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Hubertus Habels Gedichte füllen zwei Bände, die jetzt in einem Gautinger Verlag erschienen sind. 

„Dieser Mann lebt mit seinen Gedichten“

Kriegserinnerungen: Blinder Gautinger bringt Gedichtbände heraus 

Hubertus Habel (94) aus Gauting, vor zwei Jahren erblindet, hat zwei Bände veröffentlicht. Sie handeln von seinem Leben - und vom Krieg. 

Gauting – „Dieser Mann lebt mit seinen Gedichten.“ Wer dies sagt, muss es wissen. Gudrun Lincke begleitet Hubertus Habel regelmäßig. Der Gautinger ist erblindet. Bei den gemächlichen Spaziergängen hat der alte Herr, Jahrgang 1925, der Begleiterin seine Gedichte vorgetragen. Unter dem Titel „Eines langen Weges endliches Ziel“ und „Stunden und Stufen“ sind jetzt zwei Gedichtbände von Habel erschienen. Gudrun Lincke hat ihn dazu ermutigt.

Sonne strahlt über dem gepflegten Garten. Doch der alte Herr sieht dieses kleine Paradies nicht mehr. Hubertus Habel ist vor zwei Jahren erblindet, erzählt seine Ehefrau. Der 94-Jährige empfängt die Merkur-Reporterin am Esstisch in seiner Wohnung. Säuberlich, von Hand geschriebene Oktavbücher stapeln sich vor Habel. Durch Vermittlung von Gudrun Lincke und den Druckgrafiker Anand Buchwald sind die beiden Gedichtbände bei Miraprint in Gauting veröffentlicht worden, erzählt der Autor mit einem feinen Lächeln.

Schwere Bombenangriffe in Dresden überlebt

„Mich erinnert die Lebensgeschichte von Hubertus Habel ein wenig an die des braven Soldaten Schwejk aus dem Schelmenroman von Jaroslav Haek“, sagt Gudrun Lincke. Denn auch Hubertus Habel, geboren in Neustadt in Oberschlesien, war als junger Mann Soldat. „Kurz vor Kriegsende wurde ich 1945 abkommandiert zur Garnison in Breslau“, erinnert sich der 94-Jährige. Als Patient im Lazarett habe er schließlich die schweren Bombenangriffe auf Dresden überlebt. „Danach wurde ich fahnenflüchtig“, erklärt Habel schmunzelnd. Denn statt sich an die „Nordfront“ nach Berlin abkommandieren zu lassen, landete er in der Kaserne bei Bozen. Von dort marschierte der Soldat aus Oberschlesien übers Gebirge zu seiner Mutter in Garmisch.

Nach einem Studium in Weihenstephan wurde er Staatsdiener am Landwirtschaftsamt in München, berichtet der Gautinger. Der Vater von zwei Kindern zog, gerade pensioniert, mit seiner Frau, einer Neuphilologin, „die fließend Französisch und Englisch spricht“, für zwei Jahrzehnte in eine neue Heimat, nach Frankreich. Dort sind auch einzelne Gedichte entstanden, zum Beispiel „Provence II“ über die „Van Gogh’sche Farbenflut/an eines Falters Flügel angeheftet/umflirrt den Saum der Haine und Kanäle…“

„ Berührung seines Innenlebens mit der Außenwelt“

„Vertrieben“, eine Ode an seine Heimat Oberschlesien, liegt dem Gauting-Rückkehrer am meisten am Herzen: „Die Stadt ist zerstört, vom Herzblut entleert. Wo du geboren, wo du verkehrst, dorthin ist die Rückkehr verwehrt. Der Brust entringt ein Schrei, vorbei, vorbei… Wende den Fuß, wende den Blick. Kehr niemals zurück.“

Die Gedichte von Hubertus Habel „sind ein Kaleidoskop der Berührung seines Innenlebens mit der Außenwelt“, schreibt Lektor Anand Buchwald im Vorwort. „Sie sind zornig, philosophisch, expressiv, reflektiv, rätselhaft, erfüllt von Liebe, Trauer, Unverständnis… Was sie nicht sind, das sind endgültige Antworten.“ Die Gedichtbände gibt es in der Buchhandlung Kirchheim.

Christine Cless-Wesle

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