+
In der Nacht zum Samstag verlässt Großbritannien die Europäische Union. Der Brexit hat Auswirkungen bis auf die Gemeinderatslisten im Landkreis Starnberg. (Symbolbild)

Kandidaten in Gauting und Seefeld dürfen nicht mehr kandidieren

Brexit raubt Briten die Chance auf Gemeinderat

  • schließen

Der Schotte Michael Sinclair wollte in Gauting für den Gemeinderat kandidieren. Durch den Brexit ist das nun nicht mehr möglich. Einen gleichgelagerten Fall gibt es auch in Seefeld. Derweil ist die Zahl der Einbürgerungen im Landkreis auf Rekordhöhe.

Gauting/Landkreis – Die Auswirkungen des Brexit sind bis in den Landkreis Starnberg zu spüren. Und das nicht nur bei Firmen, die Verbindungen nach Großbritannien haben. So hat das Landratsamt im vergangenen Jahr 82 Personen eingebürgert, die aus dem Vereinigten Königreich stammen, wie Sprecherin Barbara Beck auf Anfrage sagt. Das war fast jeder dritte der insgesamt 277 bewilligten Anträge. Und es ist ein Rekordwert nach 46 Einbürgerungen von Briten im Jahr 2018 und 34 im Jahr 2017.

Nicht in der Statistik erfasst ist Michael Sinclair aus Gauting. Und das hat Folgen für den 52-Jährigen. Er darf nun nicht mehr für den Gemeinderat kandidieren. Die Gruppe Menschen für Gauting (MfG)/Piraten hatte ihn auf Platz elf ihrer Liste gewählt. Weil der Haustechniker aber nur einen britischen Pass hat, besitzt er vom 1. Februar an in Deutschland kein Wahlrecht mehr, weder aktiv noch passiv.

Für Sinclair ist das doppelt bitter, weil er sogar in Deutschland geboren ist. Sein Vater war in Münster (Westfalen) als Soldat der Rheinarmee stationiert. Die deutsche Staatsbürgerschaft kam für ihn aber nie in Frage. „Ich finde Nationalstaaten generell nicht gut“, erzählt Sinclair im Gespräch mit dem Starnberger Merkur. Nationalismus sei die Ursache für viele schlechte Entwicklungen, unter anderem auch für den Brexit, den der 52-Jährige ebenso ablehnt. „Ich bin zufällig als Brite geboren worden“, sagt er. „Dann ist das eben so.“ Sinclair sieht sich aufgrund der Tradition seiner Familie ohnehin lieber als Schotte, auch wenn er nur 28 Tage seines Lebens dort verbracht hat. Dass die Schotten mit ihrer Regierungschefin Nicola Sturgeon an der Spitze den Brexit ablehnen, sei richtig, sagt Sinclair.

Dass er am 15. März nun auch nicht aktiv an der Kommunalwahl teilnehmen darf, bereite ihm „große Probleme“. Er habe bislang immer gewählt, sagt Sinclair. Vor allem die Europawahl sei ihm als international denkendem Mensch wichtig gewesen. Doch auch das ist mit dem Brexit passé. Weil er kein EU-Bürger mehr ist, darf er in Deutschland nicht mehr wählen. Und weil er länger als 18 Jahre nicht mehr in Großbritannien lebt, auch nicht dort. „Das ist ein Gesetz“, sagt Sinclair. Politisch aktiv bleibt er aber, unter anderem als Themenbeauftragter für Migration, Asyl und Inklusion im Bundesvorstand der Piratenpartei.

Die Gruppe MfG/Piraten hat bereits auf den Brexit reagiert. Wie deren Gemeinderat Tobias McFadden gestern mitteilte, rückt Ersatzkandidat Stephan Limmer für Sinclair auf der Liste für den Gemeinderat nach. Der Brandinspektor aus Unterbrunn nimmt Platz 30 ein, die Kandidaten auf den Plätzen 12 bis 30 rücken jeweils einen Platz nach vorne.

„Wir bedauern es sehr, dass Michael Sinclair nicht antreten kann“, sagt McFadden. Allerdings habe er bereits im Vorfeld der Aufstellungsversammlung Anfang Dezember geklärt, wie nun zu reagieren sei. „Natürlich stand der Brexit damals bereits am Horizont, aber fix war er noch nicht“, sagt er. Deswegen hätten die Piraten zunächst auch Michael Sinclair nominiert.

Mittlerweile gibt es einen gleichgelagerten Fall auch in Seefeld. Die dortige CSU hatte für die Gemeinderatswahl auf Listenplatz 19 Louisa Daxer-Robbins gewählt – die Ehefrau des örtlichen Parteivorsitzenden Arnulf Daxer. Weil auch sie britische Staatsbürgerin ist, darf sie am 15. März nicht mehr wählen und auch nicht mehr gewählt werden. Der bisher auf Listenplatz 20 rangierende Gerhard Bönsch rückt nun auf Platz 19 vor, Ersatzkandidat Rainer Salcher kommt auf Platz 20 neu auf die Liste der CSU.

Alle Parteien und Gruppen, die für den Kreistag antreten, hatte Kreiswahlleiter Holger Albertzarth diesbezüglich gefragt. „Die Antwort war nein“, sagt er.

Lesen Sie auch:

Hier finden Sie die Bürgermeisterkandidaten im Landkreis.

Alle Artikel zur Kommunalwahl im Landkreis Starnberg finden Sie hier.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Nachzählung bei Kreistagswahl nötig - mit Auswirkungen auf die Sitzverteilung?
Die Stimmzettel der Kreistagswahl müssen neu ausgezählt werden. Das hat der Wahlausschuss so beschlossen. Das Ergebnis könnte Konsequenzen für die Zusammensetzung des …
Nachzählung bei Kreistagswahl nötig - mit Auswirkungen auf die Sitzverteilung?
Fälle im Rathaus: Gauting schränkt Service ein - Zweites Todesopfer
Die Zahl der Corona-Fälle im Landkreis ist dramatisch gestiegen - und die Situation ändert sich beinahe jede Minute. Das Neuste zur Lage lesen Sie in unserem Ticker.
Fälle im Rathaus: Gauting schränkt Service ein - Zweites Todesopfer
Drei Jahre Kampf mit Jobcenter und Co.: Absurder Fall von Starnbergerin kommt zum Abschluss
Sie bekam nur 4,25 Euro vom Jobcenter und geriet in große Not: Nach drei Jahren zähen Ringens mit den Behörden hat die Starnbergerin Hildegard Z. nun doch Anspruch auf …
Drei Jahre Kampf mit Jobcenter und Co.: Absurder Fall von Starnbergerin kommt zum Abschluss
Grüne im Kreis Starnberg: „Die Anderen sind jetzt auf uns angewiesen“
83 statt bisher 51 Grüne sitzen nun in den Gremien im Landkreis Starnberg. Für den Landratsposten und Bürgermeisterämter hat es aber nicht ganz gereicht. Damit ist die …
Grüne im Kreis Starnberg: „Die Anderen sind jetzt auf uns angewiesen“

Kommentare