Auf Tuchfühlung mit einem Waller: Jannis Lohmann hat keine Angst vor den Raubfischen.

Fische in der Würm

Waller, Karpfen, Hecht und Co.

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Für seine P-Seminar-Arbeit tauchte Jannis Lohmann aus Gauting richtig tief in die Thematik ein. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Er erkundete Pflanzen und Tiere in der Würm.

Gauting – Zwischen Klausuren-Marathon und Abiturprüfungen genießt Jannis Lohmann derzeit eine kleine Auszeit vom Büffeln. Schule hat Ferien. Gerne würde der 18-jährige Gautinger jetzt Ablenkung suchen bei der Freizeitbeschäftigung, die ihm neben dem Handball am liebsten ist: Mit dem Boot auf der Würm rudern und die Pflanzen- und Tierwelt studieren, vornehmlich unter Wasser. Aber das geht zur Zeit nicht. Bis Ende Juni ist das Befahren der Würm nicht gestattet, wegen des Nistschutzes für die Wasservögel.

Auslöser für Jannis’ intensive Beschäftigung mit der Würm war seine Jahresarbeit im Rahmen des P-Seminars am Otto-von-Taube-Gymnasium, die ihm den Weg zum Abitur mitgeebnet hat. Das Thema des Seminars kam dem großgewachsenen jungen Mann mehr als gelegen: Fische der Würm. Als Mitglied des Kreisfischereivereins Starnberg kennt sich der Gautinger bestens mit den Schuppentieren aus. Und weil ihm das Filmen schon immer Spaß gemacht hat, bediente sich Jannis dieses Mediums, um seine Jahresarbeit zu dokumentieren.

Jede freie Minute nutzte der Gymnasiast, um schnorchelnd und mit der Unterwasserkamera bewaffnet die Unterwasserwelt der Würm zu erkunden. „20, 30 vielleicht 40 Stunden Filmmaterial habe ich aufgenommen“, erzählt der 18-Jährige. „Ich weiß es gar nicht mehr genau, wie viel Zeit ich da unten verbracht habe.“ Geschnitten und bearbeitet kam für die Jahresarbeit ein knapp vierminütiges Video heraus, das dem Autor „die volle Punktzahl“ bei der Benotung eingebracht hat.

Das Filmmaterial war so umfangreich, dass Jannis noch weitere Videozusammenschnitte anfertigte. Das Ergebnis ist faszinierend. Wer sich davon gefangen nehmen lassen möchte, loggt sich im Internet ein bei Youtube. Jannis hat alle Videos online gestellt, mit den Suchbegriffen „Fische der Würm“ oder „Jannis Lohmann“ wird der Nutzer fündig.

Jannis Lohmanns Schnorchel- und Filmrevier ist nicht irgendwo in der Würm. Er bewegt sich auf und im Wasser am liebsten zwischen dem Würmausfluss bei Percha und Leutstetten. In diesem Bereich, dem Leutstettener Moos, rinnt der Fluss eher behäbig durch sein Bett. Zu seiner Trägheit tragen auch so genannte Gumpen bei, das sind Becken und Weiher, die das Flussbett an mehreren Stellen aufweiten – Indizien, dass der Würmsee in früheren Zeiten auch diese Flächen vereinnahmt hatte.

„Die Würm hat dort eine ganz andere Struktur“, sagt Jannis. „Das ist sehr spannend. Da gibt es unterspülte Flussufer, einen großen Schilfreichtum mit vielen Brutmöglichkeiten für Wasservögel und die Gumpen, die bis zu 18 Meter tief sein sollen. Alles das bietet auch einer großen Fischvielfalt hervorragende Lebensbedingungen.“

Die Videos des Gautingers belegen seine Erzählungen. Beeindruckend sind die Aufnahmen von Wallern. Jannis hat dort Exemplare dieses Raubfisches angetroffen und gefilmt, die bis zu zwei Meter lang sind. Der Gautinger hat sich ihnen genähert, hat sie anlangen können. „Das haben sie geduldet, wenn ich sie ganz sanft berührt habe“, berichtet er.

Andere reagierten heftiger und abwehrend auf die Annäherungsversuche – auch das machen die Videos deutlich. Zum Glück hat sich noch kein Waller an Jannis verbissen: „Das kann aber durchaus passieren, wenn sie einen Taucher mit Beute verwechseln.“ Hechte von mehr als einem Meter Länge, Karpfen, Schleie, Aale, aber auch Biber und Eisvögel hat der Gautinger unter Wasser getroffen und vor sein Kameraobjektiv bekommen.

Besonders fasziniert ist Jannis von Aalen und deren Lebensweise. Sie verlassen zur Fortpflanzung ihre heimischen Süßwasserreviere und machen sich über tausende von Kilometern über den Atlantik auf zu den Laichgebieten in der Sargassosee südlich der Bermudainseln – ohne auf dem langen Weg weitere Nahrung zu sich zu nehmen. Nach Ablegen des Laichs sterben die Alt-Tiere. Und der Nachwuchs wählt den gleichen beschwerlichen Weg zurück in die Süßwasserregionen Europas.

Zudem sollen die Aale über einen außergewöhnlichen Spürsinn verfügen, erzählt Jannis: „Sie können einen Tropfen Blut in einer Wassermenge wahrnehmen, die der des Bodensees entspricht.“

Jannis bedauert, dass der Aalbestand immer weiter zurückgeht. Weil sich die Überlebensbedingungen auf dem langen Weg zum Beispiel in den Starnberger See verschlechtert haben. „Es fehlt in den Flüssen oft an Fischtreppen, oder vorhandene sind unbrauchbar geworden. Und Wasserkraftwerke, wie zum Beispiel auch das Kraftwerk in Gauting, sind eine todbringende Gefahr für die Aale“, sagt der 18-Jährige. Wobei diese schlangenförmigen, bis zu einem Meter langen Fische in der Lage sind, ein Hindernis auf ihrem Wasserweg in feuchten Nächten auch über Land zu umgehen.

Während der Aalbestand schwindet, vermehren sich die besonders räuberischen Waller sprichwörtlich „wie die Kaninchen“. Die ursprünglich in unseren Breiten nicht heimischen Fische – sie sind aus dem Osten zugewandert – profitieren vom Klimawandel: Die gefräßigen Räuber werden immer größer und bedrohen den Bestand anderer Fische, zum Beispiel die Forellen. Wie Angler und Fischer dem entgegnen, erklärt Jannis Lohmann: „Jeder geangelte und ins Netz gegangene Waller muss mitgenommen werden, das ist Pflicht.“

Der Fischexperte wäre froh, wenn auch andere Dinge aus der Würm mitgenommen würden oder erst gar nicht dort gelandet wären. Denn die Kehrseite seiner faszinierenden Naturlebnisse sind „Unmengen von Müll“, die sich in und an der Würm gesammelt haben. An den Ufern des Flusses sorgen die Mitglieder des Kreisfischereivereins mit regelmäßigen Säuberungsaktionen für Ordnung.

Aber was Jannis auf dem Grund der Würm entdeckt hat und in seinen Videos auch anschaulich vor Augen führt, lässt sich mit den dem Fischereiverein zur Verfügung stehenden Mitteln nicht entsorgen und spottet jeder Beschreibung: Gartenmöbel, Autoreifen, Flaschen, Fahrbahn-Begrenzungspfosten – wobei man sich fragt, wie die weitab jeder Straße mitten im Leutstettener Moos in dem Fluss landen konnten. Der unglaublichste Fund des Gautinger ist allerdings eine Baggerkette.

Jannis hat mit seinen Videos eine beachtliche Fangemeinde hinter sich versammelt. Zwei seiner Filme verzeichnen im Netz 2000 und mehr Aufrufe. Die anderen sind einige hundertmal angeklickt worden. „Bei der jüngsten Fischereiversammlung, an der ich leider nicht teilnehmen konnte, sollen etliche Vereinskameraden nach mir gefragt haben“, berichtet der Gautinger. „Die Reaktionen sind ausnahmslos positiv.“ Selbst Anglerkameraden seien erstaunt über die Größe und Vielfalt der Fische, denen Jannis in der Würm begegnet ist.

Was hat sich der Würm-Kenner für die Zukunft vorgenommen? „Ich bin schon mal die Amper hinuntergefahren“, verrät Jannis – aber so richtig begeistert klingt das nicht. An der Würm könnte ihn noch die Gegend bei Gauting und weiter in Richtung München interessieren. Aber nach dem Abitur macht er sich erst einmal für ein Jahr „vom Acker“. Er reist nach Kanada, möchte dort Lachs und Heilbutt fischen, dann stehen noch USA und Südamerika auf dem Reiseplan. Und wenn er wieder daheim ist, geht es an die Berufsfindung – „da habe ich bislang noch gar keinen Plan“, gibt der 18-Jährige ehrlich zu.

Eine gewisse Tendenz lässt sich aber möglicherweise in einer weiteren Freizeitbeschäftigung erkennen: „An meinem Roller schrauben sowie basteln und werkeln allgemein.“ Schaun mer mal.

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