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Pflegeplätze nur auf dem Papier: Bereichsleiter des BRK schlägt wegen Personalnot Alarm

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Pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen will das Landratsamt künftig noch mehr an die Hand nehmen.
Nicht genügend helfende Hände gibt es in der Pflege - und das in einer immer älter werdenden Gesellschaft. © Christophe Gateau/dpa

Trotz neuer Betreuungseinrichtungen für Senioren herrscht in Gauting ein Pflegenotstand. Es mangelt nicht am Platz, dafür am Personal. Marcus Wicke vom BRK schlug beim Seniorenbeirat Alarm.

Gauting – Trotz neu gebauten Marienstifts der Caritas sowie des gerade fertiggestellten Pflegeheims im BRK-Mehrgenerationen-Campus herrscht in Gauting Pflegenotstand. BRK-Bereichsleiter Marcus Wicke machte dies in der Seniorenbeiratssitzung deutlich. Fachpersonal fehle schon aktuell. Den Überhang von 28 stationären Pflegeplätzen gebe es nur auf dem Papier, so Wicke. Denn durch die beiden Neubau-Komplexe „Marienstift“ und Mehrgenerationen-Campus stünden laut Bedarfsplan des Landkreises 1248 stationäre Pflegeplätze zur Verfügung. In der Tagespflege mit 80 bis 95 Plätzen Bedarf gebe es ein Plus von sieben Plätzen. Bis 2030 steige der prognostizierte Bedarf an stationären Pflegeplätzen in Gauting mit aktuell über 5000 Senioren auf 1405 Plätze, rechnete er vor.

„Tausche behindertengerechte Zwei-Zimmer-Wohnung im Herzen Gautings gegen Heimplatz“, zitierte Wicke den aktuellen Notruf einer Tochter in den sozialen Medien: „Leider schaffen wir es nicht mehr, meine Mama mit vereinten Kräften, zu Hause zu versorgen. Und leider finden wir keinen Heimplatz in Gauting. Es ist sehr dringend.“ Denn in der Realität gebe es zwar schöne neue Heime, aber keine Pflegekräfte. Zehn bis 20 Prozent der Plätze könnten wegen Personalmangels bundesweit nicht belegt werden. Auch im Mehrgenerationen-Campus, in dem mittlerweile Geflüchtete aus der Ukraine untergebracht sind, nicht. „Niemand redet darüber“, bedauert Wicke. Hinzu kämen die 80 Prozent der Pflegebedürftigen, die großteils von ihren Angehörigen, von ambulanten Diensten oder Hilfskräften zu Hause versorgt werden.

Bedarf steigt exponentiell, wenn Baby-Boomer in Rente gehen

Wenn die Babyboomer-Generation durchschnittlich 1,3 Millionen Menschen pro Jahrgang ab 2024 ins Rentner-Alter komme, steige der Bedarf an Pflegekräften noch „exponentiell“. Mit dem Ausscheiden dieser geburtenstarken Jahrgänge aus dem aktiven Berufsleben verschärfe sich der landesweite Fachkräftemangel. Wegen zu viel Bürokratie, Arbeitsspitzenbelastung, fehlender Dienstplan-Sicherheit und strenger Heimaufsicht arbeite das Pflegepersonal am Limit. Auf durchschnittlich 13 zu betreuende Patienten komme eine Pflegefachkraft. In der Schweiz seien es durchschnittlich nur 7,9 Patienten, in Schweden 7,7 und in den USA 5,3 Patienten pro Fachkraft, wusste Wicke aus Vergleichszahlen.

Pflege habe durch Berichte wie „Gewalt in der Pflege“ kein gutes Image und werde schlecht bezahlt, so der Referent. Mit Ballungsraum-, Feiertags- und Schichtzulagen komme eine Pflegefachkraft nach drei Jahren Ausbildung auf 3717 Euro brutto. Übrig blieben davon in Steuerklasse 1 nur 2200 Euro. Im Ballungsraum München, in dem fürs Appartement 800 bis 1000 Euro Miete fällig würden, „macht man damit keine großen Sprünge“. Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland oder Robotik für die Grundpflege wie in Japan wären Lösungen, fand Wicke und sagte: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Beiratsvorsitzender Dr. Klaus Wagner forderte mehr Öffentlichkeit für das Problem „Pflegenotstand“. Der Gautinger Seniorenbeirat werde Bürgermeisterin und Gemeinderat über ein „verdichtetes Statement“ zum Handeln auffordern. Er plane dazu auch eine öffentliche Veranstaltung mit Politkern und Trägern von Pflegeheimen und ambulanten Diensten. Denn erschwerend hinzukomme das Problem mit der neuen Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts, so Wagner weiter. Zwölf Euro Mindestlohn pro Stunde könnten Familien, die eine Angehörige zu Hause rund um die Uhr durch eine Osteuropäerin betreuen lassen, nämlich gar nicht bezahlen.

Christine Cless-Wesle

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