+
Dagmar Schuller, Chefin und Mitgründerin der Firma Audeering.

Kein Arztbesuch mehr nötig

Hustengeräusch verrät Coronavirus:  Gilchinger Firma hat neue App in Planung

  • Hanna von Prittwitz
    vonHanna von Prittwitz
    schließen

Schon zu Anfang von Corona haben Ärzte in Wuhan die Hustengeräusche von Erkrankten aufgenommen. Die Gilchinger Firma Audeering hat sich das genauer angeschaut.

GilchingCorona ist eine Plage, aber auch ein Motor für Ideen. „Wir haben uns sofort überlegt, was wir mit Audio-Analysen in diesem Bereich machen könnten“, erklärt Dagmar Schuller, Chefin und Mitgründerin des Unternehmens Audeering in Gilching. Die Firma hat sich auf Audiosprachanalysen mittels künstlicher Intelligenz (KI) spezialisiert. In etwa vier Wochen wollen Schuller und ihr Team auf der Internetseite des Unternehmens eine Web-App anbieten, mit der jeder bei sich zu Hause Audioaufnahmen machen kann. Diese „Soundspende“ kann er dann dem Unternehmen zur Verfügung stellen. Denn für das, was sich Audeering überlegt hat, braucht es vor allem Daten.

Künstliche Intelligenz erkennt Corona-Husten - Firma plant App

Schon zu Anfang der Corona-Pandemie haben sich Wissenschaftler den Husten der Corona-Patienten genauer angehört. Zwei Ärzte im chinesischen Wuhan stellten von 50 Corona-Patienten Audio-Dateien her. Sie waren über einen Kollegen in Tokio auch mit einem Professor an der Universität Augsburg vernetzt. Es zeigte sich: Die besondere Art des Hustens und auch „Soundevents“ wie Lungenrasseln sind laut Schuller über intelligente KI-basierte Soundanalyse nachweislich erkennbar. Diese Erkenntnisse veröffentlichten die Wissenschaftler bereits am 24. März auf der Plattform „arxiv“. „Wir waren also wirklich die ersten“, erklärt Schuller. „Wir haben dann auch gleich losgelegt.“

Firma Audeering arbeitet an App - Sie soll Corona-Husten erkennen

Dabei ging es auch um das liebe Geld. Ein Teil der 72 Audeering-Mitarbeiter war wegen Corona in Kurzarbeit. „Und wir sind kein Forschungszentrum“, sagt Schuller. Sie wandte sich an die Bayerische Staatsregierung und das Gesundheitsministerium. „Die Reaktionen waren sehr positiv.“ Eine Demonstrationsapp war schnell fertig und sollte in den gängigen Shops gratis zu haben sein. Apple jedoch lehnte ab. „Wegen Datenschutz“, erklärt Schuller. Möglicherweise aber würden Apple und Google selbst an ähnlichen Apps arbeiten, vermutet sie. „Vielleicht haben sie uns als Konkurrenz gesehen.“

Audeering in Gilching: Corona erkennen durch den Husten ist möglich

Audeering beschloss, die App auf der eigenen Website als Web-App anzubieten. In vier Wochen etwa soll es soweit sein. Dann kann jeder die App nutzen und Audioaufnahmen von seinem Husten machen. „Wir brauchen zum Abgleich auch die Daten von Gesunden“, erklärt Schuller. Optimal sei es natürlich, wenn jemand wegen des Verdachts auf Ansteckung in Quarantäne müsse und dann erkranke – begleitet von Audioaufnahmen.

Denn je größer die Anzahl der Daten, mit denen das Computerprogramm gefüttert wird, desto zuverlässiger die Analyse. „Am besten macht man die Aufnahme nachts“, erklärt Schuller. Wer nicht nur hustet, sondern im Traum viel redet, muss sich nicht sorgen: „Er kann sich alles anhören und entscheidet selbst, was er uns zur Verfügung stellt.“

Corona-Erkennung ohne Arztbesuch: Neue App hört sich den Husten an

Im besten Fall erkennt der Computer anhand der menschlichen Geräusche, dass sich Corona bei einem Patienten entwickelt, noch bevor dieser einen Test gemacht hat. „Also ein null-invasives System ohne Abstrich und Arztbesuch“, sagt Schuller. Im weiteren Verlauf analysiert das Programm dann auch, ob und wie die Behandlung anschlägt. Die Vorteile: Es gibt mehr Informationen über den Krankheitsverlauf. Und der Patient kann sich selbst überprüfen. Möglicherweise wird die App auch um Stimmenaudios erweitert. Denn erste Untersuchungen der Uni Augsburg zeigen: Auch die Stimme verrät, ob Corona im Anmarsch ist.

„Grundsätzlich geht es um eine massentaugliche Methode, die natürlich auch in der Tracking-App der Bundesregierung Sinn machen würde“, erklärt Schuller. Mit Dorothee Bär, der Digitalisierungsbeauftragten der Bundesregierung, hat Schuller schon gesprochen. Sie fürchtet allerdings, dass die Regierung erst noch abwartet, bis sich die eigene Tracking-App etabliert hat. Bis dahin will Audeering Daten sammeln. „Unsere Wunschzahl sind 250 000 Datensätze.“

Lesen Sie auch: Nach wie vor ist unklar, wie sich das Coronavirus bei einem Gilchinger Caterer so massiv hatte ausbreiten können. Die Lüftung, die zunächst als Verbreitungsmöglichkeit gesehen wurde, war offenbar nicht der Grund.

Alle Entwicklungen rund um das Coronavirus in Deutschland lesen Sie auch immer in unserem aktuellen Ticker auf merkur.de

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

SARS-CoV-2: Erneut Reiserückkehrer postiv getestet
Die Lage in der Corona-Pandemie im Landkreis Starnberg bleibt unsicher. Am Mittwoch kam ein Fall dazu.
SARS-CoV-2: Erneut Reiserückkehrer postiv getestet
„StaRKe Strolche“ suchen Verstärkung
Andechs’ Bürgermeister Georg Scheitz und BRK-Kreisgeschäftsführer Jan Lang kommen aus dem Schwärmen gar nicht raus, wenn sie durch das neue Kinderhaus der Gemeinde …
„StaRKe Strolche“ suchen Verstärkung
„Die alten Menschen waren sehr traurig“
Corona war für die Pflegeheime eine Herausforderung. Ein Interview.
„Die alten Menschen waren sehr traurig“
Aus Eifersucht: Wirt attackiert Theater-Regisseur hinter den Kulissen
Während der Theateraufführung in seiner Gastwirtschaft ließ ein Wirt aus dem Landkreis Starnberg seinen Emotionen freien Lauf. Aus Eifersucht attackierte der 48-Jährige …
Aus Eifersucht: Wirt attackiert Theater-Regisseur hinter den Kulissen

Kommentare