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Frauen-Überschuss in der Führungsebene

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Von: Tobias Gmach

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Loben ihren Arbeitgeber in den höchsten Tönen: Stephanie Baumann, Carolin Helgert, Julia Lacher, Birgit Bauer und Sunay Sahin im Gilchinger Hauptsitz der Firma Reichhart-Logistik. Dass sie viel mit der Automobilbranche zu tun haben, sieht man unter anderem an der ausgestellten Abgasanlage eines Autos.
Loben ihren Arbeitgeber in den höchsten Tönen: Stephanie Baumann, Carolin Helgert, Julia Lacher, Birgit Bauer und Sunay Sahin im Gilchinger Hauptsitz der Firma Reichhart-Logistik. Dass sie viel mit der Automobilbranche zu tun haben, sieht man unter anderem an der ausgestellten Abgasanlage eines Autos. © Andrea Jaksch

Der Wirtschaftspreis des Landkreises geht heuer an „Unternehmensvorbilder für frauenorientierten profitablen Vorsprung“. Die Verleihung ist am 9. November, neun Finalisten stehen fest. Der Starnberger Merkur stellt sie in loser Folge vor. Heute: das Logistik-Unternehmen Reichhart aus Gilching.

Gilching – Als Sunay Sahin vor zwölf Jahren bei Reichhart-Logistik in Gilching anfing, arbeitete dort genau eine weibliche Führungskraft. Sie machte den Job, den heute Sahin macht. Die 30-Jährige leitet das integrierte Management, sie und ihr Team haben die Aufgabe, für Qualität zu sorgen. Sie suchen nach Schwachstellen in den vielfältigen Reichhart-Dienstleistungen – von Produktionsplanungen für Autohersteller über die Transportlogistik bis zur Lagerung, dem sogenannten Warehousing. „Wir optimieren Prozesse“, sagt Sahin.

Wer mit ihr und anderen Frauen bei Reichhart spricht, bekommt den Eindruck, dass dort seit zwölf Jahren vieles optimiert wurde. Dass das Unternehmen die Vorzüge von Teilzeitarbeit zu schätzen und zu nutzen weiß. Und das Potenzial von Frauen. Im Herbst 2022 ist mehr als die Hälfte der Stellen im oberen Management weiblich besetzt. Im Reichhart-Verwaltungsgebäude an der Lilienthalstraße ist das Geschlechterverhältnis ausgeglichen.

Das Vollzeit-Teilzeit-Verhältnis in Sahins Abteilung dagegen ist nicht ganz paritätisch. Sogar sechs von zehn Mitarbeiter schieben keine 40-Stunden-Woche. Manche kommen mittwochs oder freitags nicht, andere gehen an anderen Tagen früher. „Für mich als Führungskraft ist das in der Planung schon eine Herausforderung, aber es ist machbar“, sagt Sahin. Christin Bierfischer aus der Abteilung Personalentwicklung und Wissensmanagement ergänzt: „Es gilt, die Puzzleteile zusammenfügen. so wird man gezwungen, effizient zu sein.“ Und das sei schließlich etwas Gutes. Und es passt zum etwas sperrigen Motto des Landkreis-Wirtschaftspreises, für den Reichhart nominiert ist: „Unternehmensvorbilder für frauenorientierten profitablen Vorsprung“.

Das Gegenteil von Frauenorientierung hat Julia Lacher einst am Meeting-Tisch einer anderen Firma erlebt: „Ich habe einen Vorschlag gemacht, der ignoriert wurde. Später hat ein Mann dasselbe mit anderen Worten gesagt und wurde bejubelt“, erzählt die 33-Jährige. „So etwas passiert mir hier nicht.“ Lacher hat eine Tochter, zweieinhalb Jahre alt. Nach der Elternzeit habe sie „eins zu eins weitergearbeitet“. Was ihr besonders wichtig ist: Auch wenn sie „nur“ 25 Stunden beschäftigt ist, habe sie bei Reichhart die Gelegenheit, Verantwortung für Projekte zu übernehmen. Sie ist zuständig fürs Marken-Management, für die Wirkung der Firma nach außen. Dinge, mit denen sie sich intensiv beschäftigt hat, gibt Lacher ungern aus der Hand. „Deshalb schalte ich mich auch mal nachmittags nach meiner Arbeitszeit von zu Hause in ein Meeting ein.“ Eine Bereitschaft, die laut den Reichhart-Frauen viele an den Tag legen. Weil ihnen der Arbeitgeber Freiräume ermögliche – wenn sie Kinder oder einen Pflegefall betreuen, wenn sie sechs Wochen lang den Jakobsweg gehen oder sich nebenberuflich weiterbilden wollen.

Auch wenn im Gabelstapler oder Lkw heute schon mal eine Frau sitzt: Die Logistik-Branche inklusive der 14 Reichhart-Standorte in Deutschland, Österreich und Frankreich ist männerdominiert. Das Gilchinger Unternehmen versucht, das zu ändern, auch mit Kampagnen. Im Konferenzraum im dritten Stock hängen Fotos von vorbildlichen Männern, aber auch von einer „Logistik-Heldin“. Daneben steht: „300 Scanvorgänge pro Stunde. 4800 Komponenten am Tag. 13 Stunden Zeitersparnis pro Woche.“ Drei Bilder sind zu sehen, das von der Frau ganz oben.

Ob bei der Einstellung oder der Bezahlung: Es gehe immer nach Qualifikation, Erfahrung, Entwicklungspotenzial und Leistung, nicht nach dem Geschlecht. Das sagen Sahin, Bierfischer und Lacher wie aus einem Mund. Irgendwie logisch, dass sie von einer gesetzlichen Frauenquote wenig bis nichts halten. „Ich finde das diskriminierend gegenüber Männern“, sagt Bierfischer. Sahin blickt auf ihre zwölf Jahre bei Reichhart zurück: „Es ging nie um eine Quote, sondern um den Weg dorthin und die einzelnen Personen.“

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