelhändlerin Sabine Linse in ihrem Laden.
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Allein im Laden: Einzelhändlerin Sabine Linse hat ihre sechs Mitarbeiterinnen in Kurzarbeit geschickt, hat noch Winterware und soll fürs Frühjahr ordern, ohne zu wissen, wann sie ihr Schuhhaus wieder öffnen kann. Das sei „sehr demotivierend“.

„Ein Tropfen auf den heißen Stein“

Trotz „Click & Collect“: Frust bei Einzelhändlern über Lockdown wächst

Der Lockdown zehrt an den Menschen. Insbesondere in den Bereichen Hotellerie, Gastronomie und Einzelhandel. Statt versprochener Staatshilfen gibt es für viele Selbstständige nur bange Blicke in die leeren Kassen. Daran ändert auch das Click & Collect Modell nicht wirklich etwas.

Gauting - Niederschmetternd ist der Lockdown für Hotellerie, Gastronomie und Einzelhandel. Seit Monaten erwirtschafte er mit seinem Bio-Catering für Kitas nur noch 20 Prozent des bisherigen Umsatzes, sagt zum Beispiel Caterer Stefan Berchtold. Versprochene Staatshilfen, die er im November beantragt habe, „kommen nicht an“. Einige Geschäfte in Gauting wie Schuh Linse, die BuchhandlungKirchheim, die Parfümerie Flair, Rima Mode, das Würmtaler Modehäusl, der Kinderladen „Moppelfritz“, Blumen Auer, der BlumenStadl oder die Buchendorfer GärtnereienKiefl und Zanker böten zwar den Service „Click & Collect“ an, sagt Harald Ruhbaum, Vorsitzender des Gewerbevereins „Zusammen für Gauting“, aber: „Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein.“

Berchtold hat Soforthilfen beantragt

„Ich habe Soforthilfe beantragt“, erinnert sich Berchtold an den ersten Lockdown. Die Hilfe kam damals flott. Aber die zuletzt im November beantragte Unterstützung sei immer noch nicht da, so der Freiberufler, Musiker und Gemeinderat weiter. Drei seiner bisher fünf Mitarbeiter seien in Kurzarbeit. Statt für 600 Kinder liefere er für noch 150 Kinder frisch zubereitetes Bio-Essen. Außer fixen Betriebs- habe er noch Lebenshaltungskosten. Rücklagen fürs Alter seien weg. „Uns fehlen halt die Einnahmen. Wir schlagen uns so durch“, resümiert der Bio-Caterer.

„Die Soloselbstständigen und Einzelhändler haben einen Frust sondergleichen“, bestätigt Ruhbaum. Wer ein Polster für die Altersvorsorge hatte, der habe es aufgebraucht. Es sei auch schwierig und bürokratisch, an staatliche Hilfen zu kommen. Die müssten über Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer beantragt werden, die auch bezahlt werden müssten, so der Gemeinderatsbeaufragte für Handel, Handwerk und Gewerbe. „Ein Tropfen auf den heißen Stein“ seien das gerade noch zulässige „Click & Collect“, also am Tag zuvor telefonisch oder per E-Mail bestellen und am nächsten Vormittag im Geschäft zum vereinbarten Termin vor dem Laden abholen. Das klappe zum Beispiel bei der Buchhandlung, beim Spielwarengeschäft oder den Blumenhändlern hervorragend, hat der ZfG-Vorsitzende ausprobiert. Doch vor lauter Corona vergäßen die Kunden inzwischen die Nachhaltigkeit. Statt die Geschäfte am Ort mit ihrem Einkauf zu unterstützen, bestellten manche lieber im Internet.

Einzelhändler bleiben auf Saisonware sitzen

Derweil blieben die Einzelhändler auf ihrer Saisonware sitzen. Schließlich sei ja auch ein Geschäft wie Schuh Linse ein Treffpunkt, appelliert der Gewerbeverbandsvorsitzende an die Gautinger. Letztlich habe es nämlich „der Verbraucher in der Hand“, ob Gauting veröde. Während Vollsortimenter an Wochenenden gesteckt voll seien und Friseure, „wo noch heiße Föhnluft mit Aerosolen durchgewirbelt wird“, am 1. März öffnen dürften, gebe es in geschlossenen Blumenläden oder Textilgeschäften mit guten Hygienekonzepten „kein Verständnis“ für die Schließungen.

„Bei uns kann man nach Bestellung abholen. An ältere Herrschaften liefere ich aus“, sagt beispielsweise Sabine Linse, Inhaberin des gleichnamigen Schuhgeschäfts. Ein großes Geschäft ist das nicht. Ihr Lager sei noch voll mit teurer Winterware – und das nach dieser schneereichen Saison. Derweil müsse sie schon wieder die neue Frühjahrskollektion zahlen, „obwohl ich gar nicht weiß, ob ich am 8. März wieder aufmachen darf“. Das sei „sehr demotivierend“, so die Einzelhändlerin. Auch für ihre Angestellten sei dieser Lockdown schlimm. Denn ihre sechs Verkäuferinnen seien in Kurzarbeit, darunter auch Alleinerziehende. „Um die tut es mir so leid.“

Die Perspektive fehlt

Eine Perspektive, wie lange der Lockdown noch dauern wird, fehlt. „Ich stand hinter den Corona-Maßnahmen“, betont Blumenhändler Bernhard Auer, der Sträuße auf Bestellung anbietet. Aber es sei geradezu „unglaublich“, dass ein Gemüsehändler oder ein stark frequentierter Vollsortimenter im Zentrum Tulpen gleich bundweise verkaufen dürfte und „wir kleinen schließen mussten“. Er werde auch regelmäßig von der Polizei kontrolliert, „ob ich zugesperrt habe“.

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