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Ohne Fahrkarte kam er auch zum Prozess: Manuel Erhardt (r.) aus Gilching mit seinem Laienverteidiger Andreas Schachtner im Starnberger Gerichtsgebäude. 

Kampf gegen den MVV

Mann (20) fährt seit zwei Jahren schwarz - ein Schild soll ihm das erlauben

Weil er gegen Fahrpreise in öffentlichen Verkehrsmitteln kämpft, musste sich ein 20-Jähriger aus Gilching am Montag vor dem Starnberger Jugendgericht verantworten. Der Vorwurf: 23 Fälle der Leistungserschleichung.

Gilching/Starnberg – Manuel Erhardt ist ein Mann mit Prinzipien. „Ich bin entschieden gegen Fahrpreise in öffentlichen Verkehrsmitteln“, sagte der 20-Jährige aus Gilching am Montag vor dem Starnberger Jugendgericht. Zum Prozess wegen 23 Fällen der Leistungserschleichung war sogar ein Fernsehsender Erhardts Einladung in den Sitzungssaal gefolgt. Jugendrichter Ralf Jehle kam derweil noch nicht zu einem Urteil. Er will Ende Februar zunächst drei weitere Kontrolleure hören.

Seit rund zwei Jahren fährt der junge Angestellte aus Überzeugung schwarz und macht daraus kein Geheimnis. Ein eingeschweißtes Schild mit der großgedruckten Aufschrift „Ich fahre ohne gültige Fahrkarte“, trägt Erhardt stets mit sich, wenn er die S-Bahn besteigt. Der 20-Jährige stößt dabei auf vielfältige Reaktionen: „Einmal hat mich ein Kontrolleur neben einen Fahrgast mit Gruppenkarte gesetzt. Andere Kontrolleure haben mich rausgeschmissen.“

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Das sind die Motive des Fahrkarten-Verweigerers

In Zeiten von Klimaschutz und Dieseldiskussion fordert Erhardt den MVV-Nulltarif: „Dass der kostenlose öffentliche Personennahverkehr funktioniert, zeigt unter anderem Estlands Hauptstadt Tallin“, sagte er. Außerdem führten die Tarife „automatisch zu einer Diskriminierung gegenüber Menschen mit wenig Geld“. Auch zum Prozess machte sich der Polit-Aktivist mit Schild statt Fahrkarte auf. Schließlich habe ihm die Justiz den im Vorfeld beantragten Reisekostenzuschuss von gut acht Euro versagt, monierte er.

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„Fahren mit Schild ist nicht heimlich und somit nicht strafbar“

Inspiration holte er sich bei einem anderen Gilchinger Aktivisten, den das Starnberger Amtsgericht in ähnlicher Sache verurteilt hatte. Laut Auskunft von Erhardts Rechtsbeistand Andreas Schachtner erging für den Präzedenzfall in zweiter Instanz vor dem Landgericht München Ende April 2018 zunächst Straffreiheit. Da die Staatsanwaltschaft Rechtsmittel einlegte, liege der Fall derzeit dem Oberlandesgericht vor. 

Der Industriemechaniker Schachtner trat im Prozess als Laienverteidiger auf und ließ nach der Verhandlung wissen: „Wir zielen auf einen Freispruch mit der Begründung, dass Fahren mit Schild nicht heimlich ist und somit nicht strafbar.“ Zu den konkreten 23 Schwarzfahrten und einem dadurch verursachten Schaden von 127 Euro im Zeitraum zwischen Juli 2017 und Juli 2018 nahmen die Freunde Erhardt und Schachtner keine Stellung.

„Ich fahre ohne gültige Fahrkarte“, steht auf dem Schild.

Zähe Beweislage 

Die Beweislage gestaltet sich bisher zäh. Zum ersten Prozesstag erschien nur einer der geladenen Kontrolleure. Der 29-Jährige konnte sich an Erhardts Schwarzfahrt nicht erinnern, merkte aber an: „Ich hatte schon mehrere Fahrgäste, die dieses Schild bei sich trugen.“ Laut Schachtner reiche der bloße Kontrolleurszettel für eine Verurteilung nicht aus: „Da gibt es ein Beweisverwertungsverbot.“ Nach Auskunft von Richter Jehle existiere ein solches Beweisverwertungsverbot zwar nicht – den schlichten Ausdruck der Kontrolleure hält der Amtsrichter aber auch für „zu dünn“ in Sachen Beweisführung.

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Ob die Polit-Freunde mit ihrem Kurs durchkommen, bleibt abzuwarten. Aufgeben ist für Erhardt keine Option: „Egal wie das Gericht in diesem Fall über mich urteilt, ich werde weiter für die Entkriminalisierung von ticketlosem Fahren kämpfen, und wenn ich dafür bis vor das Oberlandesgericht muss.“

Nilda Höhlein

Ein kurioser Vorfall hat sich in einer S3 bei Olching ereignet. Dort ging eine 26-Jährige auf ihre Zwillingsschwester los. Ein Mann wollte schlichten und wurde selbst zum Opfer. Fahrgäste einer S2 bei Dachau saßen dagegen fast zweieinhalb Stunden in einer S-Bahn fest. Ein Mann aus Wörthsee muss ins Gefängnis, weil er immer wieder ohne Ticket in die S-Bahn stieg.

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