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Letzter Akt: (v.l.) Regine Hilpert-Greger vom Gemeindearchiv, die Witwe des ehemaligen Schriftführers, Beatrice Reindl, Kassier Jakob Ott, Bürgermeisterin Dr. Brigitte Kössinger und Altbürgermeister Dr. Ekkehard Knobloch.

Vereinsauflösung

Ende einer Ära

Der Würmthaler Arbeiter und Unterstützungsverein löst sich nach rund 120 Jahren auf. Vermögen und Fahnen gehen an die Gemeinde.

Gauting – „Dass gerade ich das mache“, wundert sich Beatrice Reindle bei der Spendenübergabe im Rathaus. Denn laut ihrem Ehemann, dem verstorbenen Schriftführer Gerhard Reindl, hatte sich der jetzt aufgelöste „Würmthaler Arbeiter und Unterstützungsverein“ von 1898 stets geweigert, Frauen als Mitglieder aufzunehmen.

Derweil arbeiteten laut Ortschronist Karl Mayr allein in der ehemaligen Gautinger Austria Tabakfabrik am Bahnhof, die später als Grundschule genutzt wurde, im Jahre 1930 insgesamt 325 Frauen, aber nur 23 Männer. „Einer für Alle – Alle für Einen“: Auf der Rückseite der goldbestickten Fahne des Vereins prangt dieser Leitspruch in großen Lettern.

Am Montag übergaben Liquidator und Alt-Bürgermeister Ekkehard Knobloch, der letzte Vereins-Schatzmeister Jakob Ott und Schriftführer-Witwe Beatrice Reindl der Gautinger Bürgermeisterin Dr. Brigitte Kössinger den Rest des Vereinsvermögens von knapp 1800 Euro.

Bei der letzten Mitgliederversammlung im April 2016 hatten die verbliebenen Aktiven beschlossen, den einst blühenden „Würmthaler Arbeiter und Unterstützungsverein“ endgültig aufzulösen: Nach dem Tod des letzten Schriftführers Gerhard Reindl war im Vorstand nämlich nur noch Kassier Jakob Ott übrig. Und der Ende des 19. Jahrhunderts gegründete Verein hatte gerade mal noch elf Mitglieder. „Frauen waren bei uns nicht erwünscht. Wir waren ein reiner Männerverein“, sagt der von seiner Bürde befreite Schatzmeister Jakob Ott lachend. Der heute 81-Jährige hatte einst im Gemeindebauhof gearbeitet. In seiner Blütezeit um die vorige Jahrhundertwende hatte der Arbeiterverein in Gauting fast 100 Mitglieder. Auch die Unternehmensfamilien Wilhelm Baier (heute Webasto) in Stockdorf und die Maschinenfabrik Gauting (Mafaga) waren dabei, erinnert Alt-Bürgermeister Dr. Knobloch.

Hauptziel war es, Arbeiter- Familien im Krankheits- oder Todesfall zu unterstützen. Denn Ende des 19. Jahrhunderts war die gesetzliche Sozialversicherung noch unzulänglich, so Ortschronist Karl Mayr. Interessiert blättert die Bürgermeisterin durch die alten Kassenbücher.

1898 zahlte der Gautinger Verein seinen arbeitsunfähigen Mitgliedern an insgesamt 93 Tagen Krankenleistungen in Höhe von 50 Pfennigen pro Tag. Vier Jahre später waren es schon 80 Pfennige pro Arbeiter. Zum Vergleich: Ein Laib Brot kostete damals im Königreich Bayern etwa 46 Pfennige. Doch mit der heutigen Sozialgesetzgebung sind die einstigen Ziele längst erfüllt. „Nach dem Krieg zahlten wir keine Unterstützung mehr“, sagt Jakob Ott.

Die mit Gold bestickte Vereinsfahne wird ab sofort von Archivarin Regine Hilpert-Greger im Gautinger Depot verwahrt. Der Rest des Vereinsvermögens geht an die Gautinger Sozialstiftung. Denn auch hier gilt: „Einer für Alle. Alle für Einen.“ Doch anders als früher der Arbeiterverein unterstützt die Sozialstiftung alle – egal ob Frau oder Mann.

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