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„Kinder brauchen Zeit, um unabhängig zu werden“, sagt Montessori-Pädagogin Gaby Bühler. Sie rät Eltern, ihrem Nachwuchs diese Zeit einzuräumen.

Interview

„Kinder wachsen an ihren Erfahrungen“: Montessori-Pädagogin gibt Tipps für Familienalltag

„Kinder brauchen mehr Zeit, um Dinge zu tun – und wir geben ihnen diese Zeit“, sagt Gaby Bühler. Die Leiterin des Gautinger Montessori-Kindergartens betreut mit ihren Kolleginnen derzeit 40 Mädchen und Buben. Auf Elternabenden erklärt die Pädagogin, selbst Mutter zweier Töchter, wie das Ziel „Hilf’ mir, es selbst zu tun!“ im Familienalltag praktisch funktioniert.

    • Von Maria Montessori, der Gründerin der Montessori-Pädagogik, stammt das Konzept „Hilf‘ mir, es selbst zu tun!“. Wie funktioniert dieses Prinzip heute?

Indem wir nach den Bedürfnissen der Kinder schauen. Kindheit ist nämlich eine sehr wichtige Phase, in der sich jedes Kind selber bildet. Es sammelt erste Erfahrungen mit seiner Umwelt, strebt nach Unabhängigkeit, will zum Beispiel selber essen, sich selber anziehen. Doch um Dinge selbst zu tun, sich etwa die Jacke anzuziehen, dafür braucht das Kind auch Zeit. Und die müssen wir den Kleinen geben. Wenn sich ein Kind in eine Tätigkeit vertieft, geht es darin auf – vergleichbar mit dem „Flow“ bei Erwachsenen beim konzentrierten Arbeiten.

Was passiert, wenn wir diesen Flow im gehetzten Alltag einer berufstätigen Mutter unterbrechen, weil halt alles schnell gehen muss?

Wenn wir das Kind in seinem Tun unterbrechen, weil wir noch schnell zum Einkaufen müssen, wird das Kind demotiviert. Denn es hat kein Erfolgserlebnis seiner Tätigkeit.

Wie durchbrechen Sie den Kreislauf mit ständiger Zeitnot im Familienalltag?

Das Kernproblem ist die Differenz, wie wir Erwachsene und wie die Kinder die Welt erleben. Deshalb sehe ich meine Aufgabe als Montessori-Pädagogin darin, den Eltern die Bedürfnisse und Wünsche ihrer Kinder präsent zu machen. Dazu gehört, dass Kinder Fehler machen dürfen. Wir haben in unserem Kindergarten zum Beispiel kleine Tabletts mit Kannen und Läppchen. Aus diesen Kannen gießen die Kinder selber ein – und wenn sie dabei etwas verschütten, wischen sie das eben wieder weg. Sie bringen ihren eigenen „Fehler“ also wieder selbst in Ordnung. Und an dieser Erfahrung wachsen sie.

Welche Voraussetzungen brauchen die Kinder, um etwas selbst zu tun?

Ordnung. Kinder müssen die Dinge immer am selben Platz finden. Schuhe, die das Kind anzieht, sollten immer an derselben Stelle stehen, die Zahnbürste im selben Becher. Wir Erwachsenen sind nämlich die großen Vorbilder. Kinder lieben ihre Eltern und wollen uns alles nachmachen. Deshalb sollten wir sie in unseren Alltag einbeziehen. Mit einer kleinen Kanne kann das Kind auch anderen einschenken. Auf einem Schemel kann sich das Kleinkind wiederum selber an den Herd stellen und mit einem kleinen Kochlöffel Nudeln in die Suppe rühren – ohne unsere Hilfe. Dabei wachsen schon die Kleinen in Tätigkeiten wie Kochen hinein. Fünfjährige im Vorschulalter holen sich ein jüngeres Kind dazu, das von ihnen abschaut, wie man etwa Pudding kocht. Eltern dürfen zu uns zu Besuch kommen. Die sind immer sehr beeindruckt von unseren Kochübungen mit Tabletts.

Sie bieten auch Montessori-Seminare und Fortbildungen für Eltern an. Was können Eltern zu Hause umsetzen?

Im Kindergarten orientieren wir uns an sogenannten sensiblen Perioden, wo die Kinder bestimmte Lerninhalte wie Sprache besonders gut aufnehmen können – und bieten den Kindern passende Lernmöglichkeiten an. Das ist zu Hause genauso möglich. So interessieren sich Kinder zum Beispiel bereits ab drei Jahren für Buchstaben, etwas später auch für Zahlen und Rechenoperationen. Mit entsprechendem Material erweitern die Kinder spielerisch und ohne Anstrengung ihre Kenntnisse.

Sie arbeiten seit 2006 im Gautinger Montessori-Kindergarten. Haben Eltern heute weniger Zeit?

Kinder müssen heutzutage besser funktionieren. Durch Zusatzprogramme sind viele schon komplett verplant. Doch die Kleinen brauchen Freiräume und Zeit, um in ihrem eigenen Tempo zu lernen. Auch Vertrauen spielt in unserem pädagogischen Konzept eine große Rolle. Überängstliche Eltern hindern ihre Kinder nämlich daran, selbstsicher zu werden. Uns sind die Gemeinschaft und der Austausch zwischen Eltern und Erzieherinnen jedenfalls sehr wichtig – zum Wohle der Kinder. Eltern stellen mit uns auch Lernmaterial her und machen Gartenarbeit.

Sie sind derzeit komplett ausgebucht ...

Ja, aktuell haben wir eine Warteliste. Aber es werden auch wieder Kinder eingeschult. Es lohnt sich daher, zu unserem Infoabend am 28. Januar um 20 Uhr zu kommen – im Montessori-Kindergarten in der Grubmühlerfeldstraße 32.

Das Gespräch führte Christine Cless-Wesle

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