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Abenteuerliche Apparatur: Ilyes Ben Hassini, Cordula Krüsmann und Dr. Philippe Verplancke vor dem Container, in dem sich der Prototyp ihrer Destillationsanlage befindet. Mittlerweile ist das Gerät auf dem Weg nach Marokko.

Firma entwickelt Destillationsgerät

Die Wassermacher aus Gilching

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Mithilfe von Luft Trinkwasser herstellen klingt auf Anhieb ziemlich unmöglich. Ein junges Unternehmerteam aus Gilching macht aber genau das.

Gilching – Trinkwasser aus der Luft gewinnen. Den Gedanken muss man erstmal sacken lassen. Dr. Philippe Verplancke, Geschäftsführer der Firma Aquahara Technology GmbH, hat mit seinen Mitarbeitern ein Gerät entwickelt, das dies möglich machen soll, und zwar für eine breite Masse. Der Prototyp wird derzeit von Gilching nach Marokko transportiert. Vor der Fahrt dorthin lud Verplancke ins Gilchinger Gewerbegebiet zu einer kleinen Präsentation.

Zwischen Kiesbergen und Großbaustelle im gerade werdenden Gewerbepark Gilching-Argelsried haben Verplancke und sein Mitarbeiter, der Ingenieur Ilyes Ben Hassine, seit Mitte 2017 viel Zeit verbracht. In einem Container stehen technische Apparaturen, auf dem Dach dreht sich geschützt in einem Kasten ein großer Ventilator. Verplancke, gebürtiger Belgier und seit 27 Jahren in Deutschland, tüftelt seit drei Jahren an der Idee, aus Luft Trinkwasser zu machen. Im März 2017 erst gründete er seine Firma Aquahara.

Private Investoren unterstützen das Projekt mit 500 000 Euro

Aufbruchstimmung herrscht in dem jungen Team, dem neben Hassine noch Finanzchefin Cordula Krüsmann angehört. 500 000 Euro haben private Investoren bisher in das Projekt gesteckt, die Gemeinde Gilching hat dem Unternehmen die kleine Fläche neben der Großbaustelle der Firma Hönle zur Verfügung gestellt, und mit 250 000 Euro Fördermitteln ist auch das Bayerische Wirtschaftsministerium beteiligt.

Das Prinzip der Wassergewinnung aus der Luft ist nichts Neues: Jeder hat schon mal die Kondensationstropfen an Klimaanlagen gesehen oder einen Entfeuchter im Keller ausleeren müssen. Doch diese Gerätschaften brauchen viel zu viel Strom und produzieren viel zu wenig Wasser, um in heißen Ländern Mensch und Tier versorgen zu können. Verplanckes Anlage setzt auf Salz und Solarenergie.

Bekanntlich zieht Salz den Rotweinfleck aus der Tischdecke. Stärkeres Salz kann jedoch so viel Feuchtigkeit anziehen, und zwar auch aus der Luft, dass sich eine Salzlösung bildet. Diese wird in Verplanckes Destillationsanlage mit Solarwärme aufgeheizt. Das Wasser wird in Form von Dampf freigegeben, der abgekühlt zu sauberem Frischwasser kondensiert. Weil es sich um destilliertes Wasser handelt, wird es mit Mineralien angereichert. Das Salz wird indes dem Prozess wieder zugeführt.

Verplanckes Vision: Wasserläden in trockenen und armen Ländern

Mitentscheidend bei diesem Prozess sind die Verfahrenskosten. Sowohl die Anlagen als auch das Wasser sollen finanzierbar sein. Verplancke denkt an Wasserläden in trockenen und armen Ländern, in denen die Menschen für 5 bis 10 Cent pro Liter sauberes Wasser kaufen können. Derzeit kostet ein Liter Wasser beispielsweise in Marokko 20 Cent. Im besten Fall gehen die Menschen mit Mehrwegbehältnissen zu den Wasserläden, brauchen also auch keine Plastikflaschen mehr.

Pro Q uadratmeter Solarmodul lassen sich rund drei Liter Wasser pro Tag gewinnen. Die trockene Wüstenluft ist da kein Problem. Denn selbst sie beinhaltet noch sieben Milliliter Wasser pro Kubikmeter Luft. Für ein Glas Wasser braucht man ungefähr 200 Kubikmeter Luft. „Dies entspricht der Luftmasse, die eine kleine Brise innerhalb von zwei Minuten um unseren Körper herumströmen lässt“, erklärt Verplancke.

Neben Wasserläden sind auch Hausanlagen geplant, erklärt der Ingenieur. „Eine Familie könnte auf ihrem Dach mit einer sieben Quadratmeter großen Solaranlage 21 Liter Wasser täglich produzieren.“ Freilich ist bis dahin die Anlage längst nicht mehr so groß wie der Prototyp, der in Gilching einen Container ausfüllt und ziemlich sperrig ist. Verplancke geht bei den Hausanlagen von rund ein mal ein Meter großen Kästen aus, die rund 1500 Euro kosten sollen.

Verplancke ist sicher, dass er die Kosten noch senken kann

Der Wasserladen bräuchte Solarkollektoren mit einer Größe von 20 mal 20 Meter, um täglich 1000 Liter zu produzieren. Das kostet viel Geld, doch die Rendite macht Anlagen wie diese für Investoren interessant, daran hat Verplancke keinen Zweifel. Er ist überzeugt, dass er grundsätzlich die Kosten bis zur Marktreife in zwei, drei Jahren senken kann. Mit neuen Materialien, die günstiger und besser sind, wie beispielsweise die schwarzen Kunststoffröhren in seinem Prototypen, die das biologische, aber starke Salz gut aushalten und viel billiger sind als Edelstahlröhren.

Doch all dies will sorgsam getestet und kontrolliert sein. „Vieles scheitert daran, dass es nicht bis zum Ende durchdacht wird“, sagt Verplancke mit Blick auf Lebensdauer, Reparaturkosten und auch Entsorgung. Er brennt für das Thema und ist im Geiste schon mit dem Aufbau der Anlage in Marokko beschäftigt. Dort steht die Apparatur in einem Kinderdorf. „Wir werden beweisen, dass das alles auch in der Wüste funktioniert.“

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