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Verfolgung wie im TV: Gautinger (21) überwältigt Räuber

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Von: Simon Nutzinger

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Ort des Verbrechens: Im Edeka am Gautinger Hauptplatz schubst ein 22-jähriger Mann die Kassiererin zur Seite und flüchtet mit einem niedrigen vierstelligen Betrag – zumindest bis ihn ein junger Gautinger überwältigt.
Ort des Verbrechens: Im Edeka am Gautinger Hauptplatz schubst ein 22-jähriger Mann die Kassiererin zur Seite und flüchtet mit einem niedrigen vierstelligen Betrag – zumindest bis ihn ein junger Gautinger überwältigt. © Andrea Jaksch

Zufällig beobachtet Richard Kinzelbach am Dienstagabend, wie ein Mann den Edeka-Markt in Gauting überfällt und mit der Beute türmt. Wie der 21-jährige Gautinger den Übeltäter verfolgt und schließlich überwältigt, ist filmreif.

Gauting – Richard Kinzelbach ist auf dem Heimweg. Auf dem Beifahrersitz der Einkauf, das Radio aufgedreht. „Alles ganz entspannt“, sagt der 21-jährige Gautinger. Doch als er am Dienstagabend so gegen 19.15 Uhr mit seinem Auto die Grubmühlerfeldstraße entlangfährt, entdeckt er plötzlich diesen Mann. Mit Maske im Gesicht sowie Sonnenbrille und schwarzer Mütze bedeckt, sprintet er aus der Edeka-Filiale am Hauptplatz. Hinter ihm zwei aufgebrachte Mitarbeiter, wild gestikulierend. „Es war sofort klar, dass da etwas nicht stimmt“, sagt Kinzelbach im Gespräch mit dem Starnberger Merkur. Es ist der Start einer filmreifen Verfolgungsjagd.

Der Gautinger, der gerade eine Ausbildung zum Bankkaufmann absolviert, überlegt nicht lange, was er tun soll und was nicht. Er handelt instinktiv und fährt dem Flüchtenden mit etwas Abstand hinterher. Währenddessen ruft er im Edeka-Markt an. Dort habe gerade ein Überfall stattgefunden, bekommt er als Information. Ein Mann soll sich zunächst als Kunde ausgegeben haben, anstatt seine Tafel Schokolade zu bezahlen, schubste er eine Kassiererin brutal um und türmte mit dem Geld aus der Kasse. Alles klar, denkt sich Kinzelbach. Er alarmiert die Polizei. „Ich habe gesagt, dass ich an ihm dranbleibe.“

Räuber will fliehen - Gautinger (21) sprintet hinterher

Der Übeltäter bemerkt zunächst nicht, dass er verfolgt wird. Erst als er längst nur noch im Schritttempo unterwegs ist, das Auto hinter ihm aber einfach nicht vorbeifahren möchte, dämmert ihm, dass er wohl doch noch nicht über alle Berge ist. In der Bergmoserstraße schaltet der Räuber, ein 22-jähriger Pole, wieder in den Sprintmodus, läuft zwischen den Häusern durch in Richtung Hangstraße. Richard Kinzelbach reagiert, parkt sein Auto und nimmt zu Fuß die Verfolgung auf. „Meine Motivation war längst geweckt“, sagt er. „Ich wollte ihn nicht davonkommen lassen.“

Einige Hundert Meter liefern sich die zwei ein Laufduell. Kinzelbach kommt immer näher, packt den Räuber schließlich an der Schulter. Die beiden stehen sich direkt gegenüber. „Es ist vorbei, habe ich ihm gesagt.“ Noch einmal will der Mann fliehen, doch der junge Gautinger erstickt den Versuch im Keim, packt diesmal deutlich entschlossener zu. Eine kurze Rangelei, in der auch Kinzelbach ein paar Schläge kassiert, dann hat er ihn im Schwitzkasten. Zwei weitere Passanten kommen hinzu, unterstützen den 21-Jährigen. Zu dritt warten sie schließlich auf die Polizei und übergeben den Übeltäter mitsamt seiner Beute im niedrigen vierstelligen Bereich an die Beamten. „Dann war die Sache erledigt“, sagt Kinzelbach und lacht.

Ob er so etwas schon mal erlebt habe? „Nein, nicht im Ansatz.“ Ob er denn keine Angst gehabt habe? „Eigentlich nicht wirklich.“ Schon klar: Im Nachhinein habe er sich auch gefragt, was gewesen wäre, hätte der Mann eine Waffe gehabt. „Da schluckst du dann schon kurz. Aber währenddessen war keine Zeit, um über so etwas nachzudenken.“

„Alles ist besser als Nichtstun“

Kinzelbach spricht über seine außergewöhnlich mutige und couragierte Tat wohltuend bescheiden. Als wäre sie etwas ganz Alltägliches. „Als Held fühle ich mich auf keinen Fall“, betont er auf Nachfrage. Dazu passt, dass er einen Fototermin für den Artikel ablehnt. Ihm geht es nicht um sich selbst. Vielmehr hofft er, dass es ihm andere in Zukunft womöglich gleichtun. „Wenn man sieht, das Unrecht geschieht, sollte man handeln“, sagt Kinzelbach. Es muss ja nicht gleich jeder eine Verfolgungsjagd starten. Manchmal reicht es schon, die Polizei zu alarmieren oder sich um die Geschädigten zu kümmern. Denn eines ist für ihn klar: „Alles ist besser als Nichtstun.“

Die 42 Jahre alte Kassiererin verletzte sich durch den Stoß des Räubers und den folgenden Sturz auf den Boden übrigens an der Hand. Darüber hinaus erlitt sie nach Angaben der Kripo einen Schock. Der in München wohnende Räuber verbrachte die Nacht in Polizeigewahrsam, wurde am Mittwoch nach Abschluss der polizeilichen Maßnahmen und nach Rücksprache mit der Staatsanwaltschaft München II wieder entlassen, teilte ein Polizeisprecher auf Anfrage mit.

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