Das Haus der großen Gefühle

Gauting - Die Gautinger Zerboni-Villa war jahrelang Schauspielschule, viele bekannte deutsche Mimen wurden dort von Ruth von Zerboni ausgebildet. Jetzt ist das Haus verkauft.

Das Törchen zum verwilderten Garten steht offen. Nur ein paar Schritte, dann ein Zug an der eindrucksvollen Haus-Glocke - und Christian Doermer (81) öffnet. Hier, in der 1908 erbauten Villa, leitete seine Mutter Ruth von Zerboni im vorigen Jahrhundert ihre gleichnamige Schauspielschule. Nun hat ihr Sohn das Denkmal an der Waldpromenade 21 gerade verkauft.

Die Zerboni-Villa war nicht nur Ausbildungsstätte für so viele namhafte Schauspieler wie Hans Clarin, Wilfried Klaus, Martin Lüttge, Lisa Fitz, Christine Neubauer oder Monika Gruber. Sie war auch Drehort der „Zweiten Heimat“ von Edgar Reitz.

„Zu meinem Kummer bin ich erst jetzt verliebt in das Haus“, sagt Christian Doermer. Zu spät. Sein Blick wandert durch das herrschaftliche Treppenhaus mit der bemalten hohen Holzkassettendecke und dem Fries. 1908 ließ der Königliche Kunstmaler Friedrich Keck auf dem Kolonie-Grundstück an der Waldpromenade die Villa erbauen.

Im Salon stehen Kisten. Doermer und seine Partnerin Annette Exner-Raffoul sind am Räumen. Am 1. August übernimmt der neue Eigentümer die Villa, die der Makler für 2,7 Millionen Euro angeboten hatte. „Ich habe alles so gelassen, wie es meine Mutter verlassen hat“, sagt Doermer und öffnet die Schranktür. In der Tat. Da hängen noch die Originalkleider der Ruth von Zerboni (1903-1991). Im Jahr 1947 hatte die Schauspielerin auf dem damals riesigen verwilderten Parkgrundstück ihre Schule eröffnet. Ungezählte Schauspieler haben die Schule der gestrengen Preußin durchlaufen, haben gelernt, ihre großen Gefühle auf die Bühne und vor die Kamera zu bringen. „Es galt als Zeichen besonderer Begabung, wenn ein Student bereit war, im Hause mit anzupacken“, sagt der Sohn ironisch. So kam’s, dass Horst Lettenmayer - er leiht dem „Tatort“-Vorspann bis heute seine Augen - auf der kleinen Bühne der Gautinger Zerboni-Villa die Beleuchtung installierte.

„Ich habe Mutter geschworen: Ich werde nie Schauspieler“, sagt Christian Doermer. Das Versprechen hat er nicht gehalten. Der Sohn aus zweiter Ehe gab sein Debüt als braver jüngerer Bruder von Horst Buchholz in „Die Halbstarken“ (1956) und war fortan vor allem in TV-Produktionen oft zu sehen.

Nach dem Tod der Mutter führte Doermers Halbschwester Ulrike Behrmann von Zerboni die Schauspielschule weiter. Im Amtsgericht von Weilheim trafen sich die Halbgeschwister und Erben 1994 - bei der Zwangsversteigerung ging die Zerboni-Villa an Christian Doermer, die Schule zog nach Grünwald.

„Ich habe immer auf eine Filmfirma gewartet, die in unserem Waldlichtungsgarten drehen will“, gesteht der 81-Jährige. Doch nach Edgar Reitz kamen keine Interessenten mehr. Irgendwann seien ihm der verwilderte Garten und das zu sanierende Gebäude mit der historischen Gesinde-Küche im Keller „über den Kopf gewachsen“, gibt er zu. Zumal Christian Doermer mit seiner vor fünf Jahren verstorbenen Frau Laura und den drei Kindern im Chiemgau lebte.

Über einen Makler ließ der Schauspieler die verwaiste Villa vermarkten - an einen Liebhaber. Der scheint nun gefunden: Der neue Eigentümer, ebenfalls ein Familienvater, schaue sich sämtliche Folgen der „Zweiten Heimat“ an - gedreht in „seinem“ Gautinger Traumhaus.

cc

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