Geschichte und Geschichten

Erling - Der Heimatverein Erling/Andechs lädt immer wieder mal zu Spaziergängen durch das Klosterdorf ein. Zu hören gibt es Geschichte und Geschichten, zu deren Details auch immer wieder die Teilnehmer beitragen.

Erling - Bei einem Rundgang durch den mehr als 1200 Jahre alten Andechser Ortsteil Erling lenkten die Karl Strauß und Peter Klein vom Heimatverein den Blick auf Schlaglichter der Ortsgeschichte und bedeutende Institutionen.

Mehr als 20 Teilnehmer waren am Samstagnachmittag zum Ausgangspunkt an der Alten Schule gekommen, um mehr über das Dorf am Fuße des Heiligen Bergs zu erfahren oder Erinnerungen aufzufrischen. „Im Schulkeller, wo jetzt die Junge Mannschaft ihren Treffpunkt hat, stand zu meiner Zeit eine Kiste mit Knochen herum“, wusste zum Beispiel ein Erlinger zu erzählen, der 1949 eingeschult worden war. Strauß wusste noch mehr zu diesem Thema zu berichten: „Hier befand sich früher die St. Martins-Kirche mit Friedhof. Später hat man etliche Menschenknochen gefunden.“ Die Schule bezog den Standort 1827. Im Folgebau von 1907 wurde bis 1994 unterrichtet. Heute nimmt einen Großteil des Gebäudes der Kindergarten-Elterninitiative Bärenhöhle in Anspruch.

Eine 100 Jahre alte, knarzige Treppe führt hinauf ins Obergeschoss, wo man dem Schulunterricht und der Wohnung des Lehrer-Fräuleins von anno dazumal nachspüren kann. Dort ist ein Klassenzimmer üppig bestückt mit hölzernen Schulbänken, einem Lehrerpult und einer Kreidetafel mit Sütterlin-Gekrakel. Die Wände zieren ausgestopfte Vögel, Schubladen sind gefüllt mit Lehrmaterial wie Kalksteinen, Muscheln und Schnecken. Das Skelett im Schrank löst heute eher Belustigung aus. „Mit dem ham de Buam früher uns Madln daschreckt“, erzählt eine Erlingerin. „Das war der Horror.“

Vorbei am Feuerwehr-Museum und der Möbelbörse gilt ein Blick dem Heiligen Nepomuk. „Pater Daniel vom Kloster Andechs hat ihn 1985 gestiftet“, lässt Peter Klein wissen. Damals wurde die Kientalbrücke neu gebaut, der vorige Nepomuk musste umziehen. Klein: „Zur großen neuen Brücke kam ein großer neuer Nepomuk.“ Nicht weit entfernt befand sich einer der größten Arbeitgeber Erlings: In den 70er Jahren beschäftigte der Orgelbauer Eisenschmid rund 60 Mitarbeiter, denen er auf seinem riesigen Areal Personalwohnungen zur Verfügung stellte. Heute fertigt die Firma Eisenschmid als Zulieferer nurmehr Spieltische und Einzelteile für große Orgelbauer.

Die Eröffnung des Max-Planck-Instituts in Seewiesen 1954 hatte auch Auswirkungen auf Erling. In den 50er bis 80er Jahren betreibt der Biologe und Verhaltenspsychologe Jürgen Aschoff eine Abteilung in Erling. Mit Zeit-Versuchen macht er deutschlandweit Schlagzeilen, als er rund 300 freiwillige Probanden gegen Gage in einem Forschungsbunker aufnimmt. Ein schmaler Gang und eine massive Betontüre markieren den Zugang zur unterirdischen Anlage. „Das Geld für den Bunkerbau kam von der Nasa“, weiß Strauß. „Heutzutage hätte die Ethik-Kommission etwas gegen solche Versuche.“ Jeweils vier Wochen lang lebten Menschen ohne Tageslicht und ohne Uhr völlig isoliert, machten Reaktionstests, gaben ihren Urin ab, schrieben, kochten, schliefen. Sie hörten kein Radio und lasen keine Zeitung. „Es stellte sich heraus: Der Mensch hat einen 25- und keinen 24-Stunden-Rhythmus“, so Klein. Als die Abteilung für Verhaltensphysiologie 1982 aufgelöst wurde, zogen die Ornithologen ein. Über mehrere Jahre nutzte die am Bodensee gelegene Vogelwarte Radolfzell das Gelände unter anderem für ihre Verwaltung. Inzwischen wirken der zugehörige Schlossbau von 1861 und die Gebäude ringsherum verwaist. Strauß bezeichnet die Anlage als „Ruhesitz für Wissenschaftler“.

Beeindruckt waren die Teilnehmer von der alten Dorfschmiede, die bis 1963 wirtschaftlich genutzt wurde und gerade erst restauriert wurde. Vor loderndem Feuer schauten sie Kunstschmied Fritz Kappelmaier und seinem Kollegen Karl Steinbeißer bei der Arbeit zu. „1475 wird die Schmiede erstmals erwähnt“, sagt Klein. „Ursprünglich gehörte sie zu einem Haus, das in den 70er Jahren schon abgerissen wurde.“ Wer einmal einen Blick hineinwerfen möchte: Jeden letzten Samstag im Monat (10 bis 14 Uhr) sind Kappelmaier und Steinbeißer am Werk.

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