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Mehr Patienten, weniger Empathie: Über den Alltag von Intensiv-Pflegekräften und Sprüche von Ungeimpften

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Von: Tobias Gmach

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Haube, Brille, Maske, Kittel, Handschuhe: Jedes Mal, wenn sich Stationsleiter Manuel Haug zu den schwer kranken Covid-Patienten (in den Zimmern hinter ihm) einschleust, zieht er frische Schutzkleidung an.
Haube, Brille, Maske, Kittel, Handschuhe: Jedes Mal, wenn sich Stationsleiter Manuel Haug zu den schwer kranken Covid-Patienten (in den Zimmern hinter ihm) einschleust, zieht er frische Schutzkleidung an. © Andrea Jaksch

Sie können manchmal gar nicht so viel Wasser trinken, wie sie schwitzen. Sie müssen sich unverschämte Sprüche von Ungeimpften anhören. Sie müssen andere einarbeiten, während sie beatmete Covid-Patienten versorgen. Sie halten trotz allem zusammen. Ein Besuch bei den Pflegekräften auf der Intensivstation der Gautinger Klinik.

Landkreis – Der Patient stand kurz vor der Intubation – also dass ihm ein Schlauch zur künstlichen Beatmung in die Luftröhre gesteckt wird. Aber einen Satz brachte er noch klar verständlich heraus. Michael Schäfer, Pflege-Bereichsleiter der Intensivstation in der Gautinger Klinik, wird ihn so schnell nicht vergessen. „Wenn ich hier lebend rauskomme, habe ich alles richtig gemacht“, sagte der Mann, auf den Genesenen-Status hoffend. Selbst in Lebensgefahr bereute er seine bewusste Entscheidung gegen eine Corona-Impfung, die das mit großer Wahrscheinlichkeit verhindert hätte, nicht. „Es ist zum Kotzen“, bricht es aus Schäfer heraus. „Das Verständnis und die Empathie gehen verloren“, schimpft er.

Schäfer sitzt in seinem Büro ein paar Meter von der Intensivstation entfernt im ersten Stock der Asklepios-Lungenfachklinik – das Krankenhaus mit der größten Abteilung für Infektionskrankheiten in Bayern und das, wo die meisten Covid-19-Patienten im Landkreis liegen. Acht auf der Intensiv sind es beim Besuch des Starnberger Merkur. Alle sind ungeimpft. In den vergangenen Wochen traf das laut Kliniksprecherin Beatriz Parente Matschke im Schnitt auf neun von zehn zu.

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Chefarzt bei der Arbeit: Dr. Lorenz Nowak versorgt einen beatmeten Patienten. 
Chefarzt bei der Arbeit: Dr. Lorenz Nowak versorgt einen beatmeten Patienten.  © Matthias Balk/dpa

Dass Covid-19 allgegenwärtig ist, ist schon am Eingang der Klinik nicht zu übersehen. Wegen des Besuchsverbots. Wegen der besonders großen Desinfektionsspender. Und wegen der Kantine, die keine mehr ist – sondern ein kleines Testzentrum für Patienten und Mitarbeiter.

Rauf in den ersten Stock, rein in die Intensivstation: Es herrscht konzentrierte Ruhe, Frauen mit weißen Hosen und blauen Oberteilen sitzen an Computern. Neben dem langen Tresen stehen dicht an dicht große Beatmungsgeräte und andere Maschinen. Ein Lichtblick: Von der Decke baumeln Päckchen in Geschenkpapier. Weihnachtsdeko. Bei ein paar Zimmern steht die Schiebetür offen: Drinnen liegen Patienten, die kein Corona haben oder nicht mehr ansteckend sind. Im hinteren Bereich sind die Türen zu. Hinter der Glasscheibe versorgt eine Pflegerin jemanden. Sie trägt grünen Kittel, rote Haube, blaue Gummihandschuhe, FFP3-Maske und darüber noch ein Visier. Alles sauber und frisch und kurz später: alles Müll.

Manuel Haug kennt das ewige An- und Ausziehen, das Einschleusen zu den schwer Erkrankten. „Es ist so warm, man schwitzt und schwitzt und trinkt und trinkt“, sagt er. Der 38-Jährige leitet die Station, er wirkt ruhig und besonnen. Kein Wunder, dass Pressesprecherin Parente Matschke anmerkt: „Bis hier Emergency-Room-Atmosphäre wie im Film herrscht, muss schon viel kaputt gehen.“ Eher Anspannung und Konzentration statt Aufregung und Hektik also. Etwas stressig sei es an diesem Morgen aber schon gewesen, man erlebe gerade das Durchatmen danach, berichtet Haug.

