Namensänderung? In den kommenden Wochen sollen die Anwohner der Ina-Seidel- und der Max-Dingler-Straße in Stockdorf befragt werden.
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Namensänderung? In den kommenden Wochen sollen die Anwohner der Ina-Seidel- und der Max-Dingler-Straße in Stockdorf befragt werden.

Straßennamen

Anhörung nach Ferien

  • Stephan Müller-Wendlandt
    VonStephan Müller-Wendlandt
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Der Beschluss des Gautinger Gemeinderates, zwei Straßen im Stockdorfer Dichterviertel wegen der Nazi-Vergangenheit ihrer Namensgeber umzubenennen, war einstimmig. Er ist aber nicht in Stein gemeißelt. Denn der Protest bei den betroffenen Anwohnern ist groß.

Stockdorf/Gauting – Die Ina-Seidel- und Max-Dingler-Straße im Gautinger Ortsteil Stockdorf sollen umbenannt werden. Der Gemeinderat hat in seiner Sitzung im Juni beschlossen, diese Straßen künftig den Schriftstellern Oskar Maria Graf und Marieluise Fischer zu widmen. Den nachweislichen Hitler-Sympathisanten Seidel und Dingler will die Gemeinde damit die einst zugedachte Ehrung im Dichterviertel von Stockdorf entziehen. Doch so einfach ist das nicht – eine Anhörung ist vorgeschrieben.

Das Thema hatte den Gemeinderat vor knapp zehn Jahren schon einmal beschäftigt. Damals hatte das Gremium wegen des Gutachtens eines Würzburger Gelehrten den Namen von Max Dingler aus dem Straßenverzeichnis streichen wollen. Prof. Wolfgang Riedel hatte in seinem Gutachten festgestellt, der Schriftsteller habe das Primat der arischen Rasse vertreten und am Hitlerputsch 1923 teilgenommen. Weil sich die Anlieger dieser Straße damals gegen eine Umbenennung gewehrt hatten, wurde der Beschluss gekippt. Weil der frühere Gymnasialdirektor von Kaufbeuren, Jakob Knab, in seinem Buch „Hans Scholl und die Weiße Rose“ auf die Nähe Dinglers und seiner Dichterkollegin Ina Seidel zu Adolf Hitler hingewiesen hatte, war das Thema erneut auf die Agenda des Gemeinderates gekommen. Dafür hatte die Referentin für Ortsgeschichte, SPD-Gemeinderätin Dr. Carola Wenzel, gesorgt.

In der Sitzung sprach sich das Gremium ohne Widerspruch für die Neuwidmung der beiden Straßen aus. Der Gemeinderat hatte aber auch heuer die Rechnung ohne die betroffenen Anlieger gemacht. Der Widerstand ist erneut immens groß. Wie Gemeinderätin Wenzel auf Anfrage des Starnberger Merkur bestätigt, sei mittlerweile eine Vielzahl von E-Mails bei der Gemeinde eingelaufen. Die SPD-Kommunalpolitikerin spricht von „mindestens 50 Zuschriften“. Die meisten kommen aus der Ina-Seidel-Straße. Auch einige Max-Dingler-Straße-Anwohner haben nochmals ihren Widerstand gegen die Umbenennung zum Ausdruck gebracht. „Den Mitbürgern geht es nicht darum, die beiden Dichter zu verteidigen“, erklärt Wenzel. Sie wollten im Wesentlichen keine Neubenennung ihrer Straßen, weil sie die damit verbundenen Unannehmlichkeiten scheuen. Sprich: Änderung der Angaben auf privaten und geschäftlichen Briefpapieren und Visitenkarten sowie die entsprechenden Mitteilungen an Behörden und anderen Institutionen.

Einige hätten der Gemeinde empfohlen, dem Beispiel anderer Kommunen zu folgen, die Vergangenheit der Namensgeber auf Zusätzen zu den Straßenschildern zu erklären – Starnberg beispielsweise geht diesen Weg. Diese Alternative sei im Gemeinderat diskutiert, aber verworfen worden. „Die Namensgebung für eine Straße stellt eine Ehrung der Betroffenen dar, und die wollen wir Anhängern der Nazi-Diktatur nicht weiter zubilligen“, sagt Wenzel. Und sie fügt hinzu: „Wir sind wohl die letzte Gemeinde in Deutschland, die Max Dingler in einem Straßennamen führt.“

Wie geht es jetzt weiter? Wenn die Gemeindeverwaltung in der kommenden Zeit aus dem Ferienmodus erwacht, sollen alle betroffen Anlieger für eine offizielle Anhörung angeschrieben werden. „Ich werde diesem Schreiben eine Begründung für die Umbenennung beifügen“, erklärte die Referentin für Ortsgeschichte. Das Ergebnis dieser Anhörung werde dann dem Gemeinderat vorgelegt. „Wie die Entscheidung dann ausfällt, ist offen“, so Wenzel. Es sei nicht auszuschließen, dass sich das Plenum auch auf die Lösung mit den Zusatzschildern einigt. Wie sie mitbekommen habe, beschäftige sich das Gemeindearchiv schon mit dieser Alternative.

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