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„Neues Kulturprojekt ist nicht finanzierbar“

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Schwerpunkt Gewerbe: Gautings Bürgermeisterin Dr. Brigitte Kössinger sieht klare Prioritäten für das Jahr 2022. Das Foto entstand kurz vor Weihnachten.
Schwerpunkt Gewerbe: Gautings Bürgermeisterin Dr. Brigitte Kössinger sieht klare Prioritäten für das Jahr 2022. Das Foto entstand kurz vor Weihnachten. © Andrea Jaksch

Entwicklung von Gewerbegebieten, Planungen für den Gautinger Bahnhof und für die sozial-ökologische Mustersiedlung „Am Patchway-Anger“ oder aber der gemeindliche Wunderlhof – in Gauting steht im Jahr 2022 viel an. Was genau das neue Jahr der Würmtal-Gemeinde bringt, fragte der Starnberger Merkur die Gautinger Bürgermeisterin Dr. Brigitte Kössinger (CSU).

Welche Projekte werden im Jahre 2022 für Sie absolute Priorität haben?

Aus meiner Sicht hat das Neubaugebiet Patchway-Anger oberste Priorität, damit die Planung möglichst 2022 fertig wird. Ganz oben auf der Agenda stehen aber auch die beiden Gewerbegebiete „Gautinger Feld“ und „Galileo Park“: Da wir für den Bebauungsplan Nummer 14 Unterbrunn direkt neben dem Flughafen endlich die Erschließungsstraße durchsetzen konnten, kommt jetzt Bewegung in diesen Bereich. Unterbrunn 14 war nämlich bisher nur über Flughafen-Landebahn erreichbar und damit unattraktiv für die Ansiedlung von Unternehmen wie etwa AOA Gauting.

Am Flughafen, auf Gautinger Flur, sitzen auch die Unternehmen „Mynaric“ und „Lilium“, welche der Gemeinde Gauting die ersehnte Gewerbesteuer bringen?

Nun, „Mynaric“ nutzt für seine Produktion, vor allem mit Robotern, zwar einen schmalen Streifen auf Gautinger Flur. Aber seinen Hauptsitz hat das Unternehmen in Gilching. Nur das Startup „Lilium“ liegt komplett auf Gautinger Gebiet: Aber ab wann aus diesen Unternehmen für uns Gewerbesteuer rausschaut, wissen wir noch nicht.

Müssen Gautings Vereine und die Kulturbranche trotz Corona-Einbrüchen auch 2022 wieder mit Kürzungen rechnen?

Gott sei Dank bekommen wir im kommenden Jahr 2,3 Millionen Euro Schlüsselzuweisung, also staatliche Sozialhilfe, damit wir einen ausgeglichenen Haushalt hinkriegen. Anders als im Vorjahr müssen wir 2022 nicht zusätzlich kürzen. Die Zuschüsse bleiben voraussichtlich im Ist-Zustand. Fürs kommende Jahr müssen die Vereine nicht bangen.

Wie steht es grundsätzlich um die Gautinger Einnahmen, ist eine Entspannung in Sicht?

Sobald wir die Gewerbegebiete „Gautinger Feld“ und „Galileo Park“ fertig haben, wird uns das helfen, Gautings finanzielle Situation zu verbessern.

Werden Sie das in Ihrer zweiten Amtszeit, die im Mai 2026 enden wird, noch erleben?

Dass die Unternehmen, die wir dort neu ansiedeln wollen, gebaut haben werden und Gewerbesteuer fließt, wird erst nach meiner Amtszeit sein. Wir beginnen jetzt erst einmal mit den Bebauungsplänen für die beiden Gewerbegebiete, damit wir Unternehmen, die sich vergrößern wollen, Alternativen anbieten können. Dann sehen wir auch Licht am Ende des Tunnels.

Sind alle Gewerbeflächen des Gautinger Handwerkerhofs beim Verkehrskreisel „Penny“-Markt bereits verkauft?

Wir sind gerade dabei, Grundstücke zu verkaufen. Die Erschließungsstraße ist fertig gebaut, und die ersten Handwerksbetriebe haben auch schon ihre Bauanträge gestellt.

Gibt es konkrete Pläne fürs Asklepios-Gelände neben dem künftigen Gewerbegebiet „Gautinger Feld“ – etwa einen Forschungsstandort? Es gibt Gerüchte, wonach Asklepios den Gautinger Klinikbetrieb komplett ans Universitätsklinikum Großhadern abgeben wird.

Das sind in der Tat nur Gerüchte: Diese basieren wohl auf der seit Jahren bestehenden Kooperation zwischen dem Lehrkrankenhaus Asklepios-Klinik Gauting und Universitätsklinikum Großhadern. Wegen des Anbindegebots mussten wir in unseren geänderten Flächennutzungsplan das angrenzende Areal mit der Fünf-Seen-Klinik allerdings mit aufnehmen. Denn das Nachbargelände, das bekanntlich der Deutschen Rentenversicherung gehört, ist ja bereits bebaut und wird auch schon gewerblich genutzt.

Stichwort Energiewende: Wird die Gemeinde Gauting 2022 einen Wind-Park umsetzen oder sich an einem Projekt beteiligen?

Wir prüfen erst einmal, was in unserem Gemeindegebiet machbar ist. Wir haben zwar bereits Teilflächennutzungspläne für Windkraft, aber deshalb dort nicht automatisch genügend Wind. Auch naturschutzrechtliche Belange sind zu prüfen. Wir müssen zudem klären, wo kann ein Windrad überhaupt wirtschaftlich betrieben werden? Wenn ein Projekt machbar ist, werden wir das jedenfalls öffentlich machen und die Bürger beteiligen. Wir machen keine Windkraft über die Köpfe unserer Bürger hinweg.

Wann bezieht Gauting-West Fernwärme aus dem angepeilten Geothermieprojekt im Unterbrunner Holz?

Im Moment führt das beauftragte Konsortium noch Vorgespräche mit den Behörden zu Fragen wie Wasser- und Naturschutz. Aber wir sind zuversichtlich, dass sich das Gelände in Flughafennähe für geothermische Nutzung eignet. Denn dort wurde schon während der Ölkrise in den 1970er-Jahren gebohrt.

Planen Sie für die Zukunft des Bahnhofsareals 2022 Bürgerworkshops?

Für den Bahnhof haben wir Städtebauförderung beantragt. Wir müssen aber erst mit dem Sontowski-Komplex und dem Umbau der oberen Bahnhofstraße fertig werden. Erst dann können wir mit dem Gemeinderat überlegen, was aus dem historischen Teil des Bahnhofs wird – und: Was können wir uns überhaupt leisten? Ein neues Kulturprojekt ist jedenfalls nicht finanzierbar. Ein Gautinger Bürger- und Kulturbahnhof müsste sich selber tragen.

Wie wollen Sie die von den Bürgern allseits gewünschten, aber andererseits ständig beklagten Tempo-30-Limits in Gauting vollends rechtssicher auf den Weg bringen – übers Gesamtverkehrskonzept?

Bevor wir den Umbau der Römerstraße zu horrenden Preisen umsetzen, ordnen wir erst mal die Parkplätze so an, dass der Verkehr langsamer wird. Grundsätzlich darf das Landratsamt aber auch an dieser Gemeindestraße mitreden – und bei der übergeordneten Behörde gehen bauliche Maßnahmen vor. Die Polizei hat ebenfalls Mitspracherecht. Wo’s geht, versuchen wir daher Lösungen wie an der oberen Bahnhofstraße in Gauting: Da wird das Tempo durch die verengte Fahrbahn mit Radschutzstreifen und Aufstellfläche automatisch gedrosselt. Doch das Landratsamt schaut bei uns in Gauting sehr genau hin, weil die Gerichte in der Vergangenheit immer wieder Tempolimits mit 30 km/h aufgehoben haben, die Gemeinde sie aber trotzdem wieder neu erlassen hat. Eine Gemeinde kann halt nicht tun, was sie will, sondern muss sich an die Straßenverkehrsordnung halten.

Was wird 2022 mit dem gemeindlichen Wunderlhof, an dem noch archäologische Bodenuntersuchungen laufen?

In diesem Jahr planen wir eine Bürgerbeteiligung. Da werden dann auch frühere Überlegungen einfließen: Ein Traum wäre natürlich die einst vorgeschlagene Gemeindebibliothek dort an der Würm. Aber auch hier gilt: Was kann sich Gauting überhaupt leisten? Schließlich hat die Gemeinde den Wunderlhof samt zugehörigen Wiesen und Feldern im Westen über einen Kredit erworben mit dem Versprechen zu verkaufen. Wir diskutieren nun erst einmal die städtebaulichen Vorgaben. Unser Ziel ist, die Würm dort erlebbarer zu machen. Jedenfalls haben wir beim Wunderlhof nicht denselben Verkaufsdruck wie damals beim Sontowski-Komplex, über den wir die generalsanierte Grundschule neben dem Rathaus finanzieren mussten.

Wie rasch bekommen Sie das Problem fehlender Kinderbetreuungsplätze in den Griff? Wird der Gemeinderat 2022 mit der Planung Kita Wiesmahdstraße beginnen?

Auf dem bereits als Kita-Bedarfsfläche ausgewiesenen Gelände beim Schulcampus an der Wiesmahdstraße hätte sich eine neue Kita schnell realisieren lassen. Doch nach der Kommunalwahl beschloss die Gemeinderatsmehrheit ja einen Planungsstopp und die Machbarkeitsstudie für Kita-Standorte. Die Diskussion wird also 2022 fortgeführt. Ich bin froh, dass der Neubau des Waldorf-Kindergartens jetzt bezogen wird und wir für das blaue Haus an der Germeringer Straße eine Privatinitiative haben, die dort eine Krippe betreiben wird.

Ein großes Problem in Gauting ist der bezahlbare Wohnraum für Normalverdiener.

Meine Hoffnung und mein Wunsch ist, dass der Bebauungsplan für die sozial-ökologische Mustersiedlung Patchway-Anger nach der umfangreichen Bürgerbeteiligung 2022 fertig wird. Denn wir haben gute Vorarbeit geleistet, die Bürger von Anfang an mitgenommen und sind teils auch auf die Interessen der Nachbarschaft eingegangen. Die breite Mehrheit des Gemeinderats steht hinter dem Vorhaben.

Ihre Kritiker, wie der SPD-Fraktionssprecher Eberhard Brucker, bemängeln, Sie hätten zu viele Projekte auf dem Schirm?

Ja, wir haben viele Projekte vor uns, die getan werden müssen. Denn unser Problem ist der Gautinger Investitionsstau. Für Einnahmen müssen wir unsere Gewerbegebiete entwickeln, wir müssen Kitas bauen, Straßen sanieren. Doch wir haben in Gauting eine leistungsfähige, eigenständig arbeitende Verwaltung, auf die ich mich verlassen kann. Die Hochbauamtsleiterin hat gerade die staatlich geförderten Corona-Lüftungsgeräte in den Gautinger Klassenzimmern der unter Zwölfjährigen auf den Weg gebracht. Da plötzlich das Dach der Mittelschule undicht war, ist ebenfalls der Hochbau gefragt. Deshalb können wir im Haushalt nicht die von Herrn Moser, (dem Grünen-Co-Fraktionssprecher, Anmerkung d. Red.) geforderte Priorisierungsliste erstellen. Denn wie bei einem Kind, das sich auch mal die Knie aufschlägt und anschließend einen Verband benötigt, brauchen wir Haushaltsmittel für Unvorhergesehenes, wie etwa für die Lüftungsgeräte an fünf Schulen.

Hat die Gautinger Verwaltung seit Ihrem Amtsantritt 2014 eine zu hohe Fluktuation?

Das ist eine bösartige politische Unterstellung: Wir haben eine normale Fluktuation unter unseren knapp 150 Rathausmitarbeiterinnen und -mitarbeitern. Wenn jemand geht, dann deshalb, weil sie oder er in einer anderen Kommune höhere Aufstiegschancen hat oder weil sich im privaten Umfeld etwas ändert. Aus Heimweh zieht jetzt unsere bisherige Geschäftsleiterin Maike Wendt nach langen Berufsjahren in Bayern wieder zurück nach Schleswig-Holstein. Ihr Nachfolger wird unser jetziger Ordnungsamtsleiter Dr. Groth.

Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit im jetzt 30-köpfigen Gautinger Gemeinderat?

Meistens konstruktiv. Bisher haben wir für alle Probleme Lösungen gefunden. Das ist sehr erfreulich. Kompromisse muss man aber immer wieder schließen.

Wenn ich in einem Jahr durch Gauting radle, was wird sich geändert haben?

Das Bahnhofsumfeld. Die noch mickrigen Bäume werden im Frühjahr wachsen, auf dem bis dahin attraktiven Platz beim Kriegerdenkmal werden Bänke stehen. Übers Förderprogramm „Innenstädte beleben“ werden auch Mitfahrer-Bänke umgesetzt sein. Auch der Umbau der Stockdorfer Grundschule an der Würm wird weiter fortgeschritten sein. Ich hoffe, wir haben bis dahin auch geförderte Lüftungsgeräte für die Klassenzimmer der Über-Zwölfjährigen.

Sie hatten am 24. Dezember Geburtstag: Was ist denn Ihr größter Wunsch für 2022?

Dass wir alle gesund und ohne große Blessuren durch die Pandemie kommen und es unserer Familie gut geht. Denn ich bin ja nicht nur Bürgermeisterin, sondern auch Ehefrau, dreifache Mutter und Großmutter.

Christine Cless-Wesle

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