Bereichsleiter Michael Schäfer schätzt den Teamgeist auf der Gautinger Intensivstation.
Bereichsleiter Michael Schäfer schätzt den Teamgeist auf der Gautinger Intensivstation. © Andrea Jaksch

Seinen Beruf mag er nach wie vor. Aber die körperliche Belastung ist nun seit bald zwei Jahren enorm und nimmt demnächst noch weiter zu. Ganz abgesehen von der Psyche, der Angst, das Virus mit nach Hause zu schleppen. Haugs Lebensgefährtin gehört als Vorerkrankte zur Risikogruppe. Deshalb ist der Kraillinger in der ersten Corona-Phase kurz mal in einen Wohnwagen gezogen. Den Corona-Medienkonsum hat er stark eingeschränkt. „Man kommt nach Hause und will nicht mehr darüber reden.“

Bereichsleiter Michael Schäfer hat Redebedarf. Er stellt klar: „In der ersten und zweiten Welle haben wir gegen einen unbekannten Gegner gekämpft. Aber mittlerweile hatte jeder ein Impf-Angebot.“ Das gilt auch für die Pflegekräfte selbst. Ob es auf der Intensivstation ungeimpfte Kollegen gibt? Sprecherin Parente Matschke beantwortet die Frage nicht, damit man keine Rückschlüsse auf Einzelne ziehen könne – und gibt damit die Antwort. Was sie zur Impfquote sagt: Sie liege im gesamten Krankenhaus bei mehr als 90 Prozent. Und das Unverständnis gegenüber den nicht Geimpften sei groß.

Beim Besuch scheint die Intensivstation relativ gut besetzt zu sein. Aber das täuscht. Denn manche arbeiten eigentlich gar nicht hier, sondern helfen aus: Kolleginnen von der Normalstation oder vom wegen Corona geschlossenen Schlaflabor. Weil derzeit sogar Tumor-Operationen verschoben werden, sind Kapazitäten frei. Aber: „Jemand von der Normalstation kann nicht von heute auf morgen Intensivpatienten betreuen“, sagt Schäfer. Die Ausbildung dauere ja schon zwei Jahre länger. Helfende Hände beim Lagern der Patienten oder beim Aufziehen von Medikamenten sind wichtig, aber zur Intensiv-Pflege gehört mehr: Wissen über Narkose-Dosen oder die Bedienung der Beatmungsgeräte mit ihren vielen Einstellungen zum Beispiel.

Lichtblick auf der Intensivstation: Von der Decke baumeln weihnachtliche Geschenkpäckchen. 
Lichtblick auf der Intensivstation: Von der Decke baumeln weihnachtliche Geschenkpäckchen.  © Andrea Jaksch

Öffentliche Einblicke in eine Intensivstation mit Covid-Fällen sind selten. Der Besuch des Starnberger Merkur in Gauting ist eine Ausnahme. In den nächsten Monaten könne man das wohl nicht mehr möglich machen, sagt Sprecherin Parente Matschke. „Wir erwarten die Spitze Ende Dezember, Anfang Januar.“ Wenn andere Weihnachten und Silvester feiern, werden die Pflegekräfte in der Gautinger Klinik also am härtesten um Menschenleben kämpfen. Und auch um das von jenen, die ihre Arbeit nicht wertschätzen. Bereichsleiter Schäfer erzählt von der Ehefrau eines Patienten, die per E-Mail „Vorschläge für alternative Medizin“ auf die Station schickte.

Im absoluten Katastrophenfall hätte die Klinik Gerätschaften für maximal 36 Intensivplätze – aber nicht das Personal. Die Fluktuation sei höher als vor Corona, sagt Beatriz Parente Matschke. Schäfer kann sich nur an eine Kollegin erinnern, die wegen der Corona-Belastung gekündigt habe. Einer habe die Kündigung zuletzt zurückgezogen und wieder angefangen. Den Teamgeist loben sowohl Schäfer als auch Haug. „Der Spaß darf nicht zu kurz kommen. Sonst würden wir das nicht durchhalten“, sagt Schäfer. Die Weihnachtsfeier, die mit der 2G-plus-Regel geplant war, hat das Team dennoch abgesagt. Schäfer steht hinter der Entscheidung und sagt doch: „Das wäre so wichtig für uns gewesen.“

Und worauf freuen sich die beiden Pflegekräfte in diesen harten Zeiten? Schäfer würde gern mal wieder unbeschwert ins Fußball-Stadion gehen. In seinem Büro hängt ein Trikot des Chemnitzer FC, am Kühlschrank kleben FC-Bayern-Sticker. Haug würde gerne mal wieder die Gesichter der Kollegen im Dienst sehen. Er sagt: „So manche von den Neuen würde ich auf der Straße wohl nicht erkennen.“

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