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Mobil auf drei Rädern: Maz Grimm ist in seiner Beweglichkeit schwer eingeschränkt. Dank der Unterstützung von drei Organisationen ist er jetzt im Kabinenroller unterwegs.

Inklusion

Von Vollgas auf Vollbremsung: Sein Leben wurde zweimal für beendet erklärt

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Zweimal haben die Ärzte sein Leben für beendet erklärt. Zweimal hat Maz Grimm vor dem Sensenmann einen Haken geschlagen, wähnte sich auf der Überholspur. Jetzt, wo die Kräfte schwinden, beginnt er, seinen Nachlass zu ordnen. Schaut das zu erledigen, was er noch erledigen kann.

Oberbrunn– Maz Grimm war ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen, ein Tausendsassa. Er war wissbegierig, interessiert an allem Praktischen. In Elektrotechnik hat er es zum Diplom-Ingenieur gebracht. Er studierte Maschinenbau und Grafik-Design. Ließ sich in Unterhaltungselektronik ausbilden. Maz Grimm ist handwerklich beschlagen und hat sich ein beachtliches Wissen angeeignet – vor allem über Historisches, über die Geschichte der Handwerkskunst und die Geschichte der Wikinger, die damit eng verbunden sind. Dazu später mehr.

Maz Grimm lebte und arbeitete unter Vollgas. Eines Tages dann wie aus dem Nichts die Vollbremsung. Grimm wurde mit multiplem Organversagen auf die Intensivstation gebracht. Er war um die 40. Monate lang kämpften die Ärzte um sein Leben, suchten nach der Ursache für den kompletten Zusammenbruch – konnten aber keinen organischen Befund diagnostizieren. „Dann musste die Psyche herhalten“, erzählt Maz Grimm.

2006 bekam er die Diagnose: Krebs

Als er aus der Klinik entlassen wurde, war er nicht mehr der, der er mal war. Maz Grimm glich eher einem Wrack. Gesundheitliche Beschwerden machten ihn zum Dauergast in Arztpraxen und Krankenhäusern. Die Mediziner bescheinigten ihm Arbeitsunfähigkeit, Grimm rutschte ab in Hartz IV.

2006 eröffneten die Ärzte dem Oberbrunner die Horror-Diagnose: Krebs. „Drei Monate haben sie mir damals noch gegeben“, sagt Grimm, „aber ich schnaufe immer noch.“ Möglicherweise war wieder die Psyche im Spiel, die ihm damals aber geholfen hat, das Todesurteil abzuwenden. So sehr ihn der Verfall seines Köpers auch belastete, geistig war und ist Grimm hellwach und hat sich nicht unterkriegen lassen. Er war und ist weiterhin so umtriebig wie eh und je – soweit es ihm die Krücken oder der elektrische Rollstuhl erlauben. Auch heute mit 58 Jahren, obwohl der Krebs weiter in ihm nagt.

Sein Credo: Menschen, die wie er nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, zu helfen, materiell mit Reparaturen im Haushalt zum Beispiel, oder mit Hilfe zur Selbsthilfe. In diese Rubrik passt die Gründung von „Mastermyr“, Unter dieser Bezeichnung sind fahrende Handwerker in der Tradition der Wikinger unterwegs – in Person von Maz Grimm und seiner angenommenen Tochter Ronja (31). 2014 stieß Michael (37) dazu. Die drei wirken mit auf mittelalterlichen Märkten, bei einschlägigen Ausstellungen bzw Lehrgängen. Handwerkerdarsteller, die mit Originalwerkzeugen arbeiten und versuchen, ihrem Publikum diese Kunst das Handwerkens beizubringen.

Grimm gründete das Technikteam: „Wie eine Tafel“

Woher weiß Grimm, wie und womit im Mittelalter gearbeitet wurde? Dieses Wissen hat der Oberbrunner aus dem Inhalt einer Werkzeugkiste gezogen, die vor einigen Jahren bei Mastermyr, einer Moorlandschaft auf der schwedischen Insel Gotland, entdeckt wurde. Die konservierende Wirkung des Moores hat den Fund in hervorragendem Zustand in die Jetztzeit gerettet. Die Kiste wird datiert auf die Zeit um 1000 nach Christus – sie gehörte einem Wikinger.

Aktiv ist Maz Grimm auch in der Repair-Café-Szene. Innerhalb von drei Jahren hat Grimm mit Gleichgesinnten in und um München 36 Repair-Cafés an den Start gebracht. Sie schauen bei den einzelnen Einrichtungen immer mal wieder nach dem Rechten und greifen als Reparateure ein, „damit die Kunden 100-prozentig zufriedengestellt werden“. Die Repair-Cafés in Gauting und Starnberg sind den Kinderschuhen längst entwachsen. „Aber trotzdem gehe ich immer wieder hin. Wir sind halt eine große Familie“, sagt Maz Grimm.

Einen ähnlichen Ansatz wie die Tafeln verfolgt Grimms Lieblingskind: 2010 hat er mit Helfern das Technikteam gegründet. „Das ist wie eine Tafel, allerdings geht es um technische Hilfe für Bedürftige.“ Eng arbeitet das Team mit der Gautinger Insel zusammen. Sozial schwache Mitbürger, die von der Insel die Regio Card ausgestellt bekommen haben, können damit vergünstigte Dienstleistungen von Partnerunternehmen in Anspruch nehmen. „Zum Beispiel einen Kinoplatz für 1 Euro im Gautinger Breitwand oder günstigere Ausleihe in der Gemeindebücherei.“ Beim Technikteam zahlen Regio-Card-Inhaber für Reparaturen im Haushalt 5 Euro pro Handwerkerstunde, ohne Regio-Card verlangt das Team einen Stundenlohn von 38 Euro. 

E-Kabinenroller wurde durch Stiftungen finanziert

In die Vergünstigung bei den Technikern kommen aber auch Inhaber von Tafel-Ausweisen. Und wer ein Tauschbörsenguthaben besitzt, darf auch damit bezahlen. Für Grimm ist dieses Geschäftsmodell ein Beitrag zur Inklusion: „Die Leute können mit der Regio Card erhobenen Hauptes die möglichen Dienstleitungen in Anspruch nehmen, auf gleicher Höhe wie alle anderen Nutzer auch.“ Überflüssig zu erwähnen, dass Maz Grimm seine technischen Fähigkeiten auch dem gemeinnützigen Dienstleister Grain GmbH von Hans Wilhelm Knape (wir berichteten) zur Verfügung stellt.

Das alles ist auf Krücken nicht zu schaffen. Selbst mit dem E-Rollstuhl nicht, Grimm: „Damit von Oberbrunn zum Beispiel nach Starnberg zu fahren, ist viel zu gefährlich.“ Ein E-Bike kommt für Grimm auch nicht in Frage. „Für meine lädierte Wirbelsäule wären die Erschütterungen auf einem Zweirad-Sattel Gift.“ So ist der 58-Jährige überglücklich, seit wenigen Tagen Besitzer eines E-Kabinenrollers zu sein. Der hat eine zweirädrige Hinterachse und ist mit einem Schalensitz ausgestattet. Der Fahrer hat zudem ein Dach über dem Kopf. Die Investition von 6000 Euro haben zu Dreiviertel die Marianne-Strauß-Stiftung, Antenne Bayern sowie die Beckenbauer-Stiftung finanziert.

Spitznamen „Maz“ hat er sich von Freunden eingehandelt

Maz Grimm fühlt sich damit ausreichend mobil, um seinen Nachlass noch selbst zu regeln. „Denn ich merke, dass meine Kraft langsam nachlässt“, sagt er. Er will die Leitung des Technikteams in andere Hände geben. Und beim letzten Mittelaltermarkt in diesem Jahr vom 30. September bis 3. Oktober in Vaterstetten wird Maz Grimm den Löffel abgeben – im Wortsinn. Aus Buchenholz hat er in den vergangenen Wochen einen Löffel geschnitzt, dessen Griffende ein Wikinger-Ornament ziert. Diesen Löffel gibt er in Vaterstetten an seinen Mitstreiter Michael weiter.

Maz Grimm kam am 1. Juli 1959 als Mathias Grimm zur Welt. So steht es in der Geburtsurkunde und so ist es auf seinem Personalausweis verzeichnet. Dort steht aber auch „Maz“ als Künstlername. Diesen Spitznamen hat er sich von seinen Freunden und Geschäftspartnern eingehandelt. Dabei ist im baierischen „Matz“ eines der übelsten Schimpfwörter für eine ein Lotterleben führende Frau, eine Hure. Wenn von einem Mann gesagt wird „des is a Matz, a verreckte“, ist das anerkennend gemeint, weil von einem Menschen die Rede ist, der sich eine Sache hingebogen hat, die für ihn aussichtslos erschien.

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