Sie spüren die Baustelle massiv in ihren Geschäften: Ugur und Bilgen Ucar vom „Kebabhaus“.
+
Sie spüren die Baustelle massiv in ihren Geschäften: Ugur und Bilgen Ucar vom „Kebabhaus“.

Bis zu 70 Prozent Umsatzrückgang

„Haben Sie überhaupt auf?“ Eine Baustelle in Gauting und die Folgen für die Einzelhändler

Die Baustelle an der Bahnhofstraße hat weitreichende Auswirkungen für die Einzelhändler, die nach wie vor geöffnet haben. Die Gemeinde hat bereits reagiert.

Gauting – Autofahrer und andere Verkehrsteilnehmer haben sich offenbar schnell an die Sperrung der Gautinger Bahnhofstraße eingestellt. Die Polizei stellte am Donnerstag einen „Gewöhnungseffekt“ fest, der Verkehr floss besser als zu Beginn der Woche. Für den Einzelhandel im gesperrten Bereich haben die Arbeiten hingegen teils verheerende Folgen.

Seit Beginn der Sperrung am Montag werde die Situation für die dortigen Geschäfte „noch schlimmer“, berichtete Tobias Mc Fadden (MfG/Piraten) am Dienstagabend im Hauptausschuss. Kunden wüssten vielfach nicht, wie sie zu den Läden hinter den Absperrbaken gelangen sollen. Seit Donnerstag steht nun ein Solidaritätsaufruf auf der Gemeinde-Homepage: „Die Geschäfte sind geöffnet und zählen auf Sie!“ Ob die Gemeinde nicht zumindest ein Hinweisschild zu den nahen Parkplätzen an der Hubert-Deschler-Straße aufstellen lassen könne, fragte Mc Fadden nach.

Die Ladeninhaber klagen über schwere Umsatz-Einbußen. Gleich mit Start der Bauarbeiten am Gehweg sei sein Umsatz am Montag „um 70 Prozent“ zurückgegangen, sagt Ugur Ucas, der Inhaber des „Kebabhaus“. Und die beiden Tage danach lag der Rückgang bei 50 Prozent. Am Donnerstagvormittag hatten Bauarbeiter auch noch die provisorisch gebaute Rampe zum Eingang seines Imbiss-Geschäfts beseitigen müssen. Er wisse nicht, wie seine Kunden ohne Rampe in seinen Laden kommen sollen, aber auch nicht, „wie lange ich noch durchhalte“, sagt Ugur Ucas. Er müsse trotz Baustelle die volle Ladenmiete zahlen.

Nach eineinhalb Jahren Baustelle sei sie zwar „abgehärtet“, erklärt Uschi Hofmann, Inhaberin der Parfümerie „Flair“, aber „jetzt steht gerade der Bagger vor meiner Tür“. Eine Kundin habe gleich moniert, dass sie sich bei diesem Baulärm nicht behandeln lasse. Die Bauarbeiter bemühten sich zwar, die Arbeiten möglichst zügig zu erledigen, aber vorab bekomme sie als Geschäftsfrau keinerlei Information, was als Nächstes kommt. Sie habe vor drei Wochen lediglich eine allgemeine E-Mail erhalten, dass die Bahnhofstraße aufgebrochen werden müsse.

Schreibwarenhändler Johannes Hanrieder. 

Dem widerspricht auf Anfrage das Rathaus: Wirtschaftsförderer Dr. Fabian Kühnel-Widmann habe die betroffenen Händler mit Harald Ruhbaum, dem Vorsitzenden des Gewerbeverbands „Zusammen für Gauting“, am 28. Juni zum Ortstermin eingeladen. Denjenigen, die er nicht erreicht habe, habe der Wirtschaftsförderer ein weiteres Angebot gemacht. Und seit Donnerstag stehe auch der Solidaritäts-Aufruf auf der Gemeinde-Homepage.

Seit der Sperrung habe sie Umsatzeinbußen, zusätzlich zu denen durch den Lockdown, erklärt Uschi Hofmann. Ihre Kundinnen wüssten nicht, wo sie parken sollen oder wie der Zugang durch die Absperrung funktioniert. Von den gestrigen Arbeiten am Gehweg sei sie „völlig überrascht“ worden.

„Seit Montag habe ich massive Probleme“, sagt auch Johannes Hanrieder. Seit Start der Arbeiten vor der Tür seines Schreibwarengeschäfts „stand ich nachmittags allein im Laden“. Für Radler und Fußgänger sei der abgesperrte schmale Rest-Gehsteig „eine Katastrophe“. Seine Stammkunden riefen erst an und fragten: „Haben Sie überhaupt auf?“ Eine ältere Kundin, die auf ihren Gehwagen angewiesen sei, komme gar nicht mehr. Seit Wegfall der Parkplätze sei sein Umsatz eh schon um 50 Prozent eingebrochen. Die Bauarbeiter seien „sehr hilfsbereit“, aber wenn das so weitergehe und er nachmittags zwei Stunden allein im Laden stehe, müsse er sich einen Zusatzjob suchen, so der Einzelhändler. Damit das von seinem Vater Josef Hanrieder gegründete Schreibwaren-Lotto-Geschäft trotzdem weiter existiert, müsse dann seine Frau im Laden stehen.

Nicht nur den Verkehrsteilnehmern in Gauting stünden „einige schwere Wochen“ bevor bis zum Ende der Sommerferien, sagt Rathaussprecherin Charlotte Rieboldt. „Vor allem unsere Einzelhändler vor Ort leiden unter der aktuellen Sperrung, sie sind aber nach wie vor für ihre Kunden erreichbar“, appelliert sie an die Solidarität der Gautinger.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare