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Gert Wilden kennt kein Alter

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Seine Schlager wurden alle Hits
Seine Schlager wurden alle Hits

Tutzing - Er schrieb die größten Ohrwürmer, "Heidi beschert ihm noch immer einen warmen Geldsegen: Gert Wilden feiert am Sonntag 95. Geburtstag.

Er swingt wie eh und je. Sein Gang ist wieselflink, seine Gesten lebhaft, aus seinen Augen blitzt die pure Lebensfreude, sein Lachen ist jugendlich-frisch, sein Auftreten sportlich-galant. Er ist der Grandseigneur der guten Unterhaltungsmusik und hat als Komponist, Arrangeur und Dirigent Musik-, Radio-, Film- und Fernsehgeschichte geschrieben. Erst fünf Jahre ist es her, dass der legendäre Musiker seinen 90. Geburtstag feierte. „Das waren noch Teeniezeiten“ scherzt Gert Wilden. Seitdem hat er seine Memoiren „Erkennen Sie die Melodie“ veröffentlicht und darin bekannt, sich ein Leben lang um sieben Jahre jünger gemacht zu haben, weil ihm „Führer, Volk und Vaterland“ sieben seiner schönsten Jahre geraubt hatten. Immer noch fährt er täglich mit seinem Cabrio in seine Münchener Wohnung zum Arbeiten. Er schreibt Musicals, vermarktet sein Musikarchiv und hilft als rechte Hand seinem Sohn Gert Wilden jun., der in seine Fußstapfen gestiegen ist.

Understatement gehört zum Senior wie die Tasten zum Klavier: Immer noch behauptet er, dass er, Gerhard Alfred Arnold Wychodil, genannt Wilden, geboren am 15. April 1917 in Mährisch-Trübau, eine deutsche Sprachinsel in Böhmen und Mähren, eigentlich „kein Hit“ sei. Dafür ein Sonntagskind. Glück hat er immer gehabt, und Chancen, die ihm das Schicksal bot, zu nutzen gewusst. Seine Schlager wurden (fast) alle Hits.

In seinem Tutzinger Haus, das er „in den Fünfzigern“ kaufte, stapeln sich Platten, Bücher, CDs, Videos und Erinnerungen an die Stars, für die er komponiert hat: für „die Hilde“ (Hildegard Knef), für Heinz Rühmann, Vico Torriani, Peter Alexander, Zarah Leander, Hans Albers, Jopi Heesters, Catarina Valente, Gitte, Ivan Rebroff, Fred Bertelmann und und und..... Auch die Liste seiner musikalischen Arrangements fürs Fernsehen ist ellenlang: „Erkennen Sie die Melodie?“, „Max Greger Show“, sieben ZDF-Silvestergalas, Sonntagskonzerte. Insgesamt war er für 400 Fernsehsendungen musikalisch verantwortlich. Dazu Filmmusik. Doch wo anfangen bei 105 Filmen von „Lederstrumpf“ bis zum „Schulmädchenreport“? „Heidi“ bringt ihm immer noch finanziellen Segen. Er hat elf Operetten und Musicals geschrieben, mit 38 Orchestern gearbeitet und ist 27 Jahre mit den „Vielharmonikern“ um die Welt gereist.

Ein reiches Künstlerleben also, dessen Karriere in Tutzing begann, als Gert Wilden aus seiner Gefangenschaft im Lager Cherbourg nach Bayern kam. Schon nach einer Woche fand er Arbeit im amerikanischen Offiziersclub in Tutzing, der in der heutigen Mädchenrealschule untergebracht war, später auch im Offiziers-Yachtclub in Starnberg. Sein Prager Studienfreund Gyula Mihalik, der für die Amerikaner Bands für die Clubs engagierte, hatte ihn dort untergebracht. Zu viert spielten sie im Casino Tanzmusik und verdienten neben einer Flasche Whiskey und einer Stange Zigaretten eine Stange Geld. Im gleichen Casino trat auch die Dinnermusic-Stringband von Arthur Schanze auf, Vater von Showmaster Michael Schanze, der am Höhenberg lebte. Er war es, der kurz darauf Wilden für sein Rundfunktanzorchester engagierte. So entstanden die ersten Aufnahmen mit Peter Alexander. Zum Film fand Wilden durch den wichtigsten Ufa-Komponisten dieser Zeit, dem „Das-gibts-nur-einmal“-Komponisten Werner Richard Heymann, der ihn von der Stelle weg engagierte, nachdem er ein Arrangement von Gert Wilden im Radio gehört hatte.

Müde ist Gert Wilden in den 95 Jahren seines reichen Lebens nicht geworden. Sein Rezept: „Ich lebe ganz normal.“ Und dann behauptet er noch mit dem gewissen Funkeln in den Augen, dass er trinken könne, wie ein Loch, ohne dass man ihm was anmerke. Vielleicht hält ihn aber auch seine Schwäche für Blödelei jung, die er bei Heymann lernte. Dieser hatte den jungen Wilden eines Tages gefragt, wie viele Zitronen denn ein Zitronenfalter in der Stunde faltet.

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