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Willkommen im Frieden - Große Unterstützung im Landkreis für Menschen aus der Ukraine

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Von: Andrea Gräpel, Tobias Gmach, Peter Schiebel

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Haben jetzt ein Zimmer im BRK-Altenheim in Gauting: Ruslan Baraniuk mit Tochter Anastasiia Baraniuk und Frau Olha Mykhailets aus der Region Odessa. 
Haben jetzt ein Zimmer im BRK-Altenheim in Gauting: Ruslan Baraniuk mit Tochter Anastasiia Baraniuk und Frau Olha Mykhailets aus der Region Odessa.  © Dagmar Rutt

Offiziell und privat: Große Unterstützung im Landkreis für Menschen aus der Ukraine. Der Starnberger Merkur zeigt drei Beispiele von gelebter Solidarität.

Landkreis – Die Welle der Hilfsbereitschaft aus dem Landkreis Starnberg für Menschen aus der Ukraine scheint grenzenlos. Neben dem Sammeln und Verteilen von Spenden und Hilfsgütern ist vor allem die Unterbringung geflüchteter Menschen eine Herausforderung. Der Starnberger Merkur zeigt drei Beispiele von gelebter Solidarität.

Gauting: Studiumendet, Krieg beginnt

In einem nagelneuen Bau haben sich seit Sonntag 100 Geflüchtete eingerichtet – im Altenpflegeheim des BRK-Mehrgenerationencampus in Gauting. Der Gebäudetrakt ist noch nicht bezogen, die Ukrainer sind die ersten, die ihn nutzen. Der Landkreis hatte die Menschen, wie berichtet, mit Bussen vom Ankerzentrum in Fürstenfeldbruck abholen lassen. Unter ihnen ist Anastasiia Baraniuk mit ihren Eltern. Die 22-Jährige aus der Region Odessa hatte gerade ihr Grafikdesign-Studium abgeschlossen, war auf Jobsuche. Dann brach der Krieg aus. Drei Tage danach, am 27. Februar, entschied die Familie, ihre Wohnung am Schwarzen Meer zu verlassen. Eine ganze Woche später, nach ewiger Warterei auf den Zug, dazu in großer Sorge, endete die Reise in Gauting. Sie führte über Lwiw und durch Ungarn. „Wir wollten erst mal einfach schlafen“, sagt Anastasiia Baraniuk dem Merkur. Ihr Vater Ruslan Baraniuk will gar nicht richtig ankommen: „Wir wollen zurück, wir wollen, dass unser Land frei ist.“

Das BRK hat dem Landkreis die Räumlichkeiten mit derzeit 126 Feldbetten in 42 Zimmern bis Jahresende zugesagt. Verhandelt wird noch, wie lange die Geflüchteten jeweils im Pflegeheim bleiben. BRK-Kreisgeschäftsführer plädiert für „mindestens eine Woche“, damit sie zur Ruhe kommen und halbwegs geordnete Zustände herrschen.

Steinebach: Eine Fahrt gegen die Ohnmacht

Christian Bonk vom Redaktionsteam Tastenfeuer aus Steinebach wollte nicht tatenlos zu Hause sitzen. „Wir empfinden Wut, Unverständnis und die zehrende Ohnmacht, nichts tun zu können, um den notleidenden Menschen in Europas größtem Flächenstaat zu helfen“, schildert er gegenüber dem Starnberger Merkur seine Gefühle aus den vergangenen Wochen. Über ein Internetblog wurde Bonk auf Viktor Kapitula aufmerksam, einen in München lebenden Ukrainer, der bereits am dritten Kriegstag einen spontan zusammengestellten Konvoi an die polnisch-ukrainische Grenze gebracht hatte. Das hatte Kapitulas Arbeitgeber, das Münchner Logistikunternehmen Interkep, ermöglicht, das Fahrzeuge und Kraftstoff beisteuerte.

Auf dem Weg in Sicherheit: Konstantin Urban (l.), Birgit Wischnewski (2.v.l.) und Viktor Kapitula (4.v.l.) mit der Familie Petryk (v.l.): Vlada (2), Galyna, Ivan (8), Sylie, Mariia, Zlata (7).
Auf dem Weg in Sicherheit: Konstantin Urban (l.), Birgit Wischnewski (2.v.l.) und Viktor Kapitula (4.v.l.) mit der Familie Petryk (v.l.): Vlada (2), Galyna, Ivan (8), Sylie, Mariia, Zlata (7) und Julia. © Christian Bonk

Bonk nahm Kontakt auf – und begleitete zusammen mit Konstantin Urban und Birgit Wischnewski am vergangenen Wochenende Kapitulas dritten Konvoi über 1300 Kilometer nach Chelm. Auf dem Hinweg hatten sie Hilfsgüter dabei – Nahrungsmittel, Hygieneartikel, Decken, Schlafsäcke und vieles mehr. Auf dem Rückweg nahmen sie die Familie Petryk mit: Galyna, Mariia, Julia, Ivan, Zlata und Vlada. „Die Väter mussten wie alle wehrfähigen ukrainischen Männer bleiben“, berichtet Bonk, der schwer beeindruckt von der Hilfsbereitschaft der Polen ist. Sie würden „pragmatisch, großzügig und menschenwürdig für echte Hilfe sorgen“ (mehr dazu im Teil München kompakt).

Herrsching: Schnelle Hilfe für Familien

Seit 20 Jahren unterhält die Herrschinger Familie Schnell in Lwiw, dem früheren Lemberg, ein Büro ihrer E-Learning-Firma. Elf Mitarbeiter sind dort beschäftigt. Als sich die Situation vor einigen Jahren schon einmal zuspitzte, mieteten die Schnells vorübergehend in Chemnitz Wohnungen für sie an – schließlich seien das „IT-Spezialisten und keine Soldaten“, so die Familie. Nun, nach Beginn des Krieges, wurden die Schnells wieder aktiv. Es war zwar zu spät, die männlichen Mitarbeiter aus dem Land zu holen, aber wenigstens den Familien boten sie an, nach Deutschland zu kommen. In Herrsching haben die Schnells seit Freitag zwei Mütter mit drei Kindern aufgenommen. Auf einer umgebauten Büro-Etage am Firmensitz in München erwarten sie zwei weitere Frauen und drei Kinder.

Nina Khomytsia (36) und ihre beiden Söhne, zehn und sechs Jahre alt, sind am Ammersee untergekommen. Lange hatte sie überlegt, ob sie überhaupt ohne ihren Mann Marko (40) fahren solle, erzählt Nina Khomytsia. Männer zwischen 17 und 60 Jahren dürfen die Ukraine ja nicht mehr verlassen, und Lwiw ist aktuell auch noch vergleichsweise sicher. Der Fliegeralarm gehört aber auch in der Stadt nahe der polnischen Grenze zum Alltag. „Am Anfang haben sich die Kinder noch gefreut, weil sie nicht in die Schule mussten und im Luftschutzkeller mit dem Tablet spielen konnten“, erzählt die Mutter. Dann wurden die Abstände der Alarme immer kürzer. „Es wurde zu viel.“ Und die Lebensmittel gingen selbst in Lwiw allmählich aus. „Kaffee muss gut rationiert werden“, sagt die 36-Jährige.

Nina Khomytsia (Foto rechts) aus Lwiw hat mit ihren zwei Kindern derweil in Herrsching eine Unterkunft gefunden.
Nina Khomytsia (Foto rechts) aus Lwiw hat mit ihren zwei Kindern derweil in Herrsching eine Unterkunft gefunden. © Dagmar Rutt

Schweren Herzens entschied sich das Ehepaar, dass Mutter und Kinder nach Deutschland reisen. Im eigenen Auto – für Nina Khomytsia war allein dies eine große Herausforderung, weil sie kaum Erfahrung am Steuer hat, unsicher und langsam fährt. Nun sollte sie 1300 Kilometer allein zurücklegen. Erleichtert erzählt sie, wie sie die Grenze passierte: „Wir haben einen Grenzübergang gefunden, an dem wir nur wenige Stunden warten mussten.“ Andere stünden in 70 Kilometer langen Staus und warteten tagelang. Sie hatte Glück.

Gemeinsam mit der Frau eines Kollegen und deren Kind waren sie in zwei Autos unterwegs. Zweimal haben sie übernachtet, bis sie in Deutschland waren. Die Khomytsis, die beide in dem E-Learning-Unternehmen als Computerfachleute beschäftigt sind, waren schon mal in Herrsching zu Besuch. Nie hätte Nina Khomytsia gedacht, dass sie an den Ammersee einmal flüchten müsste, dass es Krieg geben werde. Selbst nicht, als russische Separatisten sich in Donezk und Luhansk breit machten. Als der Alarm am 24. Februar mitten in der Nacht im ganzen Land ertönte, seien sie deshalb erst überrascht und dann geschockt gewesen. „Wir haben uns das nicht vorstellen können.“

Mit ihren Männern haben die beiden Frauen und ihre Kinder jeden Tag Kontakt. Ihre eigene Mutter habe sich zunächst in ein Dorf bei Lwiw geflüchtet, erzählt Nina Khomytsia, mittlerweile sei sie aber zurückgekehrt in die Stadt, um ihre Wohnung dort Flüchtenden aus den östlichen und südlichen Gebieten der Ukraine zur Verfügung zu stellen. Der Zusammenhalt beeindruckt sie. Nina Khomytsia macht sich natürlich Sorgen, während ihre Söhne in Blau und Gelb gekleidet im Garten in Herrsching toben. Der Krieg war glücklicherweise noch nicht so nah an sie herangekommen, dass sie ihn begreifen könnten. „Für sie ist es ein bisschen wie Urlaub“, sagt die Mutter. Am meisten Sorgen mache es den beiden, dass sie in die Schule sollen. „Der Große hatte zwar Deutsch in der Schule, aber trotzdem hat er Angst“, weiß Nina Khomytsia. Gemeinsam haben sie den großen Wunsch, bald nach Lwiw zurückkehren zu können.

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