Zwei, die sich verstehen: Wolfhilde Braun (88) und der 20-jährige Arnotida bilden seit diesem Sommer eine Wohngemeinschaft nach dem Modell „Gratis wohnen“.
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Zwei, die sich verstehen: Wolfhilde Braun (88) und der 20-jährige Arnotida bilden seit diesem Sommer eine Wohngemeinschaft nach dem Modell „Gratis wohnen“.

Beispiel aus Stockdorf

Alt und Jung in einer Wohnung: So funktioniert es in der Praxis

„Gratis wohnen“ gegen Hilfeleistungen in Haus und Garten. Dieses Projekt für ältere Menschen, die allein oder als Paar in großen Häusern leben, hat die Gautinger Seniorenbeirätin Ulla Ottmar einst angestoßen. Nach dem erprobten Münchner Modell vermittelt die Gautinger Insel seit fünf Jahren „Wohnpartnerschaften“. Eine davon besteht zwischen Wolfhilde Braun und Arnotida (20) aus Simbabwe.

Stockdorf – Auf der sonnigen Terrasse ihres Stockdorfer Hauses mit Blick auf den großen Obstbaum-Garten spricht Wolfhilde Braun offen über ihre seit August bestehende Wohnpartnerschaft mit Arno. Der erst 20-jährige Arnotida, wie er korrekt heißt, stammt aus Simbabwe, arbeitete zuvor als Aupair bei einer Familie am Starnberger See und ist derzeit im Bundesfreiwilligendienst. „Ich freue mich, dass Arno da ist“, sagt die 88-jährige Witwe. Ihr Wohnpartner sei „so schwarz wie ihre adoptierte Enkelin“, die gleich nebenan wohnt. „Für mich ist Arno Sohn-Ersatz“, betont die Stockdorferin.

Das Prinzip der „Wohnpartnerschaft“ ist einfach: Für einen Quadratmeter Wohnraum gibt es eine Stunde Hilfe im Haushalt oder Garten (wir berichteten). Mit ihrer ersten kurzzeitigen Wohnpartnerin, einer berufstätigen Frau, hatte Wolfhilde Braun kein Glück. Die Chemie habe nicht gestimmt. Mit Arno, wie sie in konsequent nennt,sei dies ganz anders. Und der 20-Jährige lächelt zustimmend – und antwortet in makellosem Deutsch. „Ich bin fast zwei Jahre hier in Deutschland“, sagt der 20-Jährige. „Als Au Pair kam ich zu einer aufgeschlossenen Familie mit Kleinkindern am Starnberger See“, so der junge Afrikaner aus Simbabwe. An der Volkshochschule habe er Deutsch gelernt. „Doch nach dem Au-Pair-Jahr war es für mich ganz schwer, eine Wohnung zu finden.“ Im Internet habe er das Angebot „Wohnen für Hilfe“ der Gautinger Insel entdeckt und sich gemeldet. Drei Monate später kam der Rückruf: „Wir haben jemanden für Sie.“

„Arno ist ein sehr praktischer junger Mann, der auch hinlangt“

Es war die Stockdorferin Wolfhilde Braun. Die 88-jährige Witwe des vor zwei Jahren verstorbenen ortsbekannten FDP-Gründungsmitglieds Guido Braun lebte nämlich plötzlich allein im Haus auf einem großen Grundstück mit Obstgarten. Nach langer schwerer Krankheit war ihr Sohn im Januar dieses Jahres verstorben, erzählt die Mutter traurig. Deshalb habe sie sich so gefreut, dass Sozialpädagogin Martina Otmar ihr „den Arno“ vermittelt habe. Die Gautinger Inklusionsbeauftragte war nämlich auch Betreuerin des verstorbenen Sohnes. „Und mit Arno habe ich nun einen Sohn-Ersatz“, erklärt die weißhaarige Stockdorferin pragmatisch mit zufriedenem Lächeln.

„Arno ist ein sehr praktischer junger Mann, der auch hinlangt“, etwa beim Staubsaugen, lobt die gebürtige Münchnerin. Der 20-Jährige helfe ihr und ihrer Tochter auch beim Bewirtschaften der beiden Gärten. Denn glücklicherweise lebe ihre Tochter mit der bereits 17-jährigen Enkelin aus Kenia gleich nebenan, freut sich die Großmutter.

Seit August läuft diese Wohnpartnerschaft zwischen dem jungen Schwarzafrikaner und der rüstigen Seniorin, die ihre Einkäufe noch immer per Fahrrad erledigt, erfolgreich: Ex-Au-Pair Arno, der in seinem Heimatland Simbabwe einen Abschluss in Mathematik, Physik und IT absolviert hat, arbeitet derzeit tagsüber als „Bufdi“ (Bundes-Freiwilligen-Dienst-Leister) mit behinderten Kindern im Barbara-Eberhard-Kinderhaus Starnberg. „Das strengt zwar an“, erklärt der 20-Jährige, aber: „Die Kinder geben dir auch etwas zurück und freuen sich auf dich.“ Daher wird er statt Informationstechnologie lieber Erziehungswissenschaften studieren, erzählt der Mitbewohner mit gewinnendem Lächeln. In seiner Freizeit schreibe er auch Gute-Nacht- und Abenteuer-Geschichten für Kinder.

Zu Wohnpartnerschaften gehört auch Toleranz

„Ich bin so glücklich, dass Arno da ist – und denke jeden Tag, wann kommt er denn heim, “ schwärmt Wolfhilde Braun. Denn die Seniorin und der angehende Erzieher kochen, backen und essen auch gemeinsam. „Arno arbeitet echt viel“, lobt die betagte Wohnpartnerin. „Manchmal räume ich auch dein Zimmer auf: Aber das ist doch nicht schlimm?“, fragt die Hauseigentümerin schließlich mit einem schelmischen Blick aus ihren strahlend blauen Augen. Der 20-jährige lächelt dazu gutmütig. Denn zu Wohnpartnerschaften gehört auch Toleranz.

Und dann gibt es ja auch noch die „Nachbarn“ in Gestalt von Tochter und Enkeltochter, die während des Gesprächs durch Gartentor marschieren, weil sie Mutter samt Wohnpartner spontan zum Abendessen einladen wollen. Es gibt Schweinebraten mit Knödeln. Da sagt niemand nein.

Christine Cless-Wesle

